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Werkseintrag · Mein Leben
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Mein Leben
1813
– Werkseintrag –

Mein Leben

1813 · Autobiografie

Unter den Schmerzen seiner tödlichen Krankheit schreibt Seume die ersten zwanzig Jahre seines Lebens auf – von der Lateinschule in Borna über die Werber des hessischen Landgrafen bis in die Wildnis Kanadas.

Überblick

Die Autobiographie Mein Leben ist das letzte Werk Johann Gottfried Seumes. Er schrieb sie in den letzten Monaten seines Lebens, unter den Schmerzen einer tödlichen Blasen- und Nierenkrankheit. Nur die ersten zwanzig Lebensjahre konnte Seume noch zu Papier bringen. Dann brach das Manuskript mitten im Satz ab. 1813, drei Jahre nach seinem Tod, erschien das Fragment im Verlag Göschen in Leipzig, ergänzt um eine Fortsetzung der Freunde Georg Joachim Göschen und Christian August Heinrich Clodius. Mein Leben gilt heute als eine der bekanntesten Autobiographien der deutschen Literatur. Das Werk hat das Bild des aufrechten, unbeugsamen Seume entscheidend geprägt.

Inhalt (ohne Spoiler)

Seume erzählt von seiner Herkunft aus einfachen Verhältnissen. Er berichtet von der Kindheit in Poserna und Knautkleeberg bei Leipzig und vom frühen Tod des Vaters. In der Lateinschule in Borna kam er als „halber Hurone" an und wurde doch bald Klassenbester. Ein adliger Förderer, Graf Friedrich Wilhelm von Hohenthal zu Städteln, erkannte die Begabung des Bauernsohnes. Er ermöglichte ihm den Besuch der Nikolaischule in Leipzig und 1780 das Theologiestudium. Doch der Achtzehnjährige geriet in Glaubenszweifel. Er beschloss, Deutschland zu verlassen, um in Metz die Artillerieschule zu besuchen.

Auf dem Weg nach Frankreich fielen ihn die Werber des Landgrafen von Hessen-Kassel in die Hände. Dieser „Menschenmäkler" vermietete seine Untertanen als Soldaten an Großbritannien. Seume schildert die Festung Ziegenhain als Sammelplatz der Rekruten. Er beschreibt die zermürbende Schiffsüberfahrt nach Halifax, „geschichtet und gepökelt wie die Heringe". Es folgt die Zeit in der kanadischen Wildnis, wo er den indigenen Bewohnern mit Sympathie begegnete. Mitten in einer entscheidenden Szene nach der Rückkehr nach Europa bricht das Manuskript ab. Die Freunde Göschen und Clodius haben das offen Gebliebene später nachgezeichnet.

Die Handlung im Detail

Seume beginnt mit der Kindheit in Poserna und Knautkleeberg, dem heutigen Leipziger Ortsteil. Nach dem frühen Tod des Vaters kommt der Junge auf die Lateinschule in Borna, wo er anfangs als „halber Hurone" verspottet wird, bald jedoch als Klassenbester hervortritt. Graf Friedrich Wilhelm von Hohenthal zu Städteln nimmt sich des Begabten an und ermöglicht ihm den Wechsel an die Nikolaischule in Leipzig. Im Herbst 1780 beginnt Seume auf Wunsch des Förderers das Theologiestudium, das ihn zum Pfarrer machen soll. Doch der Achtzehnjährige gerät in tiefe Glaubenszweifel: „Es fing nun an furchtbar in mir zu gähren. Ich begriff, daß ich als ehrlicher Mann nicht auf dem Wege fortwandeln konnte."

Ende Juni 1781 macht sich Seume auf den Weg nach Metz, wo er die Artillerieschule besuchen will. Schon am dritten Tag aber fällt er den Werbern des Landgrafen von Hessen-Kassel in die Hände, der seine Untertanen an Großbritannien vermietet. Seume wird in die Festung Ziegenhain gebracht, den Sammelplatz für die Rekruten, und im Frühjahr 1782 nach Bremerlehe. Es folgt eine zweiundzwanzigwöchige Schiffsüberfahrt in englischer Enge, „geschichtet und gepökelt wie die Heringe", bis die hessischen Soldaten in Halifax ankommen. Im Krieg werden sie nicht mehr eingesetzt. Seume arbeitet „als Schreibersknecht", jagt und fischt in der freien Zeit und begegnet den indigenen Bewohnern, die er als „durchaus nur freundliche Leute" voller Sympathie schildert. Die klassische Bildung des Bauernsohnes beeindruckt den vier Jahre älteren Offizier Karl Ludwig August Heino von Münchhausen, mit dem sich eine Freundschaft entwickelt; Seume findet Aufnahme in einen kleinen Offizierskreis.

