1622
Othello
Kurzporträt↑
Das Schauspiel Othello, der Mohr von Venedig gehört zu den großen Tragödien von William Shakespeare. Es erzählt vom dunkelhäutigen Feldherrn Othello, der im Dienst der Republik Venedig steht. Aus übersteigerter Eifersucht, die der Intrigant Iago gezielt schürt, tötet er seine geliebte Frau Desdemona und schließlich sich selbst. Als Vorlage diente Shakespeare eine Erzählung aus der Sammlung Hecatommithi des Italieners Giraldo Cinthio. Das Stück entstand vermutlich um 1603 oder 1604. Die erste Druckausgabe erschien 1622, ein Jahr später folgte in der First Folio eine leicht überarbeitete Fassung. Schon zu Shakespeares Zeit war Othello außerordentlich erfolgreich und ist seither ununterbrochen auf den Bühnen präsent.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im nächtlichen Venedig erfährt der Edelmann Brabantio durch lauten Lärm vor seinem Haus, dass seine Tochter Desdemona heimlich geheiratet hat. Ihr Mann ist der angesehene Feldherr Othello, ein dunkelhäutiger Befehlshaber im Dienst der Stadt. Der empörte Vater wirft Othello vor, seine Tochter mit Zauberei betört zu haben, und bringt die Sache vor den Dogen und den Senat.
Zugleich droht ein Überfall einer feindlichen Flotte auf das verbündete Zypern. Othello soll unverzüglich ausrücken. Vor dem Senat verteidigt er seine Liebe, und Desdemona bestätigt, dass sie ihn aus freien Stücken zum Mann genommen hat. Sie darf ihm nach Zypern folgen.
Im Hintergrund spinnt Iago, ein Soldat niederen Ranges, seine Fäden. Er fühlt sich bei einer Beförderung übergangen, denn Othello hat den jüngeren Cassio bevorzugt. Iago verstellt sich, dient nur noch zum eigenen Nutzen und nimmt den reichen, verliebten Roderigo als Geldquelle aus. Schritt für Schritt entwirft er einen Plan, um Othello ins Unglück zu stürzen.
Die Handlung im Detail↑
In der ersten Szene sind der Edelmann Roderigo und der Soldat Iago nachts in Venedig unterwegs. Roderigo beklagt sich, Iago habe ihm etwas Wichtiges verschwiegen, obwohl er ihn stets mit Geld versorgt hat. Iago ist erbittert, weil ihn Othello bei einer Beförderung übergangen und stattdessen den unerfahrenen Michael Cassio aus Florenz vorgezogen hat. Er beschließt, sich künftig zu verstellen und nur noch aus Eigennutz zu dienen: „Ich bin nicht, was ich bin." Vor dem Haus Brabantios fordert er Roderigo auf, den Hausherrn durch Geschrei zu wecken. Sie verkünden mit derben Worten, Brabantios Tochter sei mitten in der Nacht heimlich mit dem farbigen Feldherrn durchgebrannt. Iago macht sich davon, um unerkannt zu bleiben, während Brabantio aufgebracht Waffen ergreift und sich mit Roderigo auf die Suche macht.
Iago treibt ein doppeltes Spiel. Noch in derselben Nacht sucht er Othello auf und stellt sich als treuer Diener dar, der den schmähenden Brabantio habe umbringen wollen. Othello vertraut ihm blind und berichtet ihm sogar von seiner hohen, königlichen Abkunft. Cassio bringt eine dringende Nachricht des Dogen: Der Senat ist wegen eines bevorstehenden Krieges zusammengetreten. Da trifft auch Brabantio ein, und beide Gruppen stehen sich mit gezogenen Klingen gegenüber. Der Vater beschimpft Othello, der ein Kinderherz mit Kräutergift missbraucht habe, doch ein Offizier des Dogen bestellt beide umgehend in den Senat.
