1812 – 1870
Alexander Iwanowitsch Herzen
Kurzbiografie↑
Alexander Iwanowitsch Herzen war ein russischer Philosoph, Schriftsteller und Publizist, der einen großen Teil seines Lebens im westeuropäischen Exil verbrachte. Geboren 1812 in Moskau, starb er 1870 in Paris. Von London aus gründete er eine zensurfreie russische Presse und gab die Zeitschrift Kolokol heraus, mit der er über Jahre auf die russische Öffentlichkeit einwirkte. Unter dem Pseudonym Iskander trat er als Verfechter demokratischer Ideen hervor. Bekannt ist er zudem als Verfasser eines berühmten Memoirenwerks.
Biografie↑
Zur Welt kam Herzen 1812 in Moskau als Sohn der aus Stuttgart stammenden Henriette Wilhelmina Luise Haag und des russischen Adligen Iwan Alexejewitsch Jakowlew. Die Eltern schlossen keine rechtsgültige Ehe. So erhielt der Sohn den Namen Herzen, weil er ein Kind des Herzens sei. Noch als Säugling verließ er mit der Familie Moskau, als sein Vater im Auftrag Napoleons Verhandlungen mit dem Zaren in Sankt Petersburg aufnehmen sollte. Zwei Kinderfrauen, eine Russin und eine Elsässerin, zogen ihn auf.
Früh erhielt Herzen Zugang zur väterlichen Bibliothek, wo er täglich stundenlang vor allem französische Literatur las. Mit fünfzehn Jahren bekam er Religionsunterricht bei einem orthodoxen Priester; seine Mutter begleitete er bisweilen in eine evangelisch-lutherische Kirche. Den Dekabristenaufstand von 1825 empfand er trotz seines jungen Alters als prägendes Erlebnis. Kurz danach lernte er N. P. Ogarjow kennen, der zeitlebens einer seiner engsten Freunde blieb.
Gegen den Willen seines Vaters, der ihn im Staatsdienst sehen wollte, trat Herzen 1829 in die physikalisch-mathematische Fakultät der Universität Moskau ein. Bald schloss er sich einem oppositionellen Studentenzirkel an. In seine Studienzeit fielen der Ausbruch der Cholera in Moskau und der Besuch Alexander von Humboldts an der Moskauer Universität. 1833 beendete er sein Studium mit einer astronomischen Dissertation und erhielt dafür eine Silbermedaille.
In der Nacht zum 20. Juli 1834 wurde Herzen verhaftet. Neun Monate später verurteilte man ihn wegen angeblich zarenkritischer Äußerungen und verbannte ihn nach Wjatka. Erst 1838 durfte er nach Wladimir, 1840 wieder nach Moskau zurückkehren. Zuvor hatte er 1838 seine entfernte Verwandte Natalja Alexandrowna Sacharina heimlich aus Moskau entführt und geheiratet. Nach der Verbannung trat er in den Staatsdienst ein und wurde Mitglied des Stankewitsch-Kreises. Dort kam er mit W. G. Belinski, M. A. Bakunin, T. N. Granowski und wieder mit Ogarjow zusammen. Großen Einfluss auf diese Gruppe hatte die Philosophie Hegels, über die Herzen mehrere Abhandlungen verfasste. Aus dem Kreis bildeten sich die Westler, zu denen sich Herzen zählte, und die Slawophilen, die beide auf Reformen im russischen Staat drängten.
Am 6. Mai 1846 starb Herzens Vater, und die Intellektuellenkreise lösten sich nach und nach auf. So hielt ihn wenig mehr in der Heimat. Nachdem er mühsam einen Reisepass erhalten hatte, verließ er am 21. Januar 1847 mit seiner Familie Russland in Richtung Westen. Eine große Europareise führte ihn über Königsberg, Berlin, Köln und Brüssel schließlich nach Paris. Dort erlebte er nach der Februarrevolution die blutige Niederschlagung eines Aufstandes im Juni 1848. Die folgende Zeit verbrachte er in Genf und in Nizza, wo er Garibaldi kennenlernte. Bald trafen ihn schwere Schicksalsschläge: 1851 kamen seine Mutter und sein jüngster Sohn bei einem Schiffsunglück ums Leben, am 2. Mai 1852 starb seine Frau Natalja an den Folgen einer Lungenentzündung.
Seit August 1852 lebte Herzen in London. Dort lernte er Vertreter der politischen Emigration kennen, unter ihnen Louis Blanc, Gottfried Kinkel, Lajos Kossuth und Giuseppe Mazzini; die Erzieherin seiner Kinder war Malwida von Meysenbug. Nun wurde er verstärkt politisch aktiv und setzte sich für die Verständigung der demokratischen Bewegungen Russlands und Polens ein. 1853 gründete er die Freie Russische Presse, in der Schriften auf Russisch ohne Zensur gedruckt wurden. Ab 1855 gab er den Almanach Poljarnaja Zvezda („Der Polarstern“) heraus, zwei Jahre später gründete er die Zeitschrift Kolokol („Die Glocke“), die zwischen 1857 und 1867 erschien. Sein publizistischer Einfluss verminderte sich schlagartig, als er 1863 den Aufstand Polens als Signal zur Erhebung der gesamten slawischen Welt begrüßte. Verbittert durch persönliche Schicksalsschläge und politische Erfolglosigkeit zog er sich zurück. Nach 1863 lebte er meist in Genf oder Brüssel und starb während eines Aufenthaltes in Paris am 21. Januar 1870.
Literarische Merkmale↑
Herzen schrieb als Philosoph, Publizist und Erzähler zugleich. In seiner Freien Russischen Presse ließ er Schriften auf Russisch ohne Zensur drucken. Über die Philosophie Hegels legte er mehrere Abhandlungen vor. Seinen bleibenden Ruf begründete ein umfangreiches Memoirenwerk, in dem er sein Leben und seine Zeit festhielt.
Rezeption↑
Bekannt wurde Herzen vor allem durch sein berühmtes Memoirenwerk. Mit der Zeitschrift Kolokol und der Freien Russischen Presse übte er zwischen den 1850er und den frühen 1860er Jahren einen spürbaren Einfluss auf die russische Öffentlichkeit aus. Dieser Einfluss brach ein, als er 1863 den polnischen Aufstand begrüßte. In seinen letzten Lebensjahren trat er kaum noch öffentlich hervor.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (1 weitere Titel)