Nach dem Frieden von Paris im September 1783 werden die Truppen nach Europa zurückgebracht. In Bremen wagt Seume einen Fluchtversuch. Mit den Worten „Und nun –" bricht das Manuskript ab.

Die Freunde haben den Rest aus eigener Kenntnis zusammengetragen. Göschen schildert, wie Seume dem hessischen Militär entkommt, dann preußischen Werbern in die Hände fällt, zwei missglückte Fluchtversuche unternimmt und dem zwölfmaligen Spießrutenlaufen entgeht. Schließlich kehrt er nach Leipzig zurück, nimmt das Studium wieder auf, tritt in russische Dienste und überlebt im April 1794 als Offizier den Aufstand in Warschau. Nach siebenmonatiger Gefangenschaft kehrt er heim. 1801/02 folgt der berühmte Spaziergang nach Syrakus, 1805 die Nordische Reise durch Polen, Russland und Skandinavien. Clodius beschreibt zuletzt die Tage in Töplitz, wo der Todkranke Linderung der qualvollen Schmerzen sucht. Nur „die Pflicht des Beispiels" habe ihn „um der Schwachen und Toren willen" davon abgehalten, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen. Seume stirbt am 13. Juni 1810 im Alter von siebenundvierzig Jahren.

Die Entstehung selbst gehört zur Geschichte des Werks: Schiller, Herder und Gleim hatten Seume zur Niederschrift ermuntert, doch erst die schwere Krankheit brachte ihn Ende 1809 zum Schreiben. An Christoph Martin Wieland berichtete er im Januar 1810: „Einige Bogen habe ich auch unter großer Anstrengung gefertigt, und habe mich schon glücklich wieder aus Amerika zurückgebracht." Wenige Tage vor seinem Tod schenkte Seume das Fragment seinem Leipziger Arzt Christian Gottfried Braune. Die Handschrift wechselte mehrfach den Besitzer, wurde 1937 von Stefan Zweig an Martin Bodmer verkauft und liegt heute in der Fondation Bodmer in Cologny.

Stil

Seume erzählt sein Leben in einem nüchtern-anschaulichen, oft drastischen Ton. Er spart nicht mit Bildern und derben Vergleichen: Die hessischen Rekruten sind „geschichtet und gepökelt wie die Heringe", der Landgraf von Kassel ein „großer Menschenmäkler". Eingestreute Selbstzitate und Briefstellen geben dem Text die Unmittelbarkeit eines mündlichen Berichts. Der Literaturwissenschaftler Jörg Drews hat den eigentümlichen Reiz des Buches beschrieben. Seume beschäftige sich „nicht psychologisch-zergliedernd mit sich selbst", er analysiere sich also weniger, als dass er sich porträtiere. Zugleich vermisst Drews sprachliche und psychologische Raffinesse. Er weist auf Ungereimtheiten und ungenaue Darstellungen hin. Die unter Schmerzen entstandene Niederschrift bleibt Fragment. An sie schließen die Fortsetzungen Göschens und Clodius' an, deren Ton stärker zur Erinnerungspflege und Verehrung neigt.

Rezeption

Schon der Verleger und Freund Georg Joachim Göschen verstand die Autobiographie als Vermächtnis, in dem Seume bei seinen Freunden fortlebe, „weil sein Leben sich ebenso anspruchslos und wahr, ebenso heiter und gleichmütig in Worten und Handlungen darstellte, als er es, während einer schmerzhaften Krankheit, beschrieben hat." Rund fünfzig Jahre später zählte Ludwig Storch die Lebensbeschreibung zum Wertvollsten, was Seume geschrieben habe: „obgleich er darin nicht über die Jünglingsjahre hinausgekommen ist, so tritt doch sein Bild in herrlicher Frische daraus hervor."

Im 20. und 21. Jahrhundert hat vor allem Jörg Drews den besonderen Charakter des Textes beschrieben. Er ist Mitbegründer der Johann-Gottfried-Seume-Gesellschaft zu Leipzig. Drews hob die Vorliebe für das Porträt statt der Selbstanalyse hervor, benannte aber auch die sprachlichen und sachlichen Schwächen. Eberhard Zänker bezeichnet Mein Leben als eine der interessantesten und berühmtesten Autobiographien der Goethezeit und der deutschen Literatur überhaupt. Die Fortsetzung Göschens und Clodius' sieht er von sentimentaler Erinnerung geprägt, die „eine Seume-Legende entstehen ließ, an der allerdings auch Seume selbst schon zu Lebzeiten mitgewirkt hat." Das Werk ist bis heute lieferbar, zuletzt 2018 in einer erstmals ungekürzten Ausgabe im Wallstein Verlag.

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