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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Heinrich VI.
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Heinrich VI.
– Werkseintrag –

Heinrich VI.

· Drama

Ein junger, friedfertiger König, ein verlorener Krieg in Frankreich und ein Hof, der sich an weißen und roten Rosen in zwei tödliche Lager spaltet – Shakespeares dreiteiliges Historiendrama zeigt, wie aus höfischen Intrigen die Rosenkriege werden.

Überblick↑

Das Historiendrama Heinrich VI. von William Shakespeare ist ein dreiteiliges Bühnenwerk. Es entstand in den Jahren zwischen 1590 und 1592. Es schildert die unruhige Regierungszeit des englischen Königs Heinrich VI. Dazu gehören der Verlust der französischen Besitzungen und die innenpolitischen Machtkämpfe. Aus ihnen gehen die Rosenkriege zwischen den Häusern York und Lancaster hervor. Zusammen mit Richard III. bildet das Werk die sogenannte York-Tetralogie. Ob Shakespeare das gesamte Stück allein verfasst hat, ist in der Forschung umstritten. Seit 2016 wird vor allem eine Mitarbeit von Christopher Marlowe diskutiert. Als historische Quellen dienten vor allem die Chroniken von Edward Hall und Raphael Holinshed.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Der erste Teil setzt mit dem Tod Heinrichs V. ein. Sein Sohn Heinrich VI. ist noch zu jung, um zu regieren. Deshalb übernimmt sein Onkel Gloucester als Protektor die Regierungsgeschäfte. In Frankreich erobert eine erstarkte Gegenseite die einst gewonnenen Städte zurück. Die Jungfrau Johanna tritt an der Seite des Dauphins Charles auf. Sie fügt den Engländern unter dem tapferen Feldherrn Talbot schwere Verluste zu. In England geraten die Adligen in einen Streit. Er verdichtet sich symbolisch im Pflücken einer weißen und einer roten Rose im Templegarten. Das ist der Auftakt zu einer Spaltung der höfischen Welt.

Der zweite Teil rückt die Intrigen am Hofe in den Mittelpunkt. Lord Suffolk hat dem König die Französin Margaret zur Frau geworben. Gemeinsam mit ihr betreibt er den Sturz unbequemer Gegner. Vor allem der ehrliche Protektor Gloucester gerät ins Visier. York bereitet unterdessen heimlich seinen eigenen Anspruch auf den Thron vor. Volksaufstände, ein eigenwilliger Rebellenführer namens Jack Cade und die wachsende Hilflosigkeit des frommen, kriegsscheuen Königs zeichnen das Bild eines Reiches, das von innen zerfällt.

Der dritte Teil zeigt den offenen Kampf zwischen den Häusern York und Lancaster. Heinrich versucht, mit Vereinbarungen Frieden zu wahren. Doch die Königin Margaret, die jungen Söhne Yorks und der erbarmungslose Clifford treiben die Auseinandersetzung in immer neue Schlachten. Zwischen Verrat, Familienrache und wechselnden Bündnissen erscheint der König immer mehr als stiller Zuschauer eines Geschehens, das sich seinem Einfluss entzieht.

Die Handlung im Detail↑

Im ersten Teil wird nach dem Tod Heinrichs V. dessen noch unmündiger Sohn König; Gloucester übernimmt als Protektor die Regierungsgeschäfte. Die Franzosen erobern acht der von Heinrich V. gewonnenen Städte zurück, der Dauphin Charles wird zum König gekrönt, der englische General Talbot gerät bei der Belagerung von Orléans in Gefangenschaft. Die Jungfrau Johanna tritt vor Charles und kündigt an, die Belagerung zu beenden – eine Vision der Gottesmutter habe sie gesandt. In England streiten Gloucester und Winchester, das Oberhaupt der englischen Kirche, der dem Protektor sogar den Zugang zum Tower verwehrt. Talbot kommt durch einen Gefangenenaustausch frei, unterliegt aber gegen Johannas Truppen und auch im persönlichen Duell gegen die Jungfrau. Johanna befreit Orléans wie angekündigt.

