Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Die Nibelungen
Eingang · Werke · Die Nibelungen
Cover Die Nibelungen
Die Nibelungen
1862
– Werkseintrag –

Die Nibelungen

1862 · Drama

Aus Liebe, einer einzigen Lüge und gekränktem Stolz wächst in Hebbels dreiteiligem Trauerspiel um Held Siegfried eine Kette von Schuld, die Höfe und ganze Geschlechter verschlingt.

Überblick

Das dreiteilige Trauerspiel Die Nibelungen von Friedrich Hebbel ist eine Bühnenfassung des alten Nibelungenstoffes, jenes Sagenkreises um den Helden Siegfried, seinen Tod und die Rache seiner Witwe Kriemhild. Hebbel arbeitete daran über rund zehn Jahre, von 1850 bis 1860; das Werk wurde im Januar 1861 in Weimar uraufgeführt und erschien 1862 im Druck. Es gliedert sich in die drei Abteilungen Der Gehörnte Siegfried, Siegfrieds Tod und Kriemhilds Rache und war ursprünglich für eine Aufführung an zwei Abenden gedacht. Unter den vielen Bearbeitungen des Nibelungenstoffes für die Bühne zählt es zu den meistbeachteten.

Inhalt (ohne Spoiler)

Am Hof des Burgunderkönigs Gunther in Worms herrschen Stillstand und Langeweile, als der junge, bärenstarke Held Siegfried eintrifft. Er misst sich im Wettkampf mit den Königsbrüdern, verliebt sich in Gunthers Schwester Kriemhild und erzählt von seinen Taten: vom erbeuteten Schwert Balmung, vom Nibelungenhort mit seiner Tarnkappe und vom Bad im Drachenblut, das ihn fast unverwundbar machte.

Gunther wiederum begehrt die ferne, unbesiegbare Brunhild. So kommt es zu einem Pakt: Siegfried hilft dem König, Brunhild zu gewinnen, und darf dafür Kriemhild heiraten. Verschwiegenheit wird vereinbart. Doch die Täuschung, mit der Brunhild gewonnen wird, trägt den Keim des Unheils in sich. Aus verletztem Stolz, aus Kränkung und aus einem unbedachten Wort erwächst ein Streit zwischen den beiden Frauen, der weit über die Mauern von Worms hinausreichen wird.

Das Drama folgt dem Stoff über Jahre und Reiche hinweg, von der höfischen Welt der Burgunder bis an den Hof eines fremden Königs, und entfaltet, wie aus Liebe, Lüge und gekränkter Ehre eine Kette von Schuld entsteht.

Die Handlung im Detail

Am Hof des Burgunderkönigs Gunther in Worms herrschen Stillstand und Langeweile. Es ist Ostersonntag, die Jagd ist verboten, und ein Lied des Spielmannes Volker soll für Zerstreuung sorgen. Es handelt von der schönen, aber unbesiegbaren Brunhild, und Gunther beschließt sogleich, dass er diese Frau will. In diesem Augenblick trifft der Held Siegfried am Hof ein. Er ist jung, voller Tatendrang und will sich mit jedem messen. Um einen Schwertkampf zu vermeiden, treten die Männer im Steinewerfen gegeneinander an; Siegfried besiegt Gunther und dessen Brüder Gernot und Giselher. Er erblickt Kriemhild, Gunthers Schwester, und verliebt sich in sie. Nach dem Sieg erzählt Siegfried von seinen Heldentaten: wie er das Schwert Balmung und den Nibelungenhort samt Tarnkappe erlangte und einen Drachen tötete. Das Bad im Drachenblut machte seine Haut unverletzlich und ließ ihn die Sprache der Vögel verstehen; diese führten ihn nach Isenland, wo er Brunhild unbemerkt erblickte. Gunther schlägt einen Pakt vor: Siegfried soll ihm helfen, Brunhild zu gewinnen, und darf dafür Kriemhild heiraten. Verschwiegenheit wird vereinbart, und gemeinsam brechen Gunther, Gernot, der Onkel Hagen von Tronje und Siegfried nach Isenland auf.

Brunhild erklärt, keiner werde Isenland lebend verlassen, der sie nicht besiege. Da Gunther die Kraft fehlt, kämpft Siegfried unter der Tarnkappe für ihn. Brunhild bemerkt die Täuschung nicht und muss mit Gunther nach Worms ziehen. Siegfried eilt voraus, sieht Kriemhild länger und wird ihrer Mutter vorgestellt. Mit der Ankunft Brunhilds mischen sich Misstöne ein: Die kriegerische Frau will sich nicht in den Hof einordnen, und Gunther kann seine Ansprüche in der Hochzeitsnacht nicht durchsetzen. Erneut soll Siegfried mit der Tarnkappe helfen und Brunhild gefügig machen. Wieder wird Stillschweigen vereinbart; Hagen stellt fest: „Der Vierte in unsrem Bunde sei der Tod“. Im Gerangel entreißt Siegfried Brunhild einen Gürtel, der später in Kriemhilds Hände gelangt. Als Kriemhild ihn zur Rede stellt, erzählt Siegfried ihr von Gunthers Schmach und seinem eigenen Anteil daran.