Dort berät der Doge die Nachricht von einem Überfall der türkischen Flotte auf Zypern. Brabantio aber will sein „privates Leid" verhandeln und klagt, seine Tochter sei ihm durch Hexerei gestohlen worden. Der Doge weist den Vorwurf als unbewiesen ab. Othello verteidigt sich: Er sei ein gern gesehener Gast im Hause Brabantios gewesen und habe dort von seinem Leben und seinen Taten erzählt – so habe er Desdemonas Herz gewonnen. Der Doge ist überzeugt: „Diese Geschichte, glaub ich, würd' auch meine Tochter gewinnen." Desdemona tritt ein und bestätigt den Bericht. Brabantio muss zerknirscht einlenken. Othello wird nach Zypern beordert und darf seine Frau mitnehmen. Am Ende bleiben Roderigo und Iago zurück. Roderigo, verzweifelt über die verlorene Geliebte, will sich „ersäufen", doch Iago verspottet ihn und drängt ihn, weiter Geld zu beschaffen. Allein auf der Bühne offenbart Iago seine Verachtung für den „Narren" und sinnt darüber nach, wie er Othello ins Unglück treiben werde: „Von Höll' und Nacht wird diese Mißgeburt zur Welt gebracht!"
Vor der Küste Zyperns tobt ein schrecklicher Sturm. Der Gouverneur Montano erwartet besorgt die venezianische Flotte. Bald trifft die gute Nachricht ein: Die feindliche Flotte ist durch die Naturgewalten vernichtet, der Krieg ist vorüber. Cassio kommt an und rühmt Othello und dessen Braut. Auch das Schiff mit Desdemona, Iagos Frau Emilia und Iago selbst erreicht den Hafen. Cassio begrüßt Desdemona überschwänglich. Iago beobachtet die Szene und fasst beiseite den Plan, den eitlen Cassio als verliebt in Desdemona darzustellen. Als Othello eintrifft und seine Frau begrüßt, schwört Iago im Stillen, das Glück des Paares zu zerstören. Er überzeugt Roderigo, Desdemona sei in Cassio verliebt und werde Othellos bald überdrüssig. Roderigo solle dem Leutnant in der Nacht bei seiner Wache auflauern und einen Streit provozieren. Iago werde dann dafür sorgen, dass aus dem Streit Aufruhr und Meuterei entsteht. In der Nacht vor dem geplanten Fest kommt es tatsächlich zu einer Prügelei unter Soldaten, in deren Verlauf der Gouverneur Montano von Othellos volltrunkenem Stellvertreter schwer verwundet wird.
Stil↑
Das Stück ist eine Tragödie und folgt dem für Shakespeare typischen Wechsel von gebundener und ungebundener Rede. Die Figuren sprechen teils in feierlich gehobenem Versmaß, teils in derber, sehr direkter Prosa. Besonders Iago bedient sich einer drastischen, oft anzüglichen Sprache mit Schimpfworten und gereimten Zoten, während Othellos Reden vor dem Senat einen würdevollen, erzählenden Ton anschlagen.
Auffällig ist das Mittel der beiseite gesprochenen Bemerkung: Iago wendet sich immer wieder direkt an das Publikum und enthüllt seine Pläne, während die anderen Figuren ahnungslos bleiben. So weiß der Zuschauer stets mehr als die Bühnenfiguren – ein wirkungsvoller Bau der Spannung. Der Gegensatz zwischen schönem Schein und verborgener Bosheit, zwischen offener Rede und heimlicher Intrige, durchzieht das ganze Werk.
Rezeption↑
Bereits zu Shakespeares Lebzeiten war das Werk außerordentlich erfolgreich und beliebt. Eine frühe Aufführung durch Shakespeares eigene Schauspieltruppe ist für den 1. November 1604 im großen Festsaal der königlichen Residenz in Whitehall belegt. Seit seiner Entstehung weist das Stück eine dichte und ununterbrochene Bühnenpräsenz auf.
In den deutschen Sprachraum gelangte Othello durch die Gesamtausgabe von Shakespeares Theatralischen Werken, die Christoph Martin Wieland zwischen 1762 und 1766 besorgte. Die deutsche Erstaufführung fand 1766 in Hamburg statt. Der Stoff wurde vielfach aufgegriffen und bearbeitet. Die bekannteste Adaption ist die Oper Otello von Giuseppe Verdi. Auch der Film hat sich des Werks immer wieder angenommen, unter anderem in den Verfilmungen von Orson Welles, Franco Zeffirelli und Oliver Parker.
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