1564 – 1616
William Shakespeare
Kurzporträt↑
William Shakespeare, getauft am 26. April 1564 in Stratford-upon-Avon und gestorben am 23. April 1616 ebenda, gilt als der bedeutendste Dichter der englischen Sprache. Seine Dramen zählen zu den meistgespielten Werken der Weltliteratur. Das überlieferte Gesamtwerk umfasst etwa 38 Bühnenstücke, sechs Versdichtungen und 154 Sonette. Schon zu Lebzeiten war Shakespeare ein erfolgreicher Theaterunternehmer und wohlhabender Bürger seiner Heimatstadt. Nach seinem Tod wurde er zur literarischen Leitfigur, die jede Epoche neu für sich in Anspruch nahm.
Biografie↑
Über Shakespeares Leben sind nur wenige Dokumente erhalten. Gerade aus den Londoner Jahren, in denen er sich als Schauspieler und Dramatiker etablierte, ist die Quellenlage dünn. Diese Lücken haben dazu beigetragen, dass seine Urheberschaft an den Werken immer wieder angezweifelt wurde. Auch das Bild seiner Person veränderte sich von Epoche zu Epoche erheblich.
Sein Geburtsdatum ist nicht überliefert. Belegt ist nur der Taufeintrag der Holy Trinity Church in Stratford-upon-Avon vom 26. April 1564, der ihn als Gulielmus filius Johannes Shakspere ausweist. Seit dem 18. Jahrhundert wird oft der 23. April als Geburtstag genannt, doch diese Angabe ist nicht gesichert. Sie beruht wohl darauf, dass Shakespeare am gleichen Apriltag des Jahres 1616 starb. Seine Eltern waren John Shakespeare, freier Landbesitzer und Oberaldermann in Stratford, und Mary Arden, die einer wohlhabenden Familie entstammte. Seit Ende der 1570er Jahre geriet der Vater in finanzielle Schwierigkeiten und verlor sein Ansehen.
Vermutlich besuchte William die Lateinschule (Grammar School) in Stratford. Dort erhielt er Unterricht in Latein, Griechisch, Geschichte, Morallehre und Dichtkunst. Anhaltspunkte für ein Universitätsstudium gibt es nicht. Im Alter von achtzehn Jahren heiratete er Ende November 1582 die acht Jahre ältere Anne Hathaway, Tochter eines Großgrundbesitzers. Aus dem Aufgebot vom 27. November 1582 geht hervor, dass die Heirat noch vor Beginn der Weihnachtszeit erfolgen sollte. Bereits ein halbes Jahr später wurde die Tochter Susanna getauft (26. Mai 1583). 1585 folgten die Zwillinge Hamnet und Judith. Der Sohn Hamnet starb 1596 mit elf Jahren.
Die Zeit zwischen etwa 1584/85 und 1592 nennt die Forschung die "verlorenen Jahre", über die kaum etwas bekannt ist. Das erste Zeugnis seiner Anwesenheit in London stammt aus dem Jahr 1592. Der Dichter Robert Greene verspottete ihn in einem Pamphlet als "upstart Crow" und Emporkömmling, der sich anmaße, mit den anerkannten Dichtern zu konkurrieren. Aus einer dem postumen Druck beigefügten Entschuldigung des Herausgebers lässt sich schließen, dass Shakespeare damals schon populär war und einflussreiche Gönner hatte. Er gehörte bald zur Truppe der Lord Chamberlain's Men, die 1594 hervortrat und sich zu den führenden Schauspieltruppen Londons entwickelte. Nach der Thronbesteigung Jakobs I. im Jahr 1603 nahm der König sie als King's Men unter seine Schirmherrschaft.
Während Pestepidemien die Londoner Theater zeitweise schließen ließen, schrieb Shakespeare die Versepen Venus and Adonis (1593) und The Rape of Lucrece (1594). Beide erschienen unter seinem Namen mit einer Widmung an Henry Wriothesley, Earl of Southampton, und begründeten seinen Ruf bei Literaturkennern. Anfang 1595 zählte er bereits zu den anerkannten Mitgliedern der Lord Chamberlain's Men. Das dokumentiert ein Zahlungsbeleg über eine Hofaufführung vom 15. März. Als Hausdramatiker schrieb er zahllose Stücke für die Truppe. Anfangs war er mit zehn Prozent an ihrem Gewinn beteiligt und übernahm selbst kleinere Schauspielrollen.
