Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Johann Gottfried Seume
Eingang · Autoren · Johann Gottfried Seume
Porträt Johann Gottfried Seume
Johann Gottfried Seume
1763 – 1810
– Autorenporträt –

Johann Gottfried Seume

1763 – 1810 · 47 Jahre

Bauernsohn, Söldner und Fußreisender – sein Reisebericht "Spaziergang nach Syrakus" wurde zum Vorbild für Generationen kritischer Wanderer.

Kurzporträt

Johann Gottfried Seume war ein deutscher Schriftsteller der Spätaufklärung. Sein Ruhm beruht bis heute vor allem auf einem einzigen Buch: dem 1803 erschienenen Reisebericht Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Geboren wurde er 1763 als Bauernsohn in Poserna bei Weißenfels. Ein wechselvolles Leben führte ihn als Söldner nach Nordamerika, als Soldat in preußische und russische Dienste und schließlich zu Fuß bis nach Sizilien. Seine kulturhistorischen Reiseschilderungen blicken nüchtern auf soziale, ökonomische und politische Verhältnisse fremder Länder. Seume starb 1810 in Teplitz, wo er Heilung von einem schweren Nieren- und Blasenleiden gesucht hatte.


Biografie

Seume wurde am 29. Januar 1763 in Poserna bei Weißenfels in Kursachsen geboren. Sein Vater war der Land- und Gastwirt Andreas Seume, seine Mutter die Bauerntochter Regina Christina Liebing. Laut der Allgemeinen Deutschen Biographie war der Vater streng, aber von einem hohen Gerechtigkeitsgefühl beseelt, das sich auf den Sohn vererbte. Nach Streitigkeiten mit dem Amtsrichter in Poserna verkaufte der Vater seine Grundstücke. Er pachtete dann ein Wirtshaus mit Ökonomie in Knautkleeberg bei Leipzig. Die ersten Schuljahre verliefen mühsam. Dann wurde der Pfarrer Magister Schmidt auf den Knaben aufmerksam und empfahl ihn dem Lehrer. Rasch überflügelte Seume seine Mitschüler.

Als der Vater 1775 oder 1776 in kümmerlichen Verhältnissen starb, nahm sich Friedrich Wilhelm Graf von Hohenthal des mittellosen Sohnes an. Er brachte ihn zu Rektor Johann Friedrich Korbinsky nach Borna, bei dem er von 1777 bis 1779 wohnte. Diesem Lehrer verdankte Seume nach eigener Aussage nahezu alle Kenntnisse und die Ausbildung seines Charakters. Von 1776 bis 1777 besuchte er die Leipziger Nikolaischule. 1780 nahm er an der Universität Leipzig ein Theologiestudium auf. Dieses brach er jedoch im Juni 1781 abrupt ab, um heimlich nach Frankreich zu gehen. Bereits in Vacha bei Eisenach wurde er von hessischen Soldatenwerbern aufgegriffen und zwangsrekrutiert. Der Landgraf von Hessen-Kassel verkaufte ihn als Söldner an England für den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Im Mai 1782 wurde er von Bremerhaven nach Halifax in Nova Scotia verschifft. Dort kam es jedoch nicht mehr zu Kampfhandlungen. Er schloss dort Freundschaft mit dem Offizier und späteren Dichter Karl von Münchhausen.

Im September 1783 wurde Seume nach Bremen zurückgebracht. Er desertierte, geriet aber sogleich in die Hände preußischer Werber und musste bis 1787 in Emden als Musketier dienen. Zwei Fluchtversuche scheiterten. Ihm drohte das oft tödliche Spießrutenlaufen. Durch Vermittlung von Oberst Wilhelm René de l'Homme de Courbière wurde es in eine Kerkerstrafe umgewandelt. Im Sommer 1787 erhielt er Urlaub gegen Kaution und kehrte nach Leipzig zurück. Ab Dezember 1789 studierte er dort Jura, Philosophie, Philologie und Geschichte. 1791 wurde er Magister artium, 1792 habilitierte er sich. Nach einer Anstellung als Hofmeister beim Grafen Gustav Otto Andreas von Igelström trat er als Sekretär mit Offiziersrang in die Dienste von dessen Bruder, des russischen Generals Otto Heinrich von Igelström. 1793 wurde er zum Leutnant befördert. Ostern 1794 geriet Seume beim Warschauer Aufstand in polnische Gefangenschaft. Nach der Rückeroberung Warschaus und der dritten polnischen Teilung 1795 kehrte er nach Leipzig zurück. Weil er einem Befehl zur Rückkehr nach Russland nicht folgte, wurde er im Dezember 1796 aus der Armee ausgeschlossen.

