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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Fritz von Herzmanovsky-Orlando
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Porträt Fritz von Herzmanovsky-Orlando
Fritz von Herzmanovsky-Orlando
1877 – 1954
– Autorenporträt –

Fritz von Herzmanovsky-Orlando

1877 – 1954 · 77 Jahre

Österreichischer Schriftsteller und Zeichner, der aus den Absurditäten der versunkenen Donaumonarchie ein grotesk-barockes Traumland erschuf – zu Lebzeiten kaum gedruckt, erst nach seinem Tod entdeckt.

Kurzbiografie↑

Zu den eigenwilligen Außenseitern der österreichischen Literatur gehört Fritz von Herzmanovsky-Orlando. Geboren 1877 in Wien, arbeitete er zunächst als Architekt, ehe eine chronische Krankheit ihn zwang, den Beruf aufzugeben. Von da an lebte er als finanziell unabhängiger Privatier, der zeichnete, sammelte, restaurierte und schrieb. Zu Lebzeiten konnte er nur wenig veröffentlichen; sein umfangreiches Werk aus Prosa und Theaterstücken wurde erst nach seinem Tod durch die von Friedrich Torberg besorgte Gesamtausgabe bekannt. In seinen grotesk-phantastischen Erzählungen und Romanen erschuf er mit der „Tarockei“ ein barockes Traumland, das aus den Absurditäten der untergegangenen Donaumonarchie schöpft.


Biografie↑

Als Sohn wohlhabender Eltern kam Friedrich Josef Franz Ritter von Herzmanowsky am 30. April 1877 in Wien zur Welt. Sein Vater Emil Josef Ritter von Herzmanowsky stammte aus Tarnów und war k.k. Ministerialbeamter im Ackerbauministerium; die Neue Deutsche Biographie bezeichnet ihn als Sektionschef in Wien. Die Mutter, Aloisia von Orlando, war in Kosmonosy geboren. Ihre Familie reichte in den Schweizer Uradel zurück; der Großvater Friedrich von Orlando war Rittergutsbesitzer in Kleindehsa. Herzmanovsky-Orlando trieb die Beschäftigung mit seiner Herkunft so weit, dass er seinen Stammbaum sogar bis in die Zeit vor den Kreuzzügen fälschte.

Er besuchte in Wien das Gymnasium Theresianum. Von 1896 bis 1903 absolvierte er ein Hochbaustudium an der Wiener Technischen Hochschule. In den folgenden Jahren lernte er seinen lebenslangen Freund Alfred Kubin kennen. In München fand er Anschluss an den Kreis der Kosmiker um Karl Wolfskehl, Ludwig Klages und Alfred Schuler. 1904/05 arbeitete er als angestellter, danach als selbständiger Architekt.

Wegen einer schmerzhaften chronischen Nierentuberkulose gab er 1911/12 seinen Beruf auf. Da er von Haus aus finanziell unabhängig war, lebte er von da an als Privatier für die Kunst. Die Krankheit führte zu mehreren Kuren und Reisen in den Süden, unter anderem 1913 an die Adria und 1914 nach Ägypten, Sizilien und Süditalien. 1916 übersiedelte er krankheitshalber in das damals noch österreichische Meran.

Bereits am 25. Februar 1911 hatte er in Wien Maria Elisabeth Schulista, genannt Carmen, geheiratet. Die Verbindung kam vermutlich über eine Zeitungsannonce zustande; zuvor hatte er eine Verlobung mit Christine Kerry gelöst. Seine Frau war die uneheliche Tochter der Josefa Schulista, wuchs aber bei begüterten Zieheltern auf. Seit Anfang 1918 trug Herzmanovsky-Orlando mit behördlicher Erlaubnis auch den mütterlichen Familiennamen Orlando. Obwohl das österreichische Adelsaufhebungsgesetz von 1919 die Titel abschaffte, führte er in Italien weiterhin seinen Adelstitel.

Seit 1932 war Herzmanovsky-Orlando Mitglied der NSDAP-Auslandsorganisation. Eine Rolle mag dabei die uneheliche Geburt seiner Frau und die entsprechende Lücke im Ariernachweis gespielt haben; der Briefverkehr verzeichnet für Dezember 1943 mehrmals eine Vorladung Carmens bei der Ortskommandantur Malcesine aufgrund einer Denunziation. Durch den Anschluss Österreichs wurde er 1938 deutscher Staatsbürger. Die Optionsvereinbarung von 1940 zwang ihn, Südtirol zu verlassen. Da er krankheitsbedingt nicht nördlich der Alpen leben konnte, zog er nach Malcesine am Gardasee. Erst 1949 kehrte er nach Meran zurück.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte er im nahegelegenen Schloss Rametz, wo er 1954 an Urämie starb. Das genaue Todesdatum geben die Quellen unterschiedlich mit dem 17. oder dem 27. Mai an.


