1817 – 1875
Georg Herwegh
Kurzporträt↑
Als revolutionärer Dichter des Vormärz zählte Georg Herwegh zu den populärsten politischen Lyrikern des deutschen Sprachraums im 19. Jahrhundert. Neben Heinrich Heine und Ferdinand Freiligrath machte ihn vor allem seine Sammlung Gedichte eines Lebendigen mit einem Schlag berühmt. Herwegh wurde 1817 in Stuttgart geboren und lebte über weite Strecken seines Lebens im Exil, überwiegend in der Schweiz. Er verband seine Dichtung eng mit der frühen deutschen Arbeiterbewegung und schrieb für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein das vielgesungene Bundeslied. Auf eigenen Wunsch erhielt er 1843 die Schweizer Staatsbürgerschaft.
Biografie↑
Geboren wurde Georg Friedrich Rudolf Theodor Andreas Herwegh am 31. Mai 1817 in Stuttgart als Sohn des Gastwirts Ludwig Ernst Herwegh und seiner Frau Rosine Catharina. Getauft wurde er im Juni 1817 in der Stuttgarter Hospitalkirche. Ab 1828 lebte er bei Verwandten und besuchte die Lateinschule in Balingen. Von 1831 bis 1835 folgte nach bestandenem Landexamen das Evangelische Seminar im Kloster Maulbronn.
Ab 1835 studierte Herwegh in Tübingen Theologie und Rechtswissenschaften, als Stipendiat des Tübinger Stifts. Aus dem Stift wurde er 1836 wegen Auflehnung gegen die Ordnung verwiesen. Er wechselte zum Jurastudium, brach das Studium jedoch 1837 endgültig ab. In Stuttgart arbeitete er nun als freier Schriftsteller und Kritiker, unter anderem für August Lewalds Zeitschrift „Europa“ und Karl Gutzkows „Telegraph für Deutschland“. Zugleich übersetzte er Werke von Lamartine.
Im Jahr 1839 floh Herwegh in die Schweiz, weil ihm nach einem Streit mit einem württembergischen Offizier die militärische Zwangsrekrutierung drohte. Über Emmishofen führte ihn der Weg nach Zürich, wo er sich mit dem Dichter August Follen anfreundete. Im Sommer 1841 erschien der erste Teil seiner Gedichte eines Lebendigen, die als polemisches Gegenstück zu den Briefen eines Verstorbenen von Hermann von Pückler-Muskau gedacht waren. Mit ihren Forderungen nach Freiheit und Einheit trafen die leidenschaftlichen, sangbaren Verse die Stimmung des Vormärz und machten ihn schlagartig berühmt. Trotz des Verbots in Preußen erlebte das Buch bis 1843 sieben Auflagen.
Von Herbst 1841 bis Februar 1842 reiste Herwegh nach Paris und traf dort Heinrich Heine, der ihn später in einem Gedicht ironisch als „eiserne Lerche“ verewigte. Nach seiner Rückkehr lieferte er sich publizistische Kämpfe mit den Zürcher Konservativen und wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. 1842 plante er eine eigene Zeitschrift, den Deutschen Boten aus der Schweiz, und unternahm eine Werbereise durch Deutschland, auf der er gefeiert wurde. In dieser Zeit knüpfte er Kontakte zu Karl Marx, Ludwig Feuerbach und dem Anarchisten Michail Bakunin.
Ein Wendepunkt war die Audienz beim preußischen König Friedrich Wilhelm IV. im November 1842. Unmittelbar danach ließ der König die geplante Zeitschrift verbieten. Herwegh schrieb einen empörten offenen Brief, dessen Veröffentlichung im Dezember 1842 zu seiner Ausweisung aus Preußen führte. Am 8. März 1843 heiratete er in Baden in der Schweiz Emma Siegmund, die Tochter eines Berliner Bankiers. Laut der Neuen Deutschen Biographie war sie außergewöhnlich gebildet und unterstützte seinen revolutionären Kampf tatkräftig. Im April 1843 erhielt er das Bürgerrecht im Kanton Basel-Landschaft. Im selben Jahr gab er die Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz heraus, eine Sammlung, die die Zwanzig-Bogen-Klausel der deutschen Zensur umgehen sollte. Vom württembergischen König unter der Bedingung der Auswanderung begnadigt, siedelte er nach Paris um. Dort erschien der zweite Teil der Gedichte eines Lebendigen, der jedoch nur geringe Resonanz fand. In Paris begegnete er unter anderem Victor Hugo, Béranger, George Sand und erneut Marx und Bakunin.
Nach der Pariser Februarrevolution 1848 wurde Herwegh Präsident der Deutschen Demokratischen Gesellschaft und der Deutschen Demokratischen Legion. Gegen die Warnungen von Marx und Engels zog er mit einer kleinen bewaffneten Truppe den Aufständischen um Friedrich Hecker in Baden zu Hilfe. Am 27. April 1848 wurde die Legion von württembergischen Truppen bei Dossenbach geschlagen. Herwegh und seine Frau konnten fliehen, verkleidet in Arbeitskleidern, und entkamen in die Schweiz. Diese Niederlage führte zum Bruch mit Marx und Engels.
