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Werkseintrag · Egmont
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Egmont
1788
– Werkseintrag –

Egmont

1788 · Tragödie

Ein gefeierter Graf, eine heimliche Liebe und ein nahender Herzog: Goethes Brüsseler Trauerspiel über einen Mann, der nicht glauben mag, dass es ernst wird.

Überblick

Der Egmont ist ein Trauerspiel von Johann Wolfgang von Goethe. Die Arbeit daran begann 1775. Abgeschlossen wurde das Stück erst 1787. Im Druck erschien es 1788, die Uraufführung folgte am 9. Januar 1789 in Mainz. Schauplatz ist Brüssel in den Jahren 1566 bis 1568, am Beginn des Achtzigjährigen Krieges zwischen den Niederlanden und der spanischen Krone. Goethe rafft die historischen Ereignisse zu einem dichteren Zeitraum zusammen. Auch bei der Hauptfigur nimmt er sich Freiheiten. Sein Egmont ist dem historischen Lamoral von Egmond nachgebildet, doch deutlich jünger, ungebundener und unbekümmerter gezeichnet. Zum Stück gehört eine Schauspielmusik. Die berühmteste schrieb Ludwig van Beethoven 1810 mit seinem Opus 84. Es erklingt heute meist im Konzertsaal.

Inhalt (ohne Spoiler)

Brüssel um 1566. In den Niederlanden gärt es. Die Statthalterin Margarete von Parma, Halbschwester des spanischen Königs Philipp II., versucht zwischen dem strengen Madrider Hof und einer immer unruhigeren Bevölkerung zu lavieren. Die Inquisition ist im Land, neue Bistümer werden eingerichtet. In einigen Provinzen plündern Bilderstürmer die Kirchen, und die alten niederländischen Freiheiten geraten unter Druck.

Mitten in dieser angespannten Lage steht Graf Egmont, gefeierter Feldherr und Liebling der Brüsseler Bürger. Auf den Plätzen rühmt man seine Treffsicherheit, seine soldatischen Erfolge und seine leutselige Art. Egmont selbst nimmt die Gefahr ringsum erstaunlich leicht. Er vertraut auf das Goldene Vlies an seiner Brust, auf seine Treue zum König und auf die Zuneigung des Volkes.

Neben dem öffentlichen Mann zeigt das Stück den privaten. In einer schlichten Brüsseler Bürgerstube wartet Clärchen auf ihn, ein junges Mädchen. Es schien eigentlich dem treuen Brackenburg versprochen und hat sich heimlich an den großen Grafen verloren. Hier ist Egmont nicht Feldherr, sondern Geliebter. Clärchen bewundert ihn mit einer Hingabe, die ihre besorgte Mutter mit Sorge betrachtet.

Margarete berät am Hof, und ihr kluger Ratgeber Machiavell rät zur Mäßigung. Zugleich kündigt sich aus Spanien Veränderung an: Der Herzog von Alba ist mit einem Heer unterwegs. Wilhelm von Oranien, Egmonts Freund, durchschaut früh, was das bedeutet, und drängt ihn, sich in Sicherheit zu bringen. Egmont aber will nicht fliehen. Er hält das Land, den König und sich selbst für sicherer, als sie sind. Er geht seinen Weg weiter, dem Herzog entgegen.

Die Handlung im Detail

Das Stück beginnt auf einem Platz in Brüssel. Die Bürger Jetter und Soest, der Soldat Buyck und der Invalide Ruysum messen sich beim Armbrustschießen und kommen ins Gespräch. Sie schwärmen von Graf Egmont, dessen Schießkunst und militärische Erfolge sie bewundern. Den spanischen König Philipp II. mögen sie weniger; lobend erinnert Ruysum an dessen Vater Karl V. Vor allem die Inquisition, die neuen kirchlichen Gerichte und die vierzehn neu errichteten Bistümer stoßen die Bürger ab, ebenso das Verbot, die neuen Psalmen zu singen, während in den Kirchen weiter Latein gepredigt wird. Auch über die Regentin Margarete von Parma sind sie geteilter Meinung; Wilhelm von Oranien wird lobend erwähnt.