Literarische Merkmale↑

Sein schriftstellerisches Werk besteht vorwiegend aus Prosa und Theaterstücken, viele Texte blieben nur skizzenhaft. In seinen Werken phantasierte er sich mit der „Tarockei“ ein mystisches Traumland zusammen, das er in einem ausschweifenden, barocken, ans Parodistische grenzenden Stil schilderte. Nach dem Urteil der Neuen Deutschen Biographie war seine Sprache teils dialektgefärbt und fabulierfreudig, teils subtil stilisiert oder lyrisch überhöht.

In der 1928 in Wien erschienenen, vom Autor selbst illustrierten Erzählung Der Gaulschreck im Rosennetz erzählt er die Geschichte des jungen Beamten Jaromir Edler von Eynhuf. Aus übereifrigem Patriotismus will dieser seinem Kaiser zum Jubiläum ein Tableau aus arrangierten Milchzähnen verehren; weil ihm der letzte fehlende Zahn nicht gelingt, stopft er die Zähnchen in den Lauf seiner Pistole und nimmt sich auf groteske Weise das Leben. Diese Erzählung lebt ebenso wie das Bühnenstück Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter aus dem Fundus der Absurditäten der österreichischen Monarchie und Bürokratie. Schon 1926 war in Venedig als Privatdruck Der Kommandant von Kalymnos erschienen.

In seinem Hauptwerk, dem Roman Maskenspiel der Genien, verschmilzt er eine antike mythische Traum- und Märchenwelt mit einer skurrilen österreichischen „Realität“, in der das Abnorme als das Normale erscheint. Als Hauptfigur ließ er den italienischen Humanisten Cyriakus von Pizzicolli auftreten, dessen Schicksal in die Hand göttlicher Mächte gegeben ist. Laut der Neuen Deutschen Biographie wurzelt der doppelbödige Spielcharakter des Romans in der Tradition des österreichischen Barock ebenso wie in der Wiener Volkskomödie.

Neben den Kontakten zu den Kosmikern lassen sich in seinem Werk Verbindungen zur Esoterik und Mystik erkennen, bis hin zum rechtsesoterischen Gedankengut des Jörg Lanz von Liebenfels, dessen Neutempler-Orden er angehörte. Ein Beispiel ist seine „Entdeckung“, dass die sagenhaften „saligen Frauen“ in Tirol eigentlich Yoga-Mädchen seien, die durch Tänze an bestimmten „Erdnabeln“ Genmutationen hervorrufen könnten. Daneben war er auch als Architekt tätig: Seine bekannteste Arbeit ist das 1910 mit Fritz Keller erbaute Haus in der Wehrgasse 22 in Wien-Margareten; außerdem wirkte er an der Renovierung von Burg Kreuzenstein, der Festung Hohenwerfen und des Turmes von Schloss Tirol mit.


Rezeption↑

Zu Lebzeiten blieb Herzmanovsky-Orlando fast unbekannt, denn er konnte nur sehr wenig veröffentlichen. Erst die von Friedrich Torberg initiierte Gesamtausgabe machte sein Werk nach seinem Tod einem größeren Publikum zugänglich; sie erschien in mehreren Bänden zwischen 1957 und 1965, darunter Der Gaulschreck im Rosennetz, Maskenspiel der Genien und die gesammelten Lustspiele und Ballette.

Torberg griff als Herausgeber allerdings gravierend in die Texte ein, was zu heftiger Kritik durch die Literaturwissenschaft führte. So änderte er im Maskenspiel der Genien den Namen des „Reichs der Tarocke“ eigenmächtig von „Tarockei“ auf „Tarockanien“, offenbar in Anlehnung an Robert Musils Begriff „Kakanien“. Dem Autor selbst hatte jedoch ein Gleichklang mit der Türkei beziehungsweise dem früheren Byzanz vorgeschwebt. Wo Herzmanovsky-Orlando ein diffizil geknüpftes artistisches Netzwerk entworfen hatte, fand der Leser in Torbergs Bearbeitungen laut der Neuen Deutschen Biographie eher ein österreichisches Kuriositätenkabinett vor, und die eigenwillige Sprache war gegen eine nivellierende Umgangssprache ausgetauscht. Erst die zwei Jahrzehnte später von Germanisten herausgegebene zweite Gesamtausgabe bot einen zuverlässigen Originaltext.

Trotz dieser Eingriffe, so das Urteil der Neuen Deutschen Biographie, beweist die Substanz seines Werkes, dass er in der österreichischen Literatur einen festen Platz zwischen Heimito von Doderer, Albert Drach und Alfred Kubin einnimmt. Schon 1933 hatte Karl Wolfskehl über ihn einen Text mit dem Titel „Der merkwürdigste Mensch, den ich im Leben traf“ verfasst. Mehrere Dissertationen beschäftigten sich mit seinem Werk. 1970 wurde in Wien-Floridsdorf die Herzmanovsky-Orlando-Gasse nach ihm benannt.

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