1789
Heidenröslein
Überblick↑
Das Gedicht Heidenröslein zählt zu den volkstümlichsten und bekanntesten Texten Johann Wolfgang von Goethes. In drei kurzen Strophen erzählt es die Begegnung eines Knaben mit einer Rose auf der Heide. Der Ton ist schlicht, der Bau liedhaft und tief verwurzelt in der Tradition des Volkslieds. Veröffentlicht wurde es erstmals 1789. Entstanden ist es jedoch schon rund zwei Jahrzehnte früher in Goethes Straßburger Studienzeit. Bis heute lebt es vor allem als gesungenes Lied weiter. Unzählige Komponisten haben es vertont, am bekanntesten Franz Schubert und Heinrich Werner. Werners Melodie überführte das Stück endgültig in den Bestand des deutschen Volksliedes.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein Knabe sieht auf der Heide eine kleine Rose stehen. Er ist von ihrer Frische und Schönheit so eingenommen, dass er rasch hinläuft, um sie aus der Nähe zu betrachten. Zwischen ihm und der Blume entspinnt sich ein kurzer Wortwechsel: Er kündigt an, sie pflücken zu wollen, sie warnt ihn und droht, sich zu wehren. Was hier so harmlos wie ein Kinderlied klingt, trägt von der ersten Zeile an eine zweite, ernstere Bedeutungsebene in sich. Die Rose steht für ein junges Mädchen, der Knabe für einen jungen Mann. In drei knappen Strophen mit immer wiederkehrendem Refrain führt Goethe diese Begegnung auf einen Punkt zu. Dort entscheidet sich, wer von beiden die Oberhand behält.
Die Handlung im Detail↑
Das Gedicht besteht aus drei Strophen zu je sieben Versen. In der ersten Strophe entdeckt der Knabe das Röslein auf der Heide – jung, schön und frisch erblüht. Er läuft rasch herbei, um es aus der Nähe zu sehen, und betrachtet es voller Freude. Der Refrain „Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden" schließt jede Strophe ab und gibt dem Gedicht seinen liedhaften Charakter.
In der zweiten Strophe kündigt der Knabe an, die Rose brechen zu wollen. Die Rose antwortet und warnt ihn: Sie werde stechen, damit er sie nicht vergesse, und sie wolle das Gepflücktwerden nicht dulden. Aus dem stillen Betrachten wird ein kurzer, fast spielerisch klingender Dialog, in dem die Rose ihren Widerstand ankündigt.
In der dritten Strophe setzt der Knabe seine Ankündigung um und bricht das Röslein. Die Rose sticht ihn, wie sie es angedroht hatte, doch all ihr Wehklagen hilft ihr nichts – sie muss das Brechen erleiden. Die geläufige Deutung versteht das Gedicht als verschlüsselte Darstellung eines sexuellen Übergriffs: Die Rose steht für ein junges Mädchen, das sich vergeblich gegen den Übergriff des jungen Mannes wehrt. Der scheinbar kindlich-naive Ton und der wiegende Refrain stehen dabei in scharfem Gegensatz zum harten Geschehen, das die Worte umschreiben.
Entstanden ist der Text um 1770, als der einundzwanzigjährige Goethe in Straßburg studierte und dort eine kurze, heftige Liebschaft mit der Pfarrerstochter Friederike Brion hatte; das Gedicht gehört zu den sogenannten Sesenheimer Liedern, die an sie gerichtet sind. Motive und Wendungen wie „Röslein auf der Heiden" finden sich schon in älteren Liedern, etwa in einer Sammlung von Paul von der Aelst aus dem Jahr 1602; auch Johann Gottfried Herder, den Goethe in Straßburg kennenlernte, verfasste ein verwandtes Gedicht und gab 1773 ein älteres, volkstümliches „Fabelliedchen" mit ähnlichem Stoff aus dem Gedächtnis wieder. In jener von Herder überlieferten Fassung endet das Geschehen anders: Dort sticht das Röslein, der Knabe vergisst aber „beim Genuß das Leiden" – er behält die Oberhand und das Mädchen bleibt mit dem Schmerz zurück.