Vom Sommer 1797 an arbeitete Seume als Korrektor in der Druckerei seines Freundes, des Verlegers Georg Joachim Göschen in Grimma. Dort betreute er unter anderem Werke von Friedrich Gottlieb Klopstock und Christoph Martin Wieland. 1797 erschien gemeinsam mit Münchhausen der Gedichtband Rückerinnerungen. Am 6. Dezember 1801 brach Seume von Grimma zu Fuß zu seiner Reise nach Sizilien auf. Nur am Anfang begleitete ihn der Leipziger Maler Veit Hans Schnorr von Carolsfeld. Der Weg führte ihn über Prag, Wien, Venedig und Rom nach Neapel, von wo er nach Sizilien übersetzte. Auf dem Rückweg durchquerte er die Schweiz und reiste über Paris. Ende August 1802 traf er wieder in Leipzig ein. Nach der Neuen Deutschen Biographie hatte er dabei etwa 7000 Kilometer zurückgelegt. Die Wikipedia spricht von 6000 Kilometern, die er zu weiten Teilen zu Fuß bewältigt habe.

In Leipzig verdiente Seume in der Folge als Sprachlehrer und Schriftsteller ein bescheidenes Auskommen. Im April 1805 trat er eine zweite große Reise an. Sie führte ihn über Warschau und Riga nach St. Petersburg und Moskau. Der Rückweg ging über Finnland, Schweden und Dänemark. 1808 erkrankte er an einem langwierigen Nieren- und Blasenleiden. Ein erster Antrag auf eine russische Offizierspension wurde abgelehnt. Sein Freund Christoph Martin Wieland in Weimar stellte 1809 einen zweiten Antrag. Mit geliehenem Geld wanderte Seume gemeinsam mit Christoph August Tiedge nach Bad Teplitz in Böhmen. Dort starb er zehn Tage nach seiner Ankunft am 13. Juni 1810. Die Nachricht von der Bewilligung der Pension erreichte ihn nicht mehr zu Lebzeiten. Beim Sterbeort weichen die Quellen in der Schreibweise voneinander ab: Wikidata nennt ihn nach dem heutigen tschechischen Namen Teplice, die Deutsche Nationalbibliothek wie auch die NDB führen die historische deutsche Form Teplitz.


Literarische Merkmale

Bei seinen Zeitgenossen machte sich Seume zunächst mit den 1801 erschienenen Gedichten einen Namen. Laut der Neuen Deutschen Biographie waren seine Verse mehr um Wahrhaftigkeit als um Kunstfertigkeit bemüht. Geläufig sind heute vor allem jene Zeilen, die sprichwörtlich geworden sind, nämlich aus dem Wilden von 1793 und aus den Gesängen von 1804. Berühmt ist daraus der Vers über den Amerikaner, "der Europens übertünchte Höflichkeit nicht kannte".

Seumes heutiger Ruf gründet sich vor allem auf den Spaziergang nach Syrakus. Geschrieben ist er aus der, wie die NDB formuliert, "fast schon pikaresk zu nennenden Perspektive des vorsätzlich zu Fuß Reisenden". Sein Blick richtet sich nur beiläufig auf Kunst und Kultur Italiens, dafür umso eingehender auf das eigene Ergehen, das alltägliche Leben und auf politische Missstände. Sein Reiseberichten gilt als kulturhistorisch. Mit Genauigkeit und Nüchternheit beschrieb er die sozialen, ökonomischen und politischen Verhältnisse der bereisten Länder. Die eigenen Erfahrungen als verkaufter Söldner in Nordamerika und als Soldat in deutschen und russischen Diensten ließen ihn besonders entschieden für die Freiheitsrechte einzelner Menschen und ganzer Völker eintreten.

