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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Mein Leben
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Mein Leben
1868
– Werkseintrag –

Mein Leben

1868 · Autobiografie

Der russische Denker Alexander Herzen erzählt in seinen Lebenserinnerungen von Verfolgung, Verbannung und dem selbstgewählten Exil in Westeuropa – und entwirft dabei ein Panorama eines ganzen Jahrhunderts zwischen Russland und Europa.

Überblick↑

Das Memoirenwerk Mein Leben von Alexander Herzen (1812–1870) gilt als Höhepunkt seines Schaffens und zugleich als bedeutendes Zeugnis der russischen Geschichte und Kultur. Herzen schrieb daran über viele Jahre hinweg, von 1852 bis 1868. Der russische Originaltitel lautet Былое и думы (Byloje i dumy), was so viel wie „Erlebtes und Gedachtes“ bedeutet. Gewidmet ist das Werk Nikolai Ogarjow (1813–1877). Herzen erzählt darin nicht nur sein eigenes Leben, sondern entwirft ein ungewöhnlich breites Panorama des russischen und europäischen Lebens im 19. Jahrhundert.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Erzählt wird der Lebensweg eines Mannes, der als unehelicher Sohn einer aus Stuttgart stammenden Mutter und eines russischen Adligen zur Welt kam. Der Bericht beginnt in der Kinderstube und führt über die Studienjahre an der Universität in eine Zeit, in der junge, freidenkende Menschen im Russland der zaristischen Herrschaft schnell in Verdacht gerieten.

Herzen schildert sein Leben in mehreren großen Abschnitten, die den Stationen seines Weges folgen: die Jugend, die Erfahrung von Gefängnis und Verbannung, das Wirken in verschiedenen russischen Städten und schließlich die Jahre im selbstgewählten Exil in Westeuropa. Neben dem eigenen Schicksal treten immer wieder die großen Ereignisse und geistigen Auseinandersetzungen seiner Zeit hervor.

Das Werk ist zugleich eine Galerie lebendiger Porträts. Herzen zeichnet die Menschen, denen er begegnete – Freunde, Denker, Kämpfer und Zeitgenossen der russischen wie der europäischen Geschichte. So verbindet sich die Geschichte eines einzelnen Lebens mit dem Bild eines ganzen Jahrhunderts.

Die Handlung im Detail↑

Aufgebaut ist das Werk in acht großen Teilen, die dem Lauf von Herzens Leben folgen. Der erste Teil, „Kinderstube und Universität“ (1812–1834), schildert Herkunft, Kindheit und Studienzeit. Herzen war der uneheliche Sohn der aus Stuttgart stammenden Luise Haag und des russischen Adligen Iwan Alexejewitsch Jakowlew. Seinen Namen bildete der Vater nach dem Kosenamen der Mutter, „Mein Herz“.

Der zweite Teil, „Gefängnis und Verbannung“ (1834–1838), erzählt von der Verfolgung des jungen Mannes: Wegen freisinniger Äußerungen kam Herzen wiederholt in Haft, wegen sozialistischer Propaganda wurde er in den Osten Russlands verbannt. Es folgen die Teile „Wladimir am Kljasma“ (1838–1839) sowie „Moskau, Petersburg und Nowgorod“ (1840–1847), in denen sich sein Leben zwischen verschiedenen russischen Städten abspielt. Seit 1842 war Herzen als Verfasser geistvoller Schriften bekannt.

Der fünfte Teil, „Paris – Italien – Paris“ (1847–1852), setzt mit der Auswanderung ein. Bald nach dem Tod des Vaters verließ Herzen 1847 als überzeugter Westler seine Heimat. Der sechste Teil, „England“ (1852–1864), schildert die Londoner Jahre. Dort gründete er 1853 eine Druckerei, mit der er gegen das Autokratenregime seiner Heimat kämpfte. Durch seine Schriften in englischer, russischer und deutscher Sprache gewann er internationale Bedeutung. Der siebte Teil trägt den Titel „Die Freie Russische Druckerei und ‚Die Glocke'“ und ist diesem publizistischen Wirken gewidmet. Der achte Teil sammelt unter dem Titel „Bruchstücke“ die letzten Aufzeichnungen aus den Jahren 1865 bis 1868.

Über die Lebensgeschichte hinaus ist das Werk eine unvergleichliche Darstellung der großen Ereignisse und Themen der Zeit. Herzen fügt zahlreiche Porträts ein: Er fing den Charakter von Tschaadajew, Belinski, Granowski, Bakunin, Garibaldi, Owen und vieler anderer Freunde und Weggefährten ein. Von Petscherin etwa berichtet er, der Hellenist „wurde Jesuitenpater und verbrennt jetzt protestantische Bibeln in Irland“. In seinen späteren Jahren lebte Herzen seit 1864 in der Schweiz, danach in Frankreich; zuletzt stand er im Verkehr mit Bakunin und näherte sich den Anarchisten.

Stil↑

Getragen wird das Werk von Herzens Gabe, Menschen in wenigen Zügen lebendig werden zu lassen. Sein Talent für literarische Porträts erlaubte es ihm, den Charakter von Persönlichkeiten der russischen und der Weltgeschichte einzufangen und in knappen, scharf beobachteten Bildern festzuhalten. Schon Herzens Zeitgenossen lobten seine Aufrichtigkeit, seine Beobachtungsgabe, sein literarisches Geschick und seine Zivilcourage.

Das Werk verbindet die persönliche Erinnerung mit der Reflexion über die Zeit – schon der Originaltitel „Erlebtes und Gedachtes“ deutet diese doppelte Anlage an. So entsteht kein bloßer Lebensbericht, sondern ein weit ausgreifendes Panorama des russischen und europäischen Lebens des 19. Jahrhunderts.

Rezeption↑

Gerühmt wurde Herzen bereits von seinen Zeitgenossen, und sein Ruf reichte weit über Russland hinaus. Als scharfer Kritiker des Russischen Reiches gewann er großen Einfluss auf die junge Generation russischer Dichter. Fjodor Dostojewski urteilte über seine Werke, sie seien die beste Philosophie nicht nur in Russland, sondern in Europa.

Der russische Literaturhistoriker D. S. Mirsky (1890–1939) hob in seiner Geschichte der russischen Literatur die Bedeutung des Werkes eigens hervor. Mein Leben gilt heute nicht nur als Höhepunkt von Herzens Schaffen, sondern auch als bedeutendes Dokument der russischen Geschichte und Kultur. In deutscher Sprache erschienen früh Teilausgaben; eine Übersetzung legte später der Aufbau-Verlag in Berlin unter dem Titel Mein Leben. Memoiren und Reflexionen vor.

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