Am Kirchentor des Wormser Doms kommt es zum Eklat. Im Streit um den Vortritt beschimpft Kriemhild Brunhild als „Kebsweib“ ihres Gatten Siegfried. Tief gekränkt fordert Brunhild von Gunther den Tod Siegfrieds. Hagen ist bereit, die Schmach zu rächen. Unter einem Vorwand bringt er Kriemhild dazu, ihm die einzige verwundbare Stelle Siegfrieds zu verraten: Beim Bad im Drachenblut war ein Lindenblatt zwischen seine Schulterblätter gefallen, nur dort ist er verletzlich. Hagen, Gunther, Gernot und Volker beschließen Siegfrieds Tod, nur Giselher spricht dagegen. Sie laden Siegfried zur Jagd. Er schlägt Kriemhilds Warnung in den Wind: „Ich zieh hinaus mit lauter guten Freunden, und wenn die Berge nicht zusammenbrechen und uns bedecken, so kann mir nichts geschehen.“ Während der Jagd ersticht Hagen den Helden hinterrücks, als dieser sich über eine Quelle beugt, um zu trinken. Kriemhild schöpft Verdacht und fordert Klage gegen Hagen, doch Gunther verweigert sie.

Sieben Jahre vergehen, und Kriemhild sinnt weiter auf Rache. Hagen hat den Nibelungenhort an sich gebracht und im Rhein versenkt, um ihr das Anwerben von Söldnern unmöglich zu machen. Vergeblich verlangt Kriemhild von Gunther, Hagen den Prozess zu machen; sie erkennt, dass sie unter den Nibelungen keine Freunde mehr hat. Als Markgraf Rüdiger im Namen Etzels, des Königs der Heunen, um ihre Hand wirbt, willigt sie ein – doch erst, nachdem Rüdiger geschworen hat, jeden ihrer Befehle zu befolgen. Hagen ist gegen die Heirat, Gunther aber überhört seine Warnungen.

Weitere sieben Jahre später ziehen die Nibelungen mit großem Gefolge zu Etzels Burg. Unterwegs rasten sie auf Rüdigers Burg, wo Giselher sich mit dessen Tochter Gudrun verlobt. Dietrich von Bern, ein Vasall Etzels, warnt die Gäste vor Kriemhilds Rache. Diese verlangt von Etzel, dem sie einen Sohn, Odnit, geboren hat, Rache für Siegfried – doch Etzel weist sie ab, da die Nibelungen unter Gastrecht stehen. Da wendet sich Kriemhild an Werbel und verspricht ihm den Nibelungenhort, wenn er die Nibelungen beseitigt. Während des Festmahls schlachtet Werbel das Gefolge der Nibelungen ab. Als die Nachricht Etzels Bankett erreicht, schlägt Hagen dem Knaben Odnit den Kopf ab, und der Kampf bricht auch unter den Fürsten aus. Am Ende leben von den Nibelungen nur noch Gunther, Gernot, Giselher, Volker und Hagen. Kriemhild fordert von Rüdiger, seinen Schwur zu halten; er erschlägt Gernot und Giselher, scheitert aber an Hagen. Nun greift Dietrich von Bern ein, überwindet Hagen und Gunther und bringt sie gefesselt zu Kriemhild und Etzel. Kriemhild lässt Gunther töten und erschlägt Hagen. Hildebrand, ein Gefolgsmann Dietrichs, ist so angewidert, dass er Kriemhild erschlägt. Angesichts des Blutbads legt Etzel seine Krone ab und übergibt die Herrschaft Dietrich von Bern.

Stil

Angelegt ist das Werk als großes Trauerspiel in drei Abteilungen, das den weiten Sagenstoff über viele Jahre und mehrere Reiche hinweg bühnenwirksam ordnet. Den Auftakt bildet ein knappes Vorspiel in einem Akt; die beiden folgenden Teile, Siegfrieds Tod und Kriemhilds Rache, sind jeweils als Trauerspiel in fünf Akten gebaut. So spannt sich ein klarer Bogen von der höfischen Anfangsszene über den Mord am Helden bis zur alles vernichtenden Vergeltung.