Talbot führt darauf einen Überraschungsangriff gegen Orléans und besucht später die Gräfin von Auvergne, die ihn für ihren Gefangenen erklärt. Er lacht und ruft mit dem Klang seiner Trompete englische Soldaten herbei. Im Templegarten in London streiten mehrere Lords um Plantagenets adlige Herkunft: Wer ihn anerkennt, pflückt eine weiße, wer ihm widerspricht, eine rote Rose. Plantagenet besucht seinen sterbenden Onkel Mortimer im Tower, der seinen Erbanspruch auf den englischen Thron erläutert: Nach der Absetzung Richards II. sei die Krone an die Linie Heinrichs gefallen, obwohl Mortimers Familie das ältere Recht habe. Mortimer stirbt. Im Parlament versöhnt der junge König die streitenden Lords, setzt Plantagenet in seine Rechte als Herzog von York ein und versucht zu vermitteln.

Johanna greift das von den Engländern besetzte Rouen an, wird von Talbot zurückgeschlagen, gewinnt aber im Gespräch den bisher englandtreuen Burgund auf die französische Seite. Heinrich reist nach Paris und wird dort zum König gekrönt. Als York und Somerset erneut streiten, ermahnt er sie zur Einigkeit und nimmt selbst – fast unbedacht – eine rote Rose von Somerset, beteuert aber, beide Lords gleichermaßen zu lieben. Vor Bordeaux gerät Talbot in Bedrängnis; York und Somerset schieben einander die Schuld an der ausbleibenden Hilfe zu, beide versäumen den rechtzeitigen Entsatz. Talbots Sohn weigert sich, zu fliehen, und fällt; daraufhin stirbt auch der Vater. Die Franzosen siegen. In der nächsten Schlacht jedoch behalten die Engländer unter York die Oberhand. Johanna ruft vergeblich ihre Geister an und wird gefangen genommen. Als ein Schäfer als ihr Vater auftritt, verleugnet sie ihn; um ihrem Tod zu entgehen, behauptet sie, schwanger zu sein – York lässt sie dennoch auf den Scheiterhaufen führen. Suffolk hat unterdessen die schöne Margaret, Tochter des Königs von Neapel, gefangen genommen; da er selbst verheiratet ist, beschließt er, sie für seinen König zu werben, um durch sie selbst Einfluss zu gewinnen. Heinrich löst seine Verlobung mit der Tochter des Grafen von Armagnac und nimmt die mitgiftlose Margaret zur Frau.

Der zweite Teil beginnt mit Margarets Ankunft am englischen Hof. Der zugleich geschlossene Friedensvertrag sieht die Rückgabe von Anjou und Maine an Frankreich vor, die Heinrich V. einst hart erkämpft hatte – York vermerkt verbittert, dass der König nichts erhält und obendrein Land verschenkt. Gloucester erzählt seiner Frau Eleanor von einem bedrückenden Traum vom zerbrochenen Amtsstab. Margaret und Suffolk verbünden sich heimlich, um ihre Gegner einen nach dem anderen auszuschalten. Mit Hilfe Beauforts wird Eleanor zu einer spiritistischen Sitzung verleitet; bei dieser Beschwörung erscheint ein Geist, der Heinrichs Absetzung und Suffolks Tod zur See vorhersagt. Eleanor wird festgenommen. York legt unterdessen Salisbury und Warwick seinen Erbanspruch dar: Er stammt vom dritten Sohn Edwards III. ab, während die regierenden Lancaster nur vom vierten Sohn abstammen – beide Lords sichern ihm Unterstützung zu. Heinrich verfügt eine öffentliche Buße und Verbannung Eleanors; Gloucester muss seinen Amtsstab abgeben, da der König nun volljährig ist.

Somerset meldet den Verlust aller englischen Besitzungen in Frankreich. Gloucester wird als Verräter verhaftet, York beschuldigt ihn überdies, kein Geld an die Soldaten gesandt zu haben. Vergeblich beteuert Gloucester seine Unschuld. Ein Aufstand in Irland gibt York Gelegenheit, eine eigene Armee zu erhalten – was seinen geheimen Plänen entgegenkommt. Zwei gedungene Mörder ersticken Gloucester in seinem Bett. Das Volk verdächtigt Suffolk, und der König verbannt ihn. Auf See gerät Suffolk in die Hände einer Schiffsbesatzung und wird enthauptet. In Kent zettelt der von York aufgewiegelte Jack Cade einen Aufstand an, dringt mit seinen Anhängern in London ein und will selbst König werden; Heinrich und Margaret fliehen. Erst als Buckingham und Clifford im Namen des Königs an den Geist Heinrichs V. erinnern, läuft das Volk Cade davon; auf seiner Flucht wird er in einem Garten in Kent von dem Grundbesitzer erstochen. Inzwischen kehrt York mit einem Heer aus Irland zurück; um die Lage zu beruhigen, lässt Heinrich Somerset vorsorglich in den Tower bringen. Als York erfährt, dass Somerset frei umhergeht, kommt es zum offenen Bruch: Er erklärt sich selbst zum rechtmäßigen König, tötet Somerset und Clifford. Cliffords Sohn schwört über der Leiche seines Vaters, jedes Mitglied des Hauses York zu töten, das ihm begegnet.

