1813 – 1863
Friedrich Hebbel
Kurzporträt↑
Friedrich Hebbel wurde 1813 in Wesselburen in Dithmarschen geboren und starb 1863 in Wien. Er gilt als bedeutendster deutschsprachiger Dramatiker zwischen Georg Büchner und dem Naturalismus. Aus ärmlichsten Verhältnissen aufgestiegen, schuf er Trauerspiele wie Judith, Maria Magdalena, Agnes Bernauer und Gyges und sein Ring. Dazu kommt die monumentale Nibelungen-Trilogie. Neben den Dramen prägen Liebes- und Naturgedichte, Balladen und vor allem seine über fast drei Jahrzehnte geführten Tagebücher sein Werk. Die Forschung rechnet ihn meist dem Realismus zu. Einige Aspekte weisen auf den Vormärz zurück. Wenige Wochen vor seinem Tod wurde ihm 1863 der preußische Schillerpreis verliehen.
Biografie↑
Christian Friedrich Hebbel kam am 18. März 1813 in Wesselburen im Herzogtum Holstein zur Welt. Dieses gehörte damals zum dänischen Gesamtstaat. Sein Vater Claus Friedrich Hebbel war Maurer, die Mutter Antje Margaretha eine Schuhmachertochter. Die Deutsche Biographie verortet die Familie in der Dithmarscher Handwerkerschicht. Sie betont, dass die Heimat als ehemalige Bauernrepublik eine strenge, alttestamentlich geprägte Ethik und ein ausgeprägtes Standesbewusstsein bewahrt hatte. 1819 verlor die Familie ihr Haus wegen einer nicht eingelösten Bürgschaft des Vaters. Laut NDB litt sie weniger unter der Armut selbst als unter der gesellschaftlichen Schmach. Hebbel suchte zeitlebens im dichterischen Ruhm auch gesellschaftliche Geltung.
Nach kurzer Maurerlehre und dem Tod des Vaters 1827 wurde Hebbel Schreiber beim Kirchspielvogt Mohr in Wesselburen. Sieben Jahre lang lebte er dort in dürftigen Verhältnissen. Seinen Schlafplatz unter einer Treppe musste er sich mit einem Kutscher teilen. Die Bibliothek des Vogts erschloss ihm die Literatur. Erste Gedichte erschienen ab 1828 im Eiderstedter Boten. 1832 druckten Zeitschriften wie Iduna und die Neuen Pariser Modeblätter weitere Verse. Deren Herausgeberin Amalie Schoppe holte ihn 1835 nach Hamburg. Dort trat er in den Wissenschaftlichen Verein ein, lernte die neun Jahre ältere Näherin Elise Lensing kennen und begann am 18. März 1835 sein Tagebuch.
1836 ging er mit einem Stipendium nach Heidelberg und hörte juristische Vorlesungen. Im September wanderte er zu Fuß nach München. Dort besuchte er Vorlesungen von Joseph Görres und Schelling und kam beim Tischler Anton Schwarz unter. Schwarz gab vermutlich das Vorbild für den Tischlermeister Anton in Maria Magdalena ab. In dessen Tochter Beppi verliebte sich Hebbel kurzzeitig. Während dieser anderthalb Hungerjahre nahm er laut NDB teils nur Rosinenbrot und Kaffee zu sich. 1839 wanderte er geschwächt und nach dem Tod seines einzigen Münchner Freundes zurück nach Hamburg, wo Elise Lensing ihn pflegte. 1840 kam ihr gemeinsamer Sohn Max zur Welt. Im selben Jahr wurde am 6. Juli in Berlin die Tragödie Judith uraufgeführt, die Hebbels Namen 1841 im Druck bekannt machte. Es folgten Genoveva und die Komödie Der Diamant.
1842 reiste er nach Kopenhagen, wo ihm König Christian VIII. ein zweijähriges Reisestipendium gewährte. Er ging nach Paris, traf Heinrich Heine und Arnold Ruge und schloss Freundschaft mit Felix Bamberg. Im Dezember 1843 vollendete er das bürgerliche Trauerspiel Maria Magdalena. In Hamburg starb in dieser Zeit sein Sohn Max. 1844 wurde ein zweiter Sohn, Ernst, geboren, der 1847 starb. Elise drängte vergeblich auf Heirat. 1844 bis 1846 lebte Hebbel in Italien, vor allem in Rom und Neapel. Schließlich gelangte er über Triest und Graz nach Wien. Dort halfen ihm die polnischen Adeligen Zerboni di Sposetti aus finanzieller Not. 1846 wurde er von der Universität Erlangen in absentia zum Dr. phil. promoviert.
In Wien heiratete Hebbel 1846 die Burgschauspielerin Christine Enghaus. Mit ihr hatte er die Tochter Titi und den früh verstorbenen Sohn Emil. Die Ehe sicherte ihm Wohlstand und ungestörtes Arbeiten. Es entstanden Agnes Bernauer, Gyges und sein Ring sowie die Trilogie Die Nibelungen. Diese stellt laut Wikipedia die wichtigste Bearbeitung des Stoffes für das Theater dar. Elise Lensing, die zu Hebbel gehalten hatte, fand durch Christine zu einer freundschaftlichen Beziehung. Sie starb 1854 in Hamburg. Hebbel begrüßte die Märzrevolution, blieb der Monarchie aber loyal. 1849 kandidierte er erfolglos für die Frankfurter Nationalversammlung. Er galt als aufbrausend und lag mit Heinrich Laube, dem Direktor des Burgtheaters, im Streit. Zu Franz Grillparzer fand er keinen Zugang, und gegen Adalbert Stifter wandte er sich mit scharfen Worten. Als Publizist schrieb er für die Wiener Zeitung, die Augsburger Allgemeine Zeitung und die Illustrirte Zeitung aus Leipzig. Am 7. November 1863 erhielt er den preußischen Schillerpreis. Er starb am 13. Dezember 1863 im Alter von 50 Jahren in seiner Wohnung in der Wiener Liechtensteinstraße. Er liegt auf dem Evangelischen Friedhof Matzleinsdorf neben seiner Frau begraben.
