1773
Götz von Berlichingen
Überblick↑
Das Schauspiel Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand erschien 1773 zunächst anonym im Druck und wurde 1774 uraufgeführt. Johann Wolfgang von Goethe stellt darin den fränkisch-schwäbischen Reichsritter Gottfried „Götz“ von Berlichingen in den Mittelpunkt, der wegen seiner künstlichen eisernen Hand seinen Beinamen trägt. Das Werk gilt als ein Hauptwerk des Sturm und Drang. Goethe wandte sich darin bewusst gegen die strengen Theaterregeln seiner Zeit und schloss an das Vorbild Shakespeares an. Mit einem Schlag machte das Drama den jungen Autor berühmt und löste eine ganze Mode von Ritterdramen aus.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Zentrum steht der Reichsritter Götz von Berlichingen, ein Mann der alten ritterlichen Welt, der auf persönliche Treue und eigene Unabhängigkeit setzt. Er liegt in Fehde mit dem Bischof von Bamberg, weil dieser einen seiner Knechte gefangen hält. Im Verlauf gelingt es ihm, seinen Jugendfreund Adelbert von Weislingen, der im Dienst des Bischofs steht, gefangen zu nehmen und auf seine Burg zu bringen.
Götz versucht, den alten Freund auf seine Seite zu ziehen, und ein Treuebündnis wird geschlossen. Doch am Hof in Bamberg wirken andere Kräfte. Der Höfling Liebetraut und die verführerische Adelheid von Walldorf locken Weislingen zurück in die Welt der Fürstengunst und der Schmeichelei.
So gerät die alte Welt des freien Rittertums in einen Gegensatz zur Welt des intriganten Adels und des neuen, an Verwaltung und römischem Recht ausgerichteten Staates. Götz kämpft von Anfang an auf verlorenem Posten. Das Werk zeigt seine Fehden, eine Verhandlung vor Gericht und schließlich die Verwicklung in den Bauernkrieg, der über das Land hereinbricht.
Die Handlung im Detail↑
Im ersten Aufzug liegt Götz von Berlichingen in Fehde mit dem Bischof von Bamberg, weil dieser einen seiner Knechte gefangen hält und foltert. Es gelingt Götz, seinen Jugendfreund Adelbert von Weislingen, der im Dienst des Bischofs steht, gefangen zu nehmen und auf seine Burg Jagsthausen zu bringen. Dort bewegt er ihn dazu, die Seiten zu wechseln. Zur Besiegelung des neuen Treuebündnisses verlobt sich Weislingen mit Götz' Schwester Maria.
Im zweiten Aufzug folgt die Reaktion aus Bamberg rasch. Der Höfling Liebetraut überredet Weislingen, nach Bamberg zurückzukehren. Er lockt ihn mit Weibergunst, Fürstengunst und Schmeichelei. Weislingen wird unsicher und wagt einen kurzen Besuch. In der Bischofsresidenz verliebt er sich in die verführerische Adelheid von Walldorf und lässt sich von ihr überreden, seinen Dienst beim Bischof wieder aufzunehmen.
Im dritten Aufzug verbindet Götz seine Schwester mit Franz von Sickingen, nachdem Weislingen sie verlassen hat. Götz überfällt reiche Kaufleute als Rache für die Gefangennahme eines seiner Reiterbuben. Daraufhin wird er vom Kaiser, der unter dem Einfluss Weislingens steht, mit der Reichsacht belegt und mit einem Heer verfolgt. Götz verschanzt sich in seiner Burg. Bei der Belagerung fällt das berühmte Götz-Zitat, der „Schwäbische Gruß“. Als er den Angreifern schließlich nachgeben muss, handelt er freien Abzug aus, wird aber dennoch festgenommen.
Im vierten Aufzug wird Götz im Rathaus von Heilbronn vor Gericht gestellt, wo er seine Unschuld beteuert. Sickingen befreit ihn mit Gewalt: Er rückt mit zweihundert Mann vor die Stadt und droht, sie anzuzünden. Götz zieht sich erneut auf seine Burg zurück.
Im fünften Aufzug wollen aufständische Bauern Götz auf ihrem Mord- und Raubzug zu ihrem Hauptmann machen. Nach anfänglichem Widerstand lässt er sich überreden, die Aufgabe für kurze Zeit zu übernehmen, unter der Bedingung, dass die Bauern auf weitere Gewalttaten verzichten. Doch die Bauern brechen das Versprechen, und Götz muss erleben, wie Miltenberg überfallen und niedergebrannt wird. Götz, der in einem Lager Schutz gefunden hat, wird von Weislingens Reitern gefangen genommen.