Stil↑
Das Gedicht ist in drei Strophen zu je sieben Versen gebaut und folgt vierhebigen Trochäen. Dieses Versmaß erzeugt von Anfang an einen wiegenden, gleichmäßigen Klang. Die letzten beiden Verse jeder Strophe kehren als Refrain wieder. Diese Technik ist typisch für das Volkslied und lädt das Gedicht von Beginn an eher zum Singen als zum stillen Lesen ein. Goethe arbeitet mit knappen, alltagsnahen Wörtern, einfachen Reimen und kurzen Sätzen. Nichts wirkt gelehrt oder kunstvoll überladen.
Der Reiz des Textes liegt im Spannungsverhältnis zwischen dem volksliedhaft schlichten Ton und dem, was tatsächlich erzählt wird. Die zentrale Bildersprache ist eine durchgehende Metapher: Die Rose steht für ein junges Mädchen, der Knabe für einen jungen Mann, das Pflücken für einen Übergriff. So bleibt das Gedicht an der Oberfläche ein anmutiges Naturbild. Zugleich entfaltet es auf einer zweiten Ebene eine harte Geschichte. Der kleine Dialog zwischen Knaben und Röslein verstärkt diese Wirkung. Die Blume bekommt eine Stimme, kann warnen und klagen. Und doch wird ihr Widerstand vom gleichbleibenden, fast tänzerischen Rhythmus des Liedes wie nebenbei überspielt.
Rezeption↑
Das Heidenröslein gehört zu den meistgesungenen deutschen Gedichten überhaupt. Seit dem 19. Jahrhundert ist es fest im Bestand des Volksliedes verankert. Franz Schubert vertonte den Text am 19. August 1815 als Kunstlied (D 257). Neben Am Brunnen vor dem Tore gilt es als sein bekanntestes Lied. Die heute wohl populärste, im Volksliedton gehaltene Melodie stammt von Heinrich Werner aus Kirchohmfeld. Sie wurde am 20. Januar 1829 im Konzert der Braunschweiger Liedertafel erstmals aufgeführt. Robert Schumann schrieb 1849 eine Fassung für gemischten Chor. Franz Lehár nahm den Text in seine Operette Friederike auf, die Goethes elsässische Jugendliebe zum Thema macht. Weitere Vertonungen lieferten unter anderem Andreas Romberg, Johann Friedrich Reichardt – dessen Melodie später auch Johannes Brahms verwendete –, Hans Georg Nägeli, Moritz Hauptmann und Niels Wilhelm Gade.
Auch im 19. Jahrhundert wirkte das Lied schon weit über den literarischen Rahmen hinaus. Leberecht Dreves verfasste eine Parodie auf die vormärzliche Zensur, die nach Werners Melodie gesungen wurde. Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem veröffentlichte 1880 den Roman Haideröslein, der vielfach auf das Lied Bezug nimmt. 1954 wurde ein gleichnamiger Schlager populär, in dem ein Jäger einer vorbeigehenden jungen Frau eine Rose schenkt. Die Aufnahme von Friedel Hensch und den Cyprys erreichte in der Hitparade des „Automatenmarkts" die Nummer eins. Helen Schneider sang das Lied 1978 in der Fernsehsendung Bios Bahnhof. Die Rockband Rammstein nahm in Rosenrot deutliche Anleihen am Text. Shiina Ringo sang es 2002 auf Deutsch ein. Achim Reichel veröffentlichte 2006 unter dem Titel Röslein auf der Heiden eine an Werners Melodie angelehnte Fassung. Auch Bodo Wartke, Cristin Claas, die Mittelalter-Metal-Band Rabenschrey und 2020 Herbert Grönemeyer für die Serie Schatten der Mörder – Shadowplay haben sich des Stoffes angenommen. Das ist ein Zeichen dafür, wie selbstverständlich der Text bis heute zwischen Konzertsaal, Wirtshaus, Schlager und Popkultur weitergereicht wird.
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