Im Palast lässt Margarete ihren Ratgeber Machiavell rufen. In einem Monolog gesteht sie, wie sehr die Lage sie ängstigt. Machiavell rät ihr, die neue Lehre nicht zu unterdrücken, sondern öffentlich zu dulden und die Anhänger in eigenen Kirchen abzusondern; das würde die Unruhen beruhigen. Margarete wagt das nicht: Philipp II. werde die neue Lehre nie hinnehmen. Sie kommt auf Egmont zu sprechen, der sie durch Leichtsinn und Gleichgültigkeit gereizt habe, weil er auf die alte Verfassung pochte. Es stört sie, wie viel Freiheit Egmont und Oranien den Bürgern zubilligen. Sie misstraut Oraniens Verschlossenheit, hält Egmont für arrogant und fürchtet seine Verbindungen zum Adel; das Goldene Vlies, glaubt sie, mache ihn übermütig, weil es ihn vor königlicher Willkür schütze.

In einem Bürgerhaus zeigt sich Egmonts andere Welt. Hier lebt Clärchen mit ihrer Mutter, dazu der junge Brackenburg, dem Clärchen einst versprochen war. Während Brackenburg ans Fenster tritt, gesteht Clärchen ihrer Mutter, dass sie ihn längst betrogen hat und Egmont liebt. Die Mutter ist alles andere als begeistert, Clärchen aber verweist auf Egmonts Ruhm. Als Brackenburg von Unruhen in Flandern berichtet und wieder geht, offenbart er in einem Monolog, dass er von Clärchens Verhältnis Gerüchte gehört hat; er greift nach einem Fläschchen mit Gift, trinkt aber nicht.

Wenige Stunden später sammelt sich auf einem Brüsseler Platz wieder eine Bürgergruppe: Jetter, ein Zimmermeister, Soest, der trunksüchtige Vansen, ein Seifensieder und andere. In Flandern haben Bilderstürmer Kirchen geplündert, und es geht das Gerücht, Margarete wolle fliehen. Vansen erinnert an die alten niederländischen Freiheiten und behauptet, das Volk habe früher mehr Macht besessen. Ein Streit bricht aus, da tritt Egmont selbst auf, stiftet sofort Ruhe, fragt die Männer nach ihrem Gewerbe und schließt mit der Mahnung: Steht fest gegen fremde Lehre, und glaubt nicht, durch Aufruhr befestige man Privilegien.

In seiner Wohnung empfängt Egmont einen Sekretär, der ihm Bittschriften und Berichte vorlegt. Egmont verhängt Strafen mit Augenmaß, schützt Witwen, misshandelte Frauen, alte Soldaten. Dann tritt Wilhelm von Oranien ein. Beide haben gerade mit Margarete von Parma verhandelt. Egmont glaubt nicht, dass die Regentin ihr Amt wirklich niederlegen wird; sie werde sich kaum an Philipps Hof zurückziehen, und ein Nachfolger werde schnell verzweifeln. Oranien sieht es anders: Der König wolle die niederländischen Fürsten beseitigen und werde nicht zögern, ohne Prozess hinrichten zu lassen. Egmont hält das für unmöglich; das Volk werde Unrecht an seinen Fürsten nicht hinnehmen. Oranien teilt ihm mit, dass der Herzog von Alba mit einem Heer unterwegs ist und Margarete ihm wohl die Geschäfte übergeben werde. Er drängt Egmont, in die eigene Provinz zu fliehen, sich dort zu rüsten und Alba aus dem Weg zu gehen. Egmont weigert sich: Eine Flucht könnte Krieg auslösen, und er fühlt sich sicher. Unter Tränen nimmt Oranien Abschied, überzeugt, Egmont werde unter Alba sterben, wenn er bleibe.

Im Palast bestätigt sich Oraniens Befürchtung. Margarete liest Machiavell den Brief Philipps II. vor: Alba kommt mit einem Heer. Sie verabscheut den Herzog, dem jeder gleich als Gotteslästerer oder Majestätsverletzer gilt und der nach Rädern, Pfählen, Vierteilen und Verbrennen verlangt. Sie ahnt, dass Alba sie heimlich verdrängen soll, und entschließt sich, ihm zuvorzukommen und freiwillig abzudanken.