Adelheid ist Weislingens überdrüssig geworden und strebt nach der Gunst des neuen Kaisers. Weislingens Knappe Franz, der ihr Geliebter ist, steht so sehr unter ihrem Einfluss, dass er sich dazu überreden lässt, Weislingen zu vergiften. Die Verzweiflung über seine Tat treibt ihn anschließend in den Selbstmord. Adelheid wird von einem Femegericht wegen Ehebruchs und Mordes zum Tode verurteilt.
Götz, im Turm zu Heilbronn eingekerkert, stirbt in Anwesenheit seiner Frau Elisabeth, seiner Schwester und seines vertrauten Beraters Lerse, dem er seine Frau anvertraut. Er ist traurig bei dem Gedanken, sie in einer Welt zurückzulassen, in der „die Zeiten des Betrugs kommen“. Doch im Tod fühlt er sich endlich frei und ruft: „Himmlische Luft – Freiheit! Freiheit!“. Elisabeth stimmt reumütig zu: „Nur droben, droben bei dir. Die Welt ist ein Gefängnis.“ Das Drama endet mit Lerses Warnung: „Wehe der Nachkommenschaft, die dich verkennt!“.
Stil↑
Das Drama in fünf Aufzügen bricht bewusst mit den überlieferten Theaterregeln, die auf Aristoteles zurückgehen. Goethe schloss stattdessen an das Theater Shakespeares an und hob die Einheiten von Ort, Zeit und Handlung auf. Es gibt insgesamt über fünfzig Handlungsorte. Die dargestellte Zeit beschränkt sich nicht auf einen Tag, sondern erstreckt sich über mehrere, zum Teil parallel laufende Handlungen: die Verhandlung vor Gericht, den Bauernkrieg, mehrere Fehden und Überfälle. Insgesamt umspannt das Stück das halbe Leben des Götz.
Viele Szenen bestehen nur aus Gesprächsfetzen. Die Klammer, die sie zusammenhält, ist der durchgängig gezeigte Charakter des Helden. Sein Wesen stiftet die Einheit des Stückes ganz im Sinne Shakespeares. Der Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer bezeichnete das Werk deshalb als ein „szenisches Epos“. Die Sprache ist kraftvoll und derb, wie das berühmte Götz-Zitat zeigt, der „Schwäbische Gruß“.
In der Figur des Götz stößt das freie Rittertum, das auf gewachsenem Naturrecht und Treue gründet, auf die Welt des intriganten Adels, die dem abstrakten römischen Recht verpflichtet ist. Götz beweist einen Charakter, der die historischen Konventionen überwindet. Doch seine Vorstellung von individueller Unabhängigkeit und persönlicher Loyalität lässt ihn in Konflikt mit der entstehenden bürgerlichen Gesellschaft und dem modernen Verwaltungsstaat geraten. So kämpft er von vornherein auf verlorenem Posten.
Rezeption↑
Die unmittelbare Wirkung des Dramas war sensationell und machte den jungen Goethe mit einem Schlag berühmt. Der Erfolg beruhte nicht zuletzt darauf, dass das Stück die überlieferten Vorstellungen von Rang und Ansehen umkehrte. Mitglieder anderer Adelsfamilien fragten daraufhin beim plötzlich populär gewordenen Autor an, ob er nicht auch ihr Geschlecht literarisch verewigen wolle.
Nicht alle Stimmen waren wohlwollend. König Friedrich II. kritisierte den großen öffentlichen Erfolg, vor allem wegen der Ähnlichkeit mit den damals populär werdenden Werken Shakespeares. Er sprach von einer „abscheulichen Nachahmung dieser schlechten englischen Stücke“ und beklagte, dass die Zuschauer Beifall klatschten und die Wiederholung verlangten.
Goethes Götz stieß die Mode der Ritterdramen an und war unter anderem eine wichtige Anregung für Friedrich Schillers Drama Die Räuber. Bis heute wirkt das Werk nach. In der Burg Jagsthausen, der literarischen Heimat des Götz, wird das Stück jährlich bei den Burgfestspielen aufgeführt. Dafür wurden bedeutende Schauspieler verpflichtet, darunter Benno Sterzenbach, Hermann Schomberg und Alexander Golling. Im Jahr 2014 übernahm der bekannte Filmschauspieler Götz Otto unter der Regie von Michael Bogdanov die Titelrolle. In Heilbronn, wo der historische Götz eine Nacht im Bollwerksturm gefangen war, wurde ein Turm der Stadt zur Erinnerung „Götzenturm“ genannt. 1978 verfilmte Wolfgang Liebeneiner das Drama mit Raimund Harmstorf in der Titelrolle.
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