Der dritte Teil beginnt mit Yorks Einzug ins Parlament: Mit seinen Söhnen Edward und Richard sowie Norfolk, Montague und Warwick setzt er sich auf den Thron. Heinrich erscheint, der junge Clifford und Exeter stehen ihm bei, doch nach Yorks Erinnerung an den Verlust Frankreichs und an die einst widerrechtlich erlangte Krone Heinrichs IV. tritt Exeter auf Yorks Seite über. Um eine völlige Niederlage abzuwenden, einigt sich Heinrich mit York: Er bleibt auf Lebenszeit König, danach geht die Krone an Yorks Linie. Margaret, deren Sohn Edward damit enterbt ist, kündigt aufgebracht den Kampf an. Auch York lässt sich von seinen Söhnen drängen, die Vereinbarung zu brechen. Clifford erschlägt aus Rache den jüngsten York-Sohn, den Grafen von Rutland. Margaret besiegt das Heer Yorks, nimmt ihn gefangen, reicht ihm spöttisch ein Taschentuch mit dem Blut seines Sohnes – und ersticht ihn dann gemeinsam mit Clifford.

Auf dem Schlachtfeld sehen Edward und Richard drei Sonnen am Himmel aufsteigen, die zu einer verschmelzen; ein Bote meldet ihnen den Tod des Vaters und des Bruders. Ihr aus Frankreich heimgekehrter Bruder George stellt sich an ihre Seite. Edward übernimmt das Herzogtum York und erhebt Anspruch auf die Krone, während Margaret das Parlament dazu bringt, die Übereinkunft mit dem toten York für ungültig zu erklären. In der folgenden Schlacht sitzt Heinrich beiseite und sinniert, er wäre als Schäfer glücklicher geworden. Clifford wird von einem Pfeil getroffen und stirbt. Als sich die Schlacht zu seinen Ungunsten wendet, drängen Sohn und Gattin Heinrich zur Flucht. Nach dem Sieg erhebt Edward seinen Bruder Richard zum Herzog von Gloucester und George zum Herzog von Clarence. In einem schottischen Wald wird Heinrich von zwei Wildhütern aufgegriffen; er nennt sich König und sagt: „My crown is in my heart“. Der neue König Edward heiratet Lady Gray.

Stil↑

Die drei Teile sind als Historiendrama in der dem englischen Theater des späten 16. Jahrhunderts geläufigen Versform gehalten. Ihr Material schöpfen sie aus den Chroniken von Edward Hall und Raphael Holinshed. Charakteristisch ist die enge Verzahnung von öffentlich-höfischen Szenen mit Schlachtfeld- und Volksszenen. Parlamentsdebatten, persönliche Streitgespräche und Beschwörungen wechseln mit Belagerungen, Duellen und Tumulten. Symbolische Verdichtung ersetzt oft die ausgemalte Schilderung. Die im Templegarten gepflückten weißen und roten Rosen werden zum sprechenden Zeichen für eine sich teilende Adelsgesellschaft. Das vom König flüchtig aufgenommene rote Abzeichen wird zum stillen Signal seiner Unsicherheit. Träume, Visionen und Beschwörungsszenen geben dem Geschehen eine vorausdeutende, fast prophetische Dimension. Einzelne Sätze wie „My crown is in my heart“ rücken das Innenleben des Königs gegen den äußeren Machtkampf in Stellung. An dem Werk waren möglicherweise mehrere Hände beteiligt – neben Shakespeare wird in der jüngeren Forschung vor allem Christopher Marlowe genannt. Das passt zu den deutlich unterscheidbaren Tonlagen der drei Teile.

Rezeption↑

In der Wissenschaft ist Heinrich VI. vor allem als Auftaktstück der York-Tetralogie und als Vorgeschichte zu Richard III. von Bedeutung. Die Frage nach der Autorschaft begleitet das Werk seit langem. Seit 2016 wird in der Shakespeare-Forschung verstärkt eine Mitverfasserschaft Christopher Marlowes diskutiert. Damit steht das Drama im Zentrum jener Debatten, in denen Shakespeares Frühwerk auf seine Entstehungsbedingungen im Theaterbetrieb des elisabethanischen London hin befragt wird.

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