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Werkseintrag · Kannitverstan
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Kannitverstan
1808
– Werkseintrag –

Kannitverstan

1808 · Erzählung

Ein Handwerksbursche bestaunt in Amsterdam einen Reichtum, den er nie besitzen wird – und ein einziges missverstandenes Wort verändert seinen Blick auf die Welt.

Überblick

Die Kalendergeschichte Kannitverstan von Johann Peter Hebel erschien erstmals 1808 im Rheinländischen Hausfreund. Sie erzählt von einem jungen Handwerksburschen, der durch ein Missverständnis zur Einsicht in die Vergänglichkeit alles Irdischen gelangt und dadurch seine Zufriedenheit zurückgewinnt. In wenigen Seiten verbindet Hebel eine heitere Anekdote mit einer ernsten Lebensweisheit. Die Erzählung zählt zu den bekanntesten Stücken aus Hebels Kalenderschaffen und wurde schon früh in Schullesebücher aufgenommen.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein junger Handwerksbursche aus Tuttlingen kommt zum ersten Mal in seinem Leben in die große Handelsstadt Amsterdam. Alles ist ihm fremd und überwältigend. Vor einem besonders prächtigen Haus bleibt er staunend stehen, und am Hafen sieht er ein gewaltiges Schiff, aus dem gerade kostbare Waren entladen werden.

Neugierig fragt er einen Vorübergehenden, wem denn dieses schöne Haus und dieses reiche Schiff gehören. Beide Male erhält er dieselbe Antwort: „Kannitverstan". Der Bursche, der kein Niederländisch versteht, hält das Wort für den Namen des Eigentümers. So entsteht in seinem Kopf das Bild eines übermächtig reichen Herrn Kannitverstan. Betrübt vergleicht er dessen scheinbares Glück mit der eigenen Armut und beginnt, mit seinem Schicksal zu hadern.

Die Handlung im Detail

Der Handwerksbursche aus Tuttlingen erlebt Amsterdam als eine Welt des Reichtums, wie er sie nie zuvor gesehen hat. Als er nach dem Besitzer des prächtigen Hauses fragt, antwortet ihm der Angesprochene „Kannitverstan" – was auf Niederländisch so viel bedeutet wie „Ich kann Euch nicht verstehen". Der Bursche aber hält es für einen Namen. Am Hafen wiederholt sich die Szene: Auch der Eigentümer des reich beladenen Schiffes heißt angeblich „Kannitverstan". Der junge Mann ist tief beeindruckt vom Vermögen dieses vermeintlichen Herrn und wird zugleich von Neid und Schwermut über die Ungleichheit in der Welt erfasst.

Auf seinem weiteren Weg trifft er schließlich auf einen Leichenzug, der langsam durch die Straßen zieht. Wieder fragt er nach einem Namen – diesmal nach dem des Verstorbenen, der zu Grabe getragen wird. Und wieder lautet die Antwort: „Kannitverstan". In diesem Augenblick fügt sich für ihn alles zusammen. Er glaubt, dass nun der reiche Herr Kannitverstan selbst zu Grabe getragen werde, jener Mann, dessen Besitz er kurz zuvor noch beneidet hatte.

Der Leichenzug wird ihm zum Memento mori, zur Mahnung an die eigene Sterblichkeit. Der Bursche versöhnt sich mit der Ungleichheit der Welt und begreift, dass aller Reichtum den Herrn Kannitverstan nicht vor dem Tod bewahrt hat. Am Ende bedauert er den vermeintlich Verstorbenen und zieht getröstet weiter: Der reiche Mann hat ihm nichts voraus, denn der Tod ereilt am Ende Arm wie Reich gleichermaßen.

Stil

Bemerkenswert an der Erzählung ist der leichte, scherzhafte Ton, in dem eine durchaus ernste Botschaft vorgetragen wird. Hebel kleidet die Mahnung an die Vergänglichkeit in eine heitere, fast komische Verwechslungsgeschichte. Der Kern der Handlung ruht auf einem einzigen sprachlichen Missverständnis, das sich dreimal wiederholt und die kleine Erzählung zusammenhält. Die Sprache ist schlicht und anschaulich, ganz auf ein breites Leserpublikum zugeschnitten, wie es für die Gattung der Kalendergeschichte bezeichnend ist. So erschließt sich die Aussage mühelos, ohne dass die Geschichte belehrend wirkt.

Rezeption

In der Literaturwissenschaft gilt Kannitverstan als eine Erzählung, deren Kernaussage sich jedem Leser sofort erschließt: Jeder Mensch soll zufrieden sein mit dem, was er hat und was er ist, denn am Ende ereilt jeden, ob arm oder reich, der Tod. Hervorgehoben wird zugleich der scherzhafte Stil, in dem diese ernste Mitteilung gemacht wird. Schon zu Lebzeiten Hebels wurde die Geschichte bekannt und gemeinsam mit anderen seiner Kalendergeschichten in Schullesebücher aufgenommen.

Der Stoff geht auf eine tatsächliche, überlieferte Begebenheit zurück. Im Jahr 1757 reiste der junge französische Graf Adam-Philippe de Custine nach Amsterdam, bestaunte dort ein schönes Landhaus und eine auffällig elegante Dame und fragte nach den Namen der Personen. Stets erhielt er die Antwort „Ik kan niet verstaan" und glaubte darum an die Existenz eines „Herrn Kannitverstan". Als er der Dame später sein Beileid zum Tode ihres Gemahls aussprach, klärte sich das Missverständnis unter großem Gelächter auf. Diese Anekdote wurde 1782 in der Aufsatzsammlung „Les numéros" von Charles Peyssonel gedruckt und erschien 1783 in deutscher Übersetzung im Luzernischen Wochenblatt.

Die Wirkung der Erzählung reicht bis in die Gegenwart. Die Stadt Tuttlingen, aus der Hebels Handwerksbursche stammt, vergibt als ihre höchste Auszeichnung das Ehrengeschenk des „Kannitverstan", eine Bronzeplastik des Tuttlinger Bildhauers Roland Martin.

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