Geschäftlich war Shakespeare außerordentlich erfolgreich. Ab 1596 lassen sich fortlaufend Geldanlagen und Immobilienkäufe nachweisen. Als seine Truppe 1599 in das neu errichtete Globe Theatre umzog, erhielt er zunächst ein Zehntel der Teilhaberschaft, später ein Siebtel. 1608 kam das überdachte Blackfriars Theatre für die Wintersaison hinzu. Am 20. Oktober 1596 verlieh das College of Arms der Familie ein Wappen, das Shakespeare den Status eines Gentleman einbrachte. In Stratford erwarb er 1597 das zweitgrößte Haus der Stadt, New Place. Dazu kamen 1602 eine 43 Hektar große Ackerfläche und 1605 ein Anteil an den Zehnteinkünften lokaler Pachtschaften, der ihm jährlich 40 Pfund einbrachte. Als seine größten dichterischen Konkurrenten galten zunächst Christopher Marlowe, später Ben Jonson.
1609 erschien die Sammlung der 154 Sonette, deren rätselhafte Widmung an "Mr. W. H." bis heute ungeklärt ist. Möglicherweise handelt es sich um einen Raubdruck. Bemerkenswert ist, dass Shakespeare, der gesellschaftlich zielstrebig aufstieg, kaum etwas für seinen literarischen Ruhm tat. Er ließ mit Ausnahme der frühen Versepen kein einziges seiner Werke selbst drucken und gab keine Gesamtausgabe in Auftrag.
Mit 46 Jahren kehrte Shakespeare als vermögender Mann nach Stratford zurück. Er war der zweitreichste Bürger der Stadt. Verbindungen zu seinen Londoner Kollegen hielt er aufrecht und arbeitete an einigen Produktionen als Mitautor mit. Sein Testament setzte er vermutlich im Januar 1616 auf und ließ es vom Notar Thomas Collins datiert auf den 25. März 1616 ausfertigen. Den Hauptteil des Vermögens erhielt seine älteste Tochter Susanna mit ihrem Ehemann, dem Arzt John Hall. Judith wurden 100 Pfund samt Zusatzregelungen vermacht. Seiner Schwester Joan überließ er 20 Pfund, Kleidung und ein lebenslanges Wohnrecht im Elternhaus. Berühmt geworden ist der Satz, mit dem er seiner Ehefrau Anne "my second best bed with the furniture" hinterließ. Die Deutungen reichen von kühler Geringschätzung bis zur Vermutung, es handle sich um das gemeinsame Ehebett und damit einen Liebesbeweis. Ulrich Suerbaum sieht im Testament vor allem das Bemühen, den gesamten Besitz möglichst geschlossen weiterzugeben.
Shakespeare starb mit 52 Jahren, zehn Tage nach Miguel de Cervantes. Die Todesursache ist unbekannt. Eine spätere Anekdote nennt ein Fieber nach einem fröhlichen Zusammentreffen mit Drayton und Ben Jonson, möglich erscheint auch eine Typhus-Epidemie. Am 25. April 1616 wurde er im Chorraum der Holy Trinity Church beigesetzt. 1623 gaben seine ehemaligen Theaterkollegen John Heminges und Henry Condell seine Dramen unter dem Titel Mr William Shakespeare's Comedies, Histories and Tragedies als großformatigen Band heraus, das berühmte First Folio mit einer Würdigung durch Ben Jonson.
Literarische Merkmale↑
Shakespeare arbeitete im rasch wachsenden, wirtschaftlich riskanten, aber auch lukrativen elisabethanischen Theaterbetrieb. Seine Stücke schrieb er als Hausautor für eine konkrete Truppe und ein konkretes Publikum. Diese Praxis prägt sein Werk: Stoffe wurden nicht originell erfunden, sondern aus vorhandenem Material gewonnen. Es war damals üblich, ältere Stücke umzuschreiben und neu zur Aufführung zu bringen. So könnte etwa Shakespeares Hamlet die Adaption eines älteren Ur-Hamlet sein.
Auch sonst griff er weit ausholend auf vorhandene Erzählungen zurück: auf Sagen- und Märchenstoffe wie im Fall von König Lear, auf Plutarchs Biographien großer Männer, auf italienische Novellensammlungen und auf Chroniken der englischen Geschichte. Eine gängige Methode war es zudem, Fortsetzungen erfolgreicher Stücke zu schreiben. Die Figur des Falstaff aus Heinrich IV. war beim Publikum so beliebt, dass Shakespeare sie in Die lustigen Weiber von Windsor noch einmal auftreten ließ.