Literarische Merkmale↑
Hebbels Schreiben ist von der Spannung zwischen ärmlicher Herkunft und einem hohen, ja unbedingten künstlerischen Anspruch geprägt. Er stellt in seinen Dramen tragische, schicksalhafte Verkettungen dar und macht die sozialen Probleme seiner Zeit zum Thema. Sein bürgerliches Trauerspiel Maria Magdalena überträgt das tragische Geschehen erstmals konsequent in das kleinbürgerliche Milieu. Das Vorbild des Tischlermeisters Anton stammte aus seiner Münchner Zeit. In der Auseinandersetzung mit dem von ihm einst verehrten Schiller fand er zu einer eigenen dramatischen Sprache. Der Aufsatz Über Th. Körner und H. von Kleist gilt laut Deutscher Biographie als Kleists erste nennenswerte Würdigung und zugleich als Hebbels Absage an Schiller.
Seine Tragödien Judith, Genoveva, Agnes Bernauer, Gyges und sein Ring sowie Die Nibelungen verbinden historische und mythische Stoffe mit einer durch Hegel vermittelten Geschichtsphilosophie. Felix Bamberg führte ihn in Paris in dieses Denken ein. Seine theoretischen Schriften bilden das gedankliche Fundament dieses Werks, vor allem Mein Wort über das Drama von 1843 und das Vorwort zu Maria Magdalena von 1844.
Neben den Dramen steht eine zurückhaltendere, oft stille Lyrik. Zu den Höhepunkten seines Schaffens gehören Liebesgedichte wie Sie seh'n sich nicht wieder und Wenn die Rosen ewig blühten, die Naturgedichte Sommerbild und Herbstbild sowie Balladen wie Der Heideknabe und Liebeszauber. Sein Tagebuch nannte er das Notenbuch meines Herzens. Darin verbindet er epigrammatische Beobachtung mit einem philosophisch begründeten Pessimismus und einer früh existenziellen Perspektive. Soziale Herkunft, mühsamer Aufstieg, staatliche Repression und der politische Wandel des deutschen Bürgertums schlagen sich in diesen Aufzeichnungen nieder. Ebenso finden sich darin die Gedanken eines Beobachters, der selbst Aufsteiger war.
Rezeption↑
Hebbel gilt laut Wikipedia als bedeutendster Dramatiker der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zeitlich steht er nach Georg Büchner und Christian Dietrich Grabbe und vor dem Naturalismus Gerhart Hauptmanns. Zumeist wird er dem Realismus zugerechnet. Schon Judith machte 1841 seinen Namen in Deutschland bekannt. In Wien fand er später öffentliche Anerkennung. Der Literaturwissenschaftler Walter Hinck urteilt, Hebbel habe in der Geschichte des Dramas mehr in Bewegung gesetzt als in der Geschichte der Lyrik. Doch seien ihm Gedichte wie Nachtlied, Abendgefühl oder Ich und Du geglückt, in denen sich der Lyriker ganz aus dem Bann des Dramatikers löse. Das Gedicht Sie sehn sich nicht wieder begeisterte Hugo von Hofmannsthal. Er würdigte es in seinem Gespräch über Gedichte von 1904 als Beispiel symbolischer Verdichtung.
Hebbels Stoffe beflügelten die Musik. Robert Schumanns Oper Genoveva geht auf sein gleichnamiges Stück zurück. Vertonungen schufen unter anderen Eduard Lassen, Franz Liszt und Johannes Brahms. Sein Drama Die Nibelungen gilt als wichtigste Bearbeitung des Epos für das Theater. Die Tagebücher erschienen erst fast zwanzig Jahre nach seinem Tod und wurden zu einem viel beachteten Werk eigener Art. Der Literaturwissenschaftler Gustav René Hocke sah in ihnen, neben jenen Stendhals, das ideale Muster eines Tagebuchs in der Moderne. Der Lyriker Rolf Haufs hob ihren Wert für das Verständnis der geistigen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts hervor. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden die Tagebücher neue Aufmerksamkeit, weil das existenzielle Gefühl der Verlassenheit der Nachkriegszeit Hebbels Selbstentwurf nahekam. Zu seinen Bewunderern zählten Franz Kafka und Bertolt Brecht, später Golo Mann und Günther Kunert.
Das Andenken an Hebbel wird an mehreren Orten gepflegt. In Wesselburen steht das Hebbel-Haus, das bis 1952 das Hebbel-Museum beherbergte. Davor steht eine Büste von Nicolaus Bachmann aus dem Jahr 1913. 1869 wurde in Wien-Favoriten die Hebbelgasse benannt. Das k.k. Hofburgtheater ließ an seinem Sterbehaus eine Gedenktafel anbringen. Seit 1908 trägt in Berlin ein Theater seinen Namen.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Im Lexikon
Weitere Werke (Auswahl)
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (38 weitere Titel)