1808
Faust
Überblick↑
Das Werk Faust gilt als das Hauptwerk Johann Wolfgang von Goethes. Es trägt den vollen Titel Faust. Eine Tragödie und gestaltet eine der bekanntesten Fassungen der alten Sage vom Doktor Faust. An diesem Stoff arbeitete Goethe über 57 Jahre hinweg. Der erste Teil entstand bereits in den 1790er Jahren, wurde 1806 abgeschlossen und zwei Jahre später gedruckt; bei späteren Neuauflagen überarbeitete Goethe ihn mehrfach, zuletzt 1828. Den zweiten Teil schrieb er erst im hohen Alter; dieser erschien erst nach seinem Tod im Jahr 1832. Im Jahr 1887 wurde zudem ein früher Text wiederentdeckt, der sogenannte „Urfaust", den der junge Goethe zwischen 1772 und 1775 verfasst hatte. Wegen seines kunstvollen Reichtums an Rhythmen und Klängen zählt Faust zu den Höhepunkten der deutschen Dichtung. Es gehört zur Weltbibliothek, einer Liste besonders bedeutender Werke der Weltliteratur, die der Norwegische Buchklub zusammengestellt hat.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Vor der eigentlichen Handlung steht ein Vorspiel, in dem ein Theaterdirektor und ein Dichter darüber streiten, wie man ein gutes Stück schreiben solle. Der Direktor hält wenig vom Urteil des Publikums und rät, lieber alles zusammenzuwerfen, was sich finde, statt ein großes Kunstwerk anzustreben.
Dann beginnt die eigentliche Tragödie im Himmel: Der böse Geist Mephistopheles schließt mit dem Herrn eine Wette darüber ab, ob er den Gelehrten Faust auf Abwege führen und dessen Seele gewinnen könne. Faust selbst ist ein angesehener Professor, der den Menschen seiner Umgebung viel Gutes getan hat. Doch all das Wissen, das er in vielen Jahren aus Büchern gewonnen hat, befriedigt ihn nicht mehr. Er erkennt verzweifelt, dass die letzten Geheimnisse der Welt dem menschlichen Verstand verschlossen bleiben.
In dieser Stimmung tritt Mephistopheles in sein Leben. Der böse Geist verspricht ihm, die längst schal gewordenen Freuden des Daseins noch einmal von Neuem zu erleben. Faust lässt sich auf einen Handel ein. Gemeinsam ziehen die beiden in die Welt hinaus, und Faust begegnet dem jungen Mädchen Margarete, das auch Gretchen genannt wird. Der zweite Teil führt das Geschehen schließlich weit fort, bis in die Welt der Antike, an einen kaiserlichen Hof und zu großen Vorhaben für das Wohl der Menschen.
Die Handlung im Detail↑
Eingeleitet wird das Werk durch einen Streit, der mit der eigentlichen Handlung nichts zu tun hat: Ein Theaterdirektor und ein Dichter zanken darüber, wie ein Stück beschaffen sein müsse. Der Direktor erklärt, das Publikum sei grob und ohne eigenes Urteil; manche kämen nur, um ihre Kleider vorzuführen. Ein großes Werk zu schaffen lohne sich daher nicht, weil die Menge es ohnehin nicht zu schätzen wisse. Stattdessen solle man alles Greifbare zusammenwerfen und den Zuschauer durch Zusammenhanglosigkeit verblüffen.
Die Handlung beginnt im Himmel, wo der böse Geist Mephistopheles mit dem Herrn wettet, ob Faust seine Seele vor ihm zu retten vermöge. Professor Faust, der den Bewohnern der umliegenden Dörfer durch seine Forschungen viel Gutes gebracht hat, ist mit seinem Bücherwissen nicht mehr zufrieden. Im Bewusstsein, dass dem menschlichen Verstand die tiefsten Geheimnisse verschlossen bleiben, führt er verzweifelt eine Giftphiole an die Lippen. Nur das plötzlich einsetzende Osterläuten hält ihn vom Selbstmord zurück.
Als Faust mit seinem Schüler Wagner durch die Stadt streift, läuft ihm ein Hund zu, den er mit nach Hause nimmt. Dort nimmt das Tier die menschliche Gestalt des Mephistopheles an. Nach einer Reihe von Versuchungen überredet der böse Geist den alten Einsiedler, die ihm verleidete Lebenslust noch einmal zu kosten. Der Preis dafür ist Fausts Seele. Mit Blut wird die Abmachung besiegelt, und Faust bricht auf, um nach langem Verzicht zu erfahren, was des Lebens Fülle bedeutet.
Auf der Suche nach Vergnügen ziehen Faust und Mephistopheles durch Leipzig. In Auerbachs Keller verblüfft der böse Geist die Studenten, indem er Wein aus einem in den Tisch gebohrten Loch fließen lässt. Er befördert Fausts Wunsch, dem unschuldigen Mädchen Margarete – kurz Gretchen – nahezukommen, und sieht darin nur sinnliche Begierde. Um die Bekanntschaft zu vermitteln, schmeichelt sich Mephistopheles bei Gretchens Nachbarin Marthe ein. Faust drängt darauf, eine Nacht mit der Geliebten zu verbringen. Er überredet Gretchen, ihre Mutter mit einem Schlafmittel einzuschläfern, das er bei sich trägt. Die Mutter stirbt an diesem Trank. Später bemerkt Gretchen, dass sie schwanger ist; ihr Bruder Valentin fordert Faust zum Zweikampf.
