1760 – 1826
Johann Peter Hebel
Kurzbiografie↑
Johann Peter Hebel (1760–1826) war ein deutscher Schriftsteller, evangelischer Geistlicher und Lehrer. Er wurde zum Klassiker zweier sehr unterschiedlicher Gattungen. Mit den Allemannischen Gedichten von 1803 erhob er den oberrheinischen Dialekt zur dichterischen Sprache. Seither gilt er als Pionier der alemannischen Mundartliteratur. Sein zweites Hauptwerk war das Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes von 1811. Es versammelt Kalendergeschichten, die er für den «Badischen Landkalender» und den «Rheinländischen Hausfreund» auf Hochdeutsch verfasst hatte. Marcel Reich-Ranicki nahm das Schatzkästlein in seinen Kanon der deutschen Literatur auf. Neben dem Schreiben prägte Hebel das badische Bildungs- und Kirchenwesen. Er leitete ab 1808 das Karlsruher Gymnasium. 1819 wurde er erster Prälat der lutherischen und ab 1821 der vereinigten evangelischen Landeskirche in Baden.
Biografie↑
Geboren wurde Johann Peter Hebel am 10. Mai 1760. In der Frage des Geburtsortes weichen die Quellen voneinander ab. Wikidata nennt das Hebelhaus in Hausen im Wiesental, die Deutsche Biographie dagegen Basel. Beide Angaben lassen sich mit dem Lebensumstand der Eltern vereinbaren. Diese arbeiteten im Sommer in Basel im Patrizierhaus Iselin und wohnten im Winter im südbadischen Hausen. Hebels Vater Johann Jakob stammte ursprünglich aus Simmern im Hunsrück und war dort Weber. Er starb 1761 an Typhus, ebenso die jüngere Schwester Susanne. Die Kindheit verbrachte Hebel je zur Hälfte in der Stadt Basel und im Heimatdorf der Mutter Ursula. «Da habe ich frühe gelernt arm sein und reich sein […] nichts haben und alles haben, mit den Fröhlichen froh sein und mit den Weinenden traurig», hat er später festgehalten.
Ab 1766 besuchte er die Volksschule in Hausen. Ab 1769 ging er auf die Lateinschule im benachbarten Schopfheim, in den Sommermonaten auf die Gemeindeschule. Ab 1772 besuchte er das Gymnasium am Münsterplatz in Basel. Als er dreizehn war, erkrankte die Mutter schwer. Auf der Fahrt mit dem Ochsenkarren von Basel nach Hausen starb sie zwischen Brombach und Steinen in seinem Beisein. 1774 trat Hebel ins Karlsruher Gymnasium illustre ein. Dort kamen Förderer für seinen Unterhalt auf. 1776 wurde er in die Lateinische Gesellschaft der Markgrafschaft Baden aufgenommen. 1778 schloss er das Gymnasium ab.
Es folgte ein zweijähriges Theologiestudium in Erlangen (1778–1780). Dort wurde er Mitglied im Amicistenorden. Nach bestandenem Examen in Karlsruhe trat er nicht in ein Pfarramt ein, sondern nahm eine Stelle als Hauslehrer in Hertingen bei Pfarrer Schlotterbeck an. 1782 wurde er ordiniert und übernahm Seelsorgeaufgaben in Hertingen und Tannenkirch. 1783 wurde er Präzeptoratsvikar am Pädagogium in Lörrach. Die Besoldung war so karg, dass er sie mit Nachhilfestunden aufbessern musste. Mit dem Schulleiter Tobias Günttert schloss er Freundschaft. Über ihn lernte er auch Gustave Fecht kennen, mit der er eine lang andauernde platonische Beziehung führte. Hebel blieb sein Leben lang unverheiratet.
1791 wurde er als Subdiakon an das Karlsruher Gymnasium berufen – der Abschied vom geliebten Oberland. In Karlsruhe predigte er mit Erfolg auch bei Hofe. 1792 wurde er Hofdiakon, 1798 außerordentlicher Professor und 1805 Kirchenrat. Am Gymnasium unterrichtete er mehrere Fächer, darunter Botanik und Naturgeschichte. Er unterhielt ein umfangreiches Herbarium. Für seinen Freund Karl Christian Gmelin überarbeitete er die botanischen Bezeichnungen in dessen Flora badensis alsatica. Darin nahm Gmelin die Gewöhnliche Simsenlilie ihm zu Ehren als «Hebelia allemannica» auf. 1799 wurde Hebel Ehrenmitglied der Jenaer mineralogischen Gesellschaft. Sein wiederholt geäusserter Wunsch, eine Landpfarrei im Wiesental zu übernehmen, blieb unerfüllt. Eine 1805 angebotene lutherische Pfarrei in Freiburg im Breisgau lehnte er auf Wunsch des Großherzogs Karl Friedrich ab.