Diese Haltung zeigt auch die Autobiographie Mein Leben. Sie bricht mit der Rückkehr aus Amerika 1783 mitten im Satz ab und erschien 1813 posthum. Sie ist, wie die NDB notiert, im Detail mitunter irrig. Sie besticht aber durch die Geradlinigkeit und Lakonik, mit der Seume die widrige Geschichte seiner Jugend und Bildung rekapituliert. Mit den Selbstzeugnissen Ulrich Bräkers, Carl Friedrich Bahrdts und Friedrich Christian Laukhards reiht sie sich, so die NDB, in die "Memoires von unten" aus der Goethezeit ein.

Über Seumes Person hieß es bei den Zeitgenossen, er sei zwar umgänglich gewesen. Mit der Entschiedenheit seiner Anschauungen habe er aber viele Menschen abgestoßen. Sein asketischer Lebensstil ist in einem Brief von 1798 an Johann Wilhelm Ludwig Gleim bezeugt.


Rezeption

Der Spaziergang nach Syrakus wurde zum wegweisenden Werk für eine lange Reihe von Autoren vom frühen 19. bis zum späten 20. Jahrhundert. Seume war nicht der Erste, der planvoll längere Fußreisen unternahm. Dennoch prägte gerade sein betont eigenwilliger Bericht das Genre. In seiner Nachfolge stehen unter anderem Ferdinand Freiligrath und Carl Schlickum. Sie durchwanderten ab 1839 Westfalen und veröffentlichten ihre Eindrücke später, vollendet durch Levin Schücking, im Band Das malerische und romantische Westfalen. Auch Otto Julius Bierbaums Eine empfindsame Reise im Automobil von 1903 und Friedrich Christian Delius' Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus von 1995 knüpfen ausdrücklich an Seume an. Delius' Erzählung folgt den wahren Erlebnissen von Klaus Müller, der 1988 illegal die DDR verließ, um den Jugendtraum einer Fußreise nach Syrakus zu verwirklichen.

Die Rezeption verlief nicht geradlinig. Postum wurde Seume zunächst, wie die NDB festhält, im Zuge der Befreiungskriege in deutschnationalem Sinne vereinnahmt. Im Laufe des 19. Jahrhunderts erkaltete das von ihm selbst kultivierte Bild des wortkargen, kauzigen, aber aufrechten Wandersmannes zu einem biedermeierlich verbrämten Klischee. Erst Werner Kraft entdeckte mit seiner Neuausgabe der Prosaschriften 1962 den politischen Schriftsteller Seume wieder. Dieser nimmt laut der NDB sowohl wegen seiner wechselvollen Lebensgeschichte als auch wegen seines bis heute lebendigen Prosawerks einen Sonderplatz in der deutschen Literatur der Spätaufklärung ein.

Bis in die Gegenwart ist Seume präsent. Jan Decker erhielt 2017 für seinen Roman Der lange Schlummer den Johann-Gottfried-Seume-Literaturpreis. Dieser wird seit 2001 im Zweijahresrhythmus vom Internationalen Johann-Gottfried-Seume-Verein "Arethusa" e. V. in Grimma vergeben. Im Göschenhaus in Grimma-Hohnstädt erinnert eine Seume-Gedenkstätte an den Autor. Das Museum im Schloss Lützen bewahrt mit 66 Originalbriefen und rund zwei Dutzend Originalhandschriften die größte handschriftliche Seume-Sammlung, die auf den Sammler Oskar Planer zurückgeht. Eine Johann-Gottfried-Seume-Gesellschaft besteht seit 1999.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis

Im Lexikon

Weitere Werke

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten