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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter
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Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter
1957
– Werkseintrag –

Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter

1957 · Drama

An einem verschlafenen Bahnhäuschen prallen wildernde Eisenbahner, ein inkognito reisender Kaiser und ein Möchtegern-Mörder aufeinander – eine übermütige Parodie auf Österreich und seinen Umgang mit dem Fortschritt.

Überblick↑

Bei Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter handelt es sich um ein parodistisches Spiel mit Musik in drei Akten von Fritz von Herzmanovsky-Orlando. Das Stück blieb zu Lebzeiten des Autors unveröffentlicht. Erst nach seinem Tod gelangte es auf die Bühne. Am 10. Jänner 1957 wurde es in den Münchner Kammerspielen uraufgeführt, und zwar in einer Bearbeitung von Friedrich Torberg, der es zum Einakter verdichtet hatte. Die ausladende Originalfassung, deren voller Titel den Autor als Landstand in Krain und Patrizier von Triest ausgibt, kam erst am 25. September 1977 beim Steirischen Herbst zur Aufführung. Das Werk verspottet mit Lust die österreichische Selbstwahrnehmung und den Umgang der Monarchie mit dem Fortschritt.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Der Schauplatz ist ein kleines Bahnhofshäuschen im erfundenen Ort Wuzelwang am Wuzel. Dort kehrt Teuxelsieder Franz vom Bockerlklauben zurück, als ihn der Zwölfaxinger Alois – sein Vorgesetzter und künftiger Schwiegervater – auffordert, die Eisenbahner zusammenzurufen. Diese ziehen nämlich regelmäßig in die kaiserlichen Wälder, um dort Gämsen zu wildern. Franz' Braut Nozerl, die Bahnwärterstochter, will das verhindern, doch die Männer hören nicht auf sie. Allein muss sie nun auf die Bahn achten, als ein Sonderzug mit einem vornehmen Fremden eintrifft. Der sonderbare Herr ist niemand Geringeres als der Kaiser – nur erkennt Nozerl ihn nicht. Bald treffen von der falschen Seite ein weiterer Zug und viele Reisende ein, unter ihnen der Kanzler Cobenzl. Der Kaiser aber besteht darauf, dass sein Name geheim bleibt. Aus diesem Versteckspiel und dem Treiben der wildernden Eisenbahner entwickelt sich ein turbulentes Durcheinander.

Die Handlung im Detail↑

Am Bahnhofshäuschen in Wuzelwang am Wuzel nimmt alles seinen Lauf: Teuxelsieder Franz kommt vom Bockerlklauben zurück, und der Zwölfaxinger Alois, sein Vorgesetzter und künftiger Schwiegervater, trägt ihm auf, die Eisenbahner zusammenzurufen. Die Männer gehen gewohnheitsmäßig in den kaiserlichen Wäldern auf Gämsen wildern. Nozerl möchte sie davon abhalten, doch sie hören nicht auf sie und ziehen los. So muss Nozerl allein die Bahn beaufsichtigen, als ein Sonderzug mit einem vornehmen Mann eintrifft. Der sonderbare Herr ist der Kaiser, wird von ihr jedoch nicht erkannt. Dann läuft von der falschen Seite ein Zug ein, aus dem viele Leute steigen, darunter der Kanzler Cobenzl. Der Kaiser aber will nicht, dass sein Name verraten wird.

Nun kommen die Wildschützen mit einer toten Gams zurück und werden zur Rechenschaft gezogen. In der Aufregung fällt Nozerl ohnmächtig in die Arme des Kaisers. Teuxelsieder Franz glaubt, sie habe ihn betrogen, und will den Kaiser umbringen – doch die anderen Eisenbahner halten ihn zurück. In diesem Moment wittert Rinaldo Rinaldini, ein Mörder, der ebenfalls mit dem Zug gekommen ist, seine Gelegenheit zu einem großen Anschlag und geht auf den Kaiser los. Teuxelsieder Franz springt dazwischen und stürzt den Mörder in den Abgrund. Zum Dank ernennt ihn der Kaiser zum Baron. Just in diesem Augenblick landet ein Ballon mit dem britischen Botschafter, der verkündet, die Eisenbahn werde erst Jahre später in England erfunden und alle vorher gemachten Erfindungen seien verboten. Der Kaiser sieht das ein, und alle sind sich einig, das sei nun einmal das Los Österreichs.

Stil↑

Sein komischer Ton entsteht schon aus den Namen: Teuxelsieder Franz, Zwölfaxinger Alois, das Bahnhäuschen in Wuzelwang am Wuzel – lauter erfundene, mundartlich klingende Wortgebilde, die das steirisch-innerösterreichische Milieu ins Spielerische ziehen. Herzmanovsky-Orlando arbeitet mit den Mitteln des Volksstücks, das er zugleich parodiert. Er mischt historische Figuren wie den Kaiser und den Kanzler Cobenzl mit der Räubergestalt Rinaldo Rinaldini und treibt die Handlung in immer absurdere Wendungen. Bezeichnend ist der weit ausgreifende Originaltitel, der den Autor mit einer langen Reihe erdachter Titel und Würden ausstattet und so die barocke Selbstdarstellung ins Lächerliche kehrt. Musik gehört fest zum Werk: Es ist ausdrücklich als Spiel mit Musik angelegt, in dem Lieder und gesprochene Szene ineinandergreifen.

Rezeption↑

Erst nach dem Tod des Autors fand das Stück den Weg auf die Bühne, und zwar über die Bearbeitung durch Friedrich Torberg, der es für die Münchner Uraufführung zum Einakter formte. Torberg gab auch das Gesamtwerk Herzmanovsky-Orlandos heraus; später besorgte das Brenner-Archiv eine wissenschaftliche Ausgabe der Sämtlichen Werke. Dass die ausladende Originalfassung 1977 beim Steirischen Herbst gespielt wurde, zeigt das wachsende Interesse an der ungekürzten Gestalt des Textes. Auch Film und Musik nahmen sich des Stoffes an. Axel Corti verfilmte das Stück 1962 mit Hans Moser, Hans Holt und Inge Konradi; die Musik zu den Liedern schrieb Bert Breit. Werner Pirchner schuf 1982 im Auftrag der Tiroler Volksschauspiele eine Bühnenmusik und formte daraus die Suite Do you know Emperor Joe?. 2015 richtete Wolfram Berger das Werk als parodistisches Spiel mit Musik ein und erarbeitete daraus eine Hörspielfassung für Ö1. So blieb das Stück über Jahrzehnte hinweg auf Bühne, Leinwand und im Radio lebendig.

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