Neben den Dramen entstanden lyrische und epische Gedichte, vermutlich in jenen Jahren, in denen die Londoner Theater wegen der Pest geschlossen waren. Die beiden Versepen Venus and Adonis und Lucrece begründeten seinen literarischen Ruf bei den Zeitgenossen. Epische Werke galten damals als hohe Literatur, Theaterstücke nur als Gebrauchsliteratur. Als Verfasser der Epen wurde Shakespeare zu Lebzeiten häufiger gerühmt als für Hamlet. Die 1609 veröffentlichten 154 Sonette geben der Forschung bis heute Rätsel auf.
Rezeption↑
In Deutschland hat die Shakespeare-Rezeption eine ereignisreiche Geschichte, in der der Dichter für die unterschiedlichsten Interessen in Anspruch genommen wurde. Noch im frühen 18. Jahrhundert urteilte Johann Christoph Gottsched recht abfällig über ihn, dem französischen Klassizismus und den drei aristotelischen Einheiten verpflichtet. In der zweiten Jahrhunderthälfte aber wurde Shakespeare zum Prototyp des Genies: für Gotthold Ephraim Lessing im 17. Literaturbrief (1759), für Heinrich Wilhelm von Gerstenberg, Jakob Michael Reinhold Lenz, Johann Gottfried Herder und Johann Wolfgang von Goethe, der ihn 1771 in seiner Rede zum Schäkespears Tag feierte. Auch der Laie Ulrich Bräker hinterließ 1780 ein begeistertes Bekenntnis. Goethes Wort vom "Stern der höchsten Höhe" hat das deutsche Urteil über Shakespeare bis heute geprägt.
Den Bühnen verschaffte ihm vor allem der Theaterprinzipal Abel Seyler mit seiner Schauspiel-Gesellschaft in den 1770er Jahren Geltung. Seyler holte ihn als Gründungsdirektor des am 2. November 1778 eröffneten Nationaltheaters in Mannheim auch dort dauerhaft auf die Bühne. Für die deutsche Romantik, insbesondere August Wilhelm Schlegel mit seinen Wiener Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur (1809–1811), wurde Shakespeare zur entscheidenden Bezugsfigur, ebenso für die Dramentheorie des 19. Jahrhunderts. Aus dieser Zeit stammt auch die Vorstellung, die Deutschen hätten eine besondere Affinität zu Shakespeare, sein Werk stehe der deutschen Seele näher als der englischen. Institutionell verankert wurde die Verehrung in der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft. Sie wurde 1864 mehr von Enthusiasten als von Fachphilologen gegründet und ist bis heute die älteste Shakespeare-Gesellschaft der Welt, älter als die englische.
Kaum überschaubar ist die Zahl der deutschen Übersetzungen, die seit über 250 Jahren oft eigens für einzelne Inszenierungen entstanden. Zu den bekanntesten gehören die Ausgaben von Christoph Martin Wieland und Johann Joachim Eschenburg, die Bearbeitung durch Gabriel Eckert im sogenannten "Mannheimer Shakespeare", die Übertragungen von Johann Heinrich Voß und seinen Söhnen, einzelne Stücke von Friedrich Schiller und Theodor Fontane und vor allem die Schlegel-Tieck-Ausgabe von August Wilhelm Schlegel, Wolf Heinrich Graf von Baudissin, Ludwig Tieck und Dorothea Tieck. Die in der Weimarer Republik beliebten, bühnentauglichen Fassungen von Hans Ludwig Rothe wurden nach einem Goebbels-Erlass verboten. Später folgten die umfangreiche Übersetzung von 27 Stücken durch Erich Fried und die Gesamtübersetzung von Frank Günther. Einzelne Übertragungen von Thomas Brasch und Peter Handke erregten besonderes Aufsehen. In den letzten Jahren konzentriert sich die Übersetzertätigkeit wieder vermehrt auf die Sonette.
Shakespeares Werk ist neben der Bibel und, im deutschen Sprachraum, neben Goethe und Schiller zu einer der ergiebigsten Quellen geflügelter Worte geworden. Nach ihm benannt sind der Asteroid (2985) Shakespeare des äußeren Hauptgürtels und eine Statue im Central Park in New York City.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Im Lexikon
Weitere Werke (Auswahl)
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (88 weitere Titel)