1808 wurde er Direktor des Karlsruher Gymnasiums. Dieses hieß im damaligen Rheinbundstaat nach französischem Vorbild Lyzeum. 1814 gab er die Direktion mit der Berufung in die evangelische Ministerialsektion ab, behielt aber einige Unterrichtsstunden bei. 1812 besuchte er das badische Oberland und seine ehemaligen Wirkungsstätten ein letztes Mal. Ab 1815 klagte er vermehrt über gesundheitliche Probleme.
1819 wurde Hebel zum Prälaten der lutherischen Landeskirche ernannt. Damit wurde er Mitglied der ersten Kammer der Badischen Ständeversammlung. Als Abgeordneter widmete er sich vor allem der Bildungs-, Kirchen- und Sozialpolitik. Er unterstützte etwa die Gründung eines Taubstummeninstituts und Blindenheims sowie die bessere Ausbildung der katholischen Geistlichen. Ein Wanderverbot für Handwerksburschen lehnte er ab. 1820 erhielt er das Ritterkreuz, später das Kommandeurkreuz des Ordens vom Zähringer Löwen. Bei der Vereinigung der lutherischen und reformierten Landeskirche zur «Union» 1821 setzte er sich für eine gemeinsame Liturgie ein. Er war erster Unterzeichner der Unionsurkunde. Die Universität Heidelberg verlieh ihm noch im selben Jahr den Ehrendoktor der Theologie. Auch der neuen Evangelischen Landeskirche stand er als Prälat vor.
Im September 1826 reiste Hebel dienstlich nach Mannheim und Heidelberg, um Schulprüfungen abzunehmen. Bereits in Mannheim litt er unter starken Schmerzen. Bei einem anschließenden Besuch beim Gartenbaudirektor Johann Michael Zeyher in Schwetzingen verschlechterte sich sein Zustand rapide. Wie die Obduktion ergab, litt er an Darmkrebs. Hebel starb in der Nacht auf den 22. September 1826 und wurde in Schwetzingen beerdigt.
Literarische Merkmale↑
Hebels Werk ruht auf zwei unterschiedlichen Pfeilern. Beide wurzeln in derselben Region und Lebenshaltung. Die Allemannischen Gedichte von 1803 entstanden 1799 bis 1802 in Karlsruhe als Frucht seines Heimwehs nach dem Wiesental. Die 32 Gedichte «für Freunde ländlicher Natur und Sitten» zeichnen Landschaft, Arbeit und Sprache der Heimat: vom Fluss Wiese über die Vorzüge des Breisgaus bis zur Arbeit im Hausener Eisenwerk. Das wohl bekannteste Stück ist Die Vergänglichkeit. Darin sprechen Vater und Sohn auf einem Karren zwischen Steinen und Brombach über den Verfall der Welt – also an dem Ort, an dem Hebel selbst seine Mutter verloren hatte. Mit dieser Sammlung, urteilt die Deutsche Biographie, kommt Hebel «der Ruhm zu, den alemannischen Dialekt in den Bereich echter Dichtung erhoben» zu haben.
Das zweite Hauptfeld sind die Kalendergeschichten. Hebel verfasste sie ab 1803 für den «Badischen Landkalender» und besonders ab 1807 für dessen Nachfolger, den «Rheinländischen Hausfreund». Als Redakteur und nahezu alleiniger Autor schrieb er jährlich rund 30 Geschichten: Anekdoten, Schwänke, Neuigkeiten und abgewandelte Märchen. Sie sollten zugleich unterhalten und eine Lehre vermitteln. Das gelang mit Erfolg: Die Auflage des Hausfreundes verdoppelte sich auf rund 40.000 Exemplare. 1811 erschien das Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes, eine Auswahl der besten Beiträge. Die bekanntesten sind Unverhofftes Wiedersehen und Kannitverstan.
