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Prometheus
1785
– Werkseintrag –

Prometheus

1785 · Lyrik

Eine Hymne, die nicht lobt, sondern anklagt: Goethes Titan stellt die Götter zur Rede und beruft sich auf nichts als sein eigenes glühendes Herz.

Überblick

Mit der Hymne Prometheus hat Johann Wolfgang von Goethe eines der berühmtesten Gedichte der deutschen Literatur geschaffen. Entstanden ist es 1774, in der Hochzeit des Sturm und Drang. Gedruckt erschien es erst 1785. Der junge Goethe legt dem Titanen Prometheus eine zornige Rede gegen Zeus und die olympischen Götter in den Mund. Es ist eine trotzige Selbstbehauptung des schöpferischen Menschen, der niemandem mehr huldigt als sich selbst. Das Gedicht ging aus einem gleichnamigen Dramenfragment hervor. Bis heute gilt es als eines der eindrücklichsten Bekenntnisse zur künstlerischen Autonomie.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein einzelner Sprecher wendet sich an Zeus, den höchsten der griechischen Götter. Es ist Prometheus, jener Titan, der nach antiker Sage die Menschen aus Lehm geformt und ihnen das Feuer gebracht hat. Statt den Göttern aber zu danken oder sie zu preisen, eröffnet er eine bittere Abrechnung. Er hält den Olympiern vor, wie sie sich verhalten, woraus sie ihre Macht beziehen und was sie für ihn und die Menschen wirklich getan haben.

Wer das Gedicht zum ersten Mal liest, sollte sich auf eine ungewöhnliche Hymne einstellen: eine, die nicht lobt, sondern anklagt. Schon die ersten Verse setzen den Ton. Im weiteren Verlauf treibt Prometheus seine Vorwürfe in immer schärferen Fragen voran. Was er aus dieser Abrechnung am Ende für sich selbst ableitet, gehört zu den meistzitierten Stellen der deutschen Lyrik. Es wird hier nicht verraten.

Die Handlung im Detail

Die sieben Strophen lassen sich als eine fortschreitende Rede des Titanen lesen. In der ersten Strophe befiehlt Prometheus dem Zeus, seinen Himmel mit Wolkendunst zu bedecken und sich an "Eichen" und "Bergeshöhn" zu üben – wie ein Knabe, der "Disteln köpft". Die Erde aber, sein eigenes Werk, und seine Hütte müsse Zeus ihm lassen. Damit ist das Verhältnis von vornherein umgekehrt: nicht der Mensch fürchtet den Gott, sondern der Gott wird vor die Schranken gewiesen.

In der zweiten Strophe weitet sich der Vorwurf auf alle Götter aus. Sie nähren sich "kümmerlich" von den Opfergaben der Gutgläubigen, und Prometheus bekennt: "Ich kenne nichts Ärmer's / Unter der Sonn' als euch Götter". Die dritte Strophe schildert, wie er sich selbst einmal verirrt und hilfesuchend an den Himmel gewandt habe – vergeblich. Nicht die Götter hätten ihn gerettet, sondern sein eigenes "heilig glühend Herz".

Die Strophen vier bis sechs steigern den Angriff in Form rhetorischer Fragen. Wer hat ihm geholfen gegen die Übermut der Titanen? Wer hat ihn vom Tode gerettet, von der Sklaverei? Hat nicht alles dies sein "heilig glühend Herz" selbst vollendet? Und wofür solle er die Götter überhaupt ehren – haben sie je die Schmerzen des Beladenen gelindert, je die Tränen des Geängsteten gestillt? Nicht sie, so die Antwort, sondern "die allmächtige Zeit / Und das ewige Schicksal" hätten ihn "zum Manne geschmiedet".

Aus dieser Bilanz zieht Prometheus in der siebten und letzten Strophe seine Konsequenz. Er will die Götter nicht mehr achten, will nicht weinen lernen, nicht das Leben hassen, nicht in die Wüste fliehen, nur weil nicht alle Knabenmorgen-Blütenträume reiften. Stattdessen kündigt er an, hier zu sitzen und Menschen zu formen nach seinem Bilde – ein Geschlecht, das ihm gleich sei: zu leiden, zu weinen, zu genießen und zu freuen sich – "Und dein nicht zu achten, / Wie ich!" Mit diesem trotzigen "wie ich" endet die Hymne. Der Titan hat sich nicht nur von Zeus losgesagt, er hat sich an dessen Stelle gesetzt: als Schöpfer eines eigenen, götterfreien Menschengeschlechts.

Stil

Das Gedicht ist in freien Rhythmen geschrieben, reimlos bis auf den drittletzten und letzten Vers, die dadurch besonders hervortreten. Diese ungebundene Form ist typisch für Goethes Lyrik der Sturm-und-Drang-Zeit. Sie passt zum Inhalt, denn auch der Sprecher kennt keine Bindung mehr an die alten Ordnungen. Verse und Strophen sind unterschiedlich lang und scheinen sich stellenweise zu überstürzen – ein sprachliches Bild für die Heftigkeit des Gefühls.

Schon in der ersten Strophe häufen sich die Imperative. Die Possessivpronomen "dein" und "mein" stehen betont gegeneinander und markieren die Trennlinie zwischen Gott und Titan. In den Strophen vier bis sechs wechselt Goethe in die Frageform. Die Fragen werden dabei immer knapper und verkürzen sich teils bis auf wenige Wörter. Diese an die antike Stichomythie erinnernde Zuspitzung wirkt pathetisch und macht den Druck der Anklage hörbar. Die vielen Unregelmäßigkeiten der Form spiegeln die Gefühlsbetontheit und die Kühnheit des Helden, beides Kennzeichen der Epoche.

Rezeption

Das Gedicht Prometheus gehört zu den bekanntesten Gedichten Goethes und zu den meistgedeuteten Texten der deutschen Literatur. Die Hymne wurde früh zum Schlüsseltext des Sturm und Drang gelesen. Hier spricht jener "geniale" Mensch, der nach damaliger Vorstellung alle Fesseln sprengt, an Schicksalsschlägen erstarkt und im schöpferischen Tun seinen vollen Ersatz für die Religion findet. Goethe selbst hat in der Gestalt des Titanen ein Bild seines eigenen Künstlertums entworfen.

Wirkungsgeschichtlich entzündete sich an dem Gedicht auch die sogenannte Pantheismusdebatte. In ihr wurde die Frage verhandelt, ob ein solcher Text die Religion verabschiede oder einen neuen Gottesbegriff andeute. Bis in die Gegenwart hat Prometheus Komponisten, Maler und Bildhauer angeregt. Dazu zählen Vertonungen im 19. und 20. Jahrhundert ebenso wie bildkünstlerische Arbeiten, etwa Der Empörer (1924) oder Der Menschenbildner. Der trotzige Schlussvers "Wie ich!" zählt zu den am häufigsten zitierten Zeilen der deutschen Lyrik.

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