Nachdem Faust im Kampf Valentin getötet hat, verlassen die Gefährten die Stadt. Faust denkt nicht mehr an Gretchen, bis ihm in der Walpurgisnacht auf dem Brocken ihre Erscheinung begegnet – als prophetisches Bild eines Mädchens mit Fesseln an den Füßen und einer feinen roten Linie um den Hals. Auf seine Fragen erfährt er von Mephistopheles, dass seine Geliebte im Kerker auf die Hinrichtung wartet, weil sie ihr von Faust empfangenes Kind ertränkt hat. Faust eilt ihr zu Hilfe und bietet ihr die Flucht an. Doch Gretchen, der allmählich der Verstand schwindet, lehnt den Beistand der bösen Macht ab und bleibt zurück, um ihre Strafe zu erwarten. Wider Mephistopheles' Erwarten beschließt der Herr, die Seele des Mädchens vor den Qualen der Hölle zu bewahren, und verkündet sein Urteil: „Gerettet".
Der zweite Teil ist weit lockerer gefügt als der erste und besteht aus fünf Akten mit jeweils eigenständigen Handlungssträngen. Das Geschehen wird in die antike Welt versetzt, wo Faust sich mit der schönen Helena vermählt. Faust und Mephistopheles treten am Hof eines Kaisers auf und ergreifen mehrere Maßnahmen, um das Wohl seiner Untertanen zu heben. Diese Welt verwebt das Mittelalter, in dem der erste Teil spielt, mit der Antike, die Goethe als Mensch der Aufklärung besonders nahestand.
Am Ende seines Lebens lässt der erblindete Faust einen Deich errichten, der den Menschen nützen soll. Als er das Geräusch von Spaten hört, glaubt er, den höchsten Augenblick seines Lebens zu erleben, weil sein Werk den Menschen großen Nutzen bringen werde. Er ahnt nicht, dass im Auftrag des Mephistopheles die Lemuren, nächtliche Geister, in Wahrheit sein Grab schaufeln. Im Gedanken an den Pakt sagt Faust, erst wenn er die Sümpfe trockengelegt und fruchtbares Land geschaffen habe, werde er den Augenblick anhalten wollen. Doch er stirbt, wie es der Geist der Sorge vorhergesagt hat, der den Tod unschuldiger Alter an ihm rächt.
Nach dem Wortlaut des Vertrags müsste Fausts Seele in die Hölle gelangen. Doch die Wette zwischen Mephistopheles und Gott entscheidet der Herr zugunsten der Rettung, weil Faust bis zu seinem letzten Tag zum Wohl der Menschheit gewirkt hat. So gelangt Faust – anders als in den überlieferten Fassungen der Sage, in denen er der Hölle anheimfällt – nicht zur Verdammnis: Trotz der erfüllten Bedingungen und obwohl Mephistopheles mit Gottes Erlaubnis gehandelt hatte, nehmen die Engel Fausts Seele dem bösen Geist und tragen sie in den Himmel.
Stil↑
Geformt ist das Werk als Versdichtung von ungewöhnlichem klanglichem Reichtum. Wegen der kunstvollen, wechselnden Rhythmen und der Musikalität seiner Sprache zählt Faust zu den Höhepunkten der deutschen Dichtung. Schon das vorangestellte Gespräch zwischen Theaterdirektor und Dichter rückt das Schreiben selbst in den Blick: Bevor die Handlung beginnt, verhandelt das Stück, wie ein Werk überhaupt entstehen und auf sein Publikum wirken soll.
Die beiden Teile unterscheiden sich deutlich in Bau und Welt. Der erste Teil spielt im Mittelalter und folgt einer geschlossenen Linie. Der zweite Teil dagegen ist in fünf Akte mit verhältnismäßig eigenständigen Handlungen gegliedert und wirkt episodischer. Er gleicht einem riesigen dichterisch-philosophischen Gemälde, das voll verschlüsselter Bilder, geheimnisvoller Anspielungen und ungelöster Rätsel ist. Sein Geschehen verbindet das Mittelalter des ersten Teils mit der Antike. Weil das Verständnis dieses Teils gute Kenntnis der altgriechischen Mythologie verlangt, gehört er in Deutschland – anders als der erste Teil – nicht zum Schulstoff und wird auf der Bühne nur selten gespielt.
Rezeption↑
Über das Werk und seine ungewöhnlich lange Entstehung erklärt sich ein Teil seiner besonderen Stellung. Mehr als ein halbes Jahrhundert beschäftigte der Stoff den Dichter. Der erste Teil wurde nach seinem Erscheinen mehrfach überarbeitet, während der zweite Teil erst nach Goethes Tod ans Licht kam. Im Jahr 1887 trat überdies der früh entstandene „Urfaust" wieder hervor und erweiterte das Bild von der Vorgeschichte des Werks.
Heute gilt Faust als Goethes Hauptwerk und gehört zur Weltbibliothek des Norwegischen Buchklubs, einer Auswahl besonders bedeutender Werke der Weltliteratur. Während der erste Teil fest im deutschen Schulunterricht verankert ist und immer wieder auf die Bühne kommt, bleibt der schwierigere zweite Teil dem breiten Publikum ferner und wird seltener inszeniert. Der Stoff hat über die Jahre zahlreiche Bearbeitungen angeregt – darunter Opern und andere musikalisch-dramatische Werke wie Mefistofele und La damnation de Faust sowie mehrere Verfilmungen.
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