In den Kalendergeschichten musste das Alemannische dem Hochdeutsch weichen. Doch laut der Deutschen Biographie ist die Sprache des Hausfreundes «merklich durch die Filter mundartlichen Sprachdenkens und Sprachempfindens gesickert». Dadurch hat sie einen unverkennbar oberrheinischen Charakter behalten. Die NDB beschreibt Hebels Erzählweise als Zwiesprache von Mensch zu Mensch. Der Hausfreund habe für jeden eine Gabe, für jede Frage eine Antwort, für jedes Thema das treffende Wort. Hebel sei nicht eigentlich Erfinder, wohl aber «ein Meister der Darstellung, ein Plastiker des Ausdrucks und des Satzgefüges, ein Freund lebensunmittelbarer Gegenständlichkeit und Anschaulichkeit». Ernst und Humor, Sinnigkeit und Schelmerei stehen bei ihm gleichberechtigt nebeneinander. Durch alle Geschichten zieht sich die Frage, «wie alles zusammenhängt». Die Welt erscheint als ein durch unsichtbare Fäden verknüpftes Ganzes.
Als drittes literarisches Werk verfasste Hebel im Auftrag des Landes in fünfjähriger Arbeit die Biblischen Geschichten. Sie erschienen 1824 und waren bis 1855 als Schulbuch in Baden im Einsatz. Er wollte einen klaren, einfachen Satzbau und eine spannende Erzählweise, abgestimmt auf zehn- bis vierzehnjährige Leser. Übersetzungen ins Dänische, Italienische, Surselvische, Niederländische und Oberengadinische folgten rasch.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten fand Hebel prominente Bewunderer. Bereits 1803 und 1804 schrieben Jean Paul und Goethe Rezensionen über die Allemannischen Gedichte. Goethe rühmte, Hebel habe «auf die naivste, anmutigste Weise durchaus das Universum verbauert». Er wehrte sich gegen Versuche einer Übersetzung: «Einen solchen Dichter muss man im Original lesen!» Im Oktober 1825 trafen sich beide. Goethe nannte Hebel danach «einen ganz trefflichen Mann». Auch die Brüder Grimm zählten zu seinen Bewunderern. Mit Jacob Grimm kam es 1814 in Karlsruhe zu einer Begegnung. Hebels Werk wirkte direkt und indirekt auf die Mundartlyrik nach. Direkt wirkte es etwa auf den Baselbieter Dichterpfarrer Jonas Breitenstein. Indirekt wirkte es dadurch, dass die Mundart als dichterische Sprache überhaupt etabliert wurde.
In der weiteren Wirkungsgeschichte hoben Leser immer wieder die Verbindung von Volkstümlichkeit und Tiefe hervor. August Vilmar lobte, die Erzählungen des Schatzkästleins seien «an Laune, an tiefem und wahrem Gefühl, an Lebhaftigkeit der Darstellung vollkommen unübertrefflich». Theodor Heuss betonte, Hebel habe die alemannische Sprache nicht zur Parodie verwendet, sondern zu «einem Werkzeug echten Dichtertums» gemacht. Hermann Hesse ging noch weiter: «Wir lesen, glaube ich, auch heut noch in keiner Literaturgeschichte, dass Hebel der grösste deutsche Erzähler war, so groß wie nur Keller und viel sicherer und in der Wirkung reiner und mächtiger als Goethe.» Theodor W. Adorno rühmte Hebels Aufsatz Die Juden als eines «der schönsten Prosastücke zur Verteidigung der Juden, das deutsch geschrieben wurde». Elias Canetti berichtete in Die gerettete Zunge, er habe jedes seiner Bücher heimlich an Hebels Sprache gemessen. Zu seinen weiteren Bewunderern zählten Gottfried Keller und Leo Tolstoi.
Marcel Reich-Ranicki nahm das Schatzkästlein in seinen Kanon der deutschen Literatur auf, ebenso das Gedicht Die Rose. Das Schatzkästlein findet sich auch in der ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher. Ernst Bloch hielt Unverhofftes Wiedersehen für «die schönste Geschichte der Welt». Spätere Autoren setzten Hebel eigene Denkmäler. Patrick Roth verfasste 1995 den Essay Johann Peter Hebels Hollywood oder Freeway ins Tal von Balzac. W. G. Sebald deutete in Es steht ein Komet am Himmel die Kalendergeschichten als Momente tiefster Innerlichkeit. An Hebel erinnern bis heute das jährliche Hebelfest in Hausen im Wiesental und der Johann-Peter-Hebel-Preis des Landes Baden-Württemberg.
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