In Clärchens Wohnung versucht die Mutter noch einmal, ihre Tochter zur Vernunft zu bringen. Sie hebt Brackenburgs Liebe hervor und vermutet, dass er von der Verbindung mit Egmont etwas ahnt; Jugend und Liebe gingen vorüber, einmal sei jeder froh, irgendwo unterzukommen. Clärchen aber bekennt unter Tränen, dass sie sich von Egmont nicht trennen kann. Da erscheint er. Als die Mutter sich zurückzieht, wirft Egmont seinen Mantel ab und steht in spanischer Tracht vor ihr. Clärchen bewundert ihn; Egmont will ihr imponieren und zugleich seine Treue zu Philipp II. zeigen, denn gleich darauf wird er Alba aufsuchen, um auch ihm seine Loyalität zu beweisen. Er zeigt Clärchen das Goldene Vlies und erklärt, Kette und Zeichen gäben ihm die edelsten Freiheiten: Auf Erden erkenne er nur den Großmeister des Ordens und das versammelte Kapitel der Ritter als Richter über seine Handlungen. Über Margarete urteilt er milde – eine treffliche Frau, die die Leute kenne; nur misshage ihm, dass sie hinter seinem Verhalten stets Geheimnisse vermute, wo keine seien. Am Ende des Beisammenseins gesteht er Clärchen, dass er zwei sehr verschiedene Seiten in sich trägt – den öffentlichen Grafen und den privaten Mann, der hier bei ihr ist.

Stil

Goethe schreibt sein Trauerspiel in Prosa, nicht im Vers. Die Sprache wechselt mit dem Schauplatz. Auf den Brüsseler Plätzen redet das Volk derb, lebhaft und in kurzen Wendungen. Im Palast der Regentin werden die Sätze länger, gewundener, abwägend. In Clärchens Stube wird der Ton schlicht, warm und intim. Diese drei Tonlagen halten das Stück zusammen und zeigen die niederländische Gesellschaft von unten, von oben und im Privaten zugleich.

Auffällig ist die Anlage der Titelfigur. Egmont tritt nicht als Held mit großen Reden auf, sondern als ein Mann, der mit leichter Hand regiert, lebt, liebt. Sein Vertrauen auf das Goldene Vlies, auf den König und auf das Volk wird durch das Gegenbild Oraniens geschärft, der dieselbe Lage düster und nüchtern liest. Gegenfiguren wie Machiavell und Margarete von Parma sind so geführt, dass jede Position glaubhaft bleibt.

Goethe verlangt zum Stück ausdrücklich eine Schauspielmusik, die einzelne Auftritte und Übergänge trägt. Die historische Vorlage – die Niederlande zwischen 1566 und 1568 – verdichtet er auf einen knapperen Zeitraum. Auch die historische Figur des Lamoral von Egmond formt er um. Sein Egmont ist freier, jünger und persönlicher gezeichnet, als die Quellen es hergeben.

Rezeption

Die Uraufführung am 9. Januar 1789 in Mainz machte das Stück auf der Bühne sichtbar. Bald gehörte es zum festen Bestand des deutschen Theaters. Besondere Wirkung erlangte der Egmont durch Ludwig van Beethovens Schauspielmusik von 1810, das Opus 84. Dessen Ouvertüre ist bis heute ein viel gespieltes Konzertstück geblieben, häufiger zu hören im Saal als im Schauspielhaus. Auch andere Komponisten griffen das Stück auf. Egmont-Vertonungen sind aus den Jahren 1796, 1878 und 1886 überliefert.

Im 20. Jahrhundert blieb das Trauerspiel präsent. Der Rundfunk brachte es als Hörspiel heraus, unter anderem 1949 in einer Einrichtung von Theodor Steiner, 1951 unter Kurt Jung-Alsen, 1957 unter Heinz-Günter Stamm und 1963 unter Erich-Alexander Winds. Für das Fernsehen entstanden Verfilmungen 1974 mit Helmut Schiemann, 1982 mit Franz Peter Wirth und 1989 mit Friedo Solter. Im Theater wurde der Egmont unter anderem von Oskar Wälterlin und am Schauspielhaus Zürich von Leopold Lindtberg auf die Bühne gebracht. Auch die bildende Kunst nahm das Stück auf. Angelika Kauffmann zeichnete Egmont und Clärchen für eine Goethe-Ausgabe, weitere Blätter zeigen das Paar oder den Grafen allein.

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