In den 1850er Jahren war Herweghs Haus in Zürich ein Treffpunkt für Persönlichkeiten wie Richard Wagner, Gottfried Semper und Franz Liszt. Hier kam es zum Bruch mit Alexander Herzen, dessen Frau Herwegh liebte. Er arbeitete für die Schweizer liberale Presse und anonym für die satirische Zeitschrift „Kladderadatsch“. 1863 wurde er Bevollmächtigter des neu gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in der Schweiz. Für dessen Gründung schrieb er das Bundeslied, das rasch verboten wurde und jahrelang nur illegal verbreitet werden konnte. Von dessen Gründer Ferdinand Lassalle distanzierte er sich später wegen dessen gemäßigter Haltung.
1866 kehrte Herwegh nach Deutschland zurück und wurde Ehrenkorrespondent der Ersten Internationale. 1869 schloss er sich der von August Bebel und Wilhelm Liebknecht gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei an. Als Mitarbeiter des Blatts „Der Volksstaat“ veröffentlichte er seine schärfsten politischen Gedichte, in denen er den preußischen Militarismus und den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 verurteilte. Herwegh starb am 7. April 1875. Die Quellen benennen den Sterbeort unterschiedlich: Wikidata nennt Lichtental, die Deutsche Nationalbibliothek Lichtenthal in Baden; nach Wikipedia handelt es sich um das heute zu Baden-Baden gehörende Lichtental. Begraben wurde er auf eigenen Wunsch im Kanton Basel-Landschaft, in Liestal, obwohl er dort nie gewohnt hatte.
Literarische Merkmale↑
Nach rein formalen Maßstäben fehlt Herweghs Versen, wie die Neue Deutsche Biographie festhält, die Vollendung. Es handele sich um Pamphlete und Aufrufe, die reinen Genuss nicht erlaubten. Doch seien sie es bewusst und spiegelten getreuer als die zeitferne, epigonale Poesie etwa Emanuel Geibels die Kämpfe, Hoffnungen und Enttäuschungen der Jahre zwischen 1840 und 1875 wider.
Herweghs frühe Gedichte trafen mit ihren Forderungen nach Freiheit und Einheit die Stimmung des Vormärz. Die leidenschaftlichen und sangbaren Verse fanden bei der jungen Generation Widerhall, einige wurden vertont, unter anderem von Franz Liszt. Zugleich griff Herwegh zu einer pathetischen, kämpferischen Sprache, die sich nicht scheute, Gewalt zu beschwören.
In seiner politischen Entwicklung löste sich Herwegh früh vom individualistischen Freiheitsverlangen seiner jungdeutschen Vorbilder und wandte sich der Position der Linkshegelianer zu. Schon vor der Revolution ging er über bürgerlich-liberale Forderungen hinaus. Nach 1848 überwand er nach dem Urteil der Neuen Deutschen Biographie den utopischen Charakter der Pariser Legion und wurde durch die Bekanntschaft mit Lassalle, Marx und Engels ein immer entschiedenerer Sozialist.
Rezeption↑
Zeitgenossen feierten Herwegh nach dem Erscheinen der Gedichte eines Lebendigen: Auf seiner Werbereise durch Deutschland wurde er überall geehrt. Neben Heinrich Heine und Ferdinand Freiligrath galt er als einer der populärsten politischen Lyriker des deutschen Sprachraums und neben Georg Weerth als einer der bedeutendsten mit der Arbeiterbewegung verbundenen Dichter. Sein Bundeslied zählt bis heute zu den bekanntesten deutschen Arbeiterkampfliedern.
Die Wirkung seiner Gedichte ist allerdings umstritten. Ulrich Enzensberger vertritt in seiner Biographie Herwegh. Ein Heldenleben die Ansicht, dass sich Herwegh mit der teils pathetischen, kämpferischen und gewaltbereiten Sprache seiner frühen Verse wenig von der Sprache seiner Feinde unterschieden habe. So sei er auch als Wegbereiter eines aggressiven Nationalismus zu sehen, obwohl er selbst ein entschiedener Gegner des nach dem Deutsch-Französischen Krieg aufkommenden Nationalismus war.
Sein Nachlass wirkt bis heute nach. Sein Sohn Marcel vermachte wesentliche Teile des Nachlasses von Georg und Emma Herwegh der Stadt Liestal mit der Auflage, ein Museum einzurichten. Diese Bestände bilden heute einen erheblichen Teil des Dichter- und Stadtmuseums Liestal. In Liestal wurde ihm 1904 zudem ein Denkmal errichtet, gewidmet dem „Freiheitssänger und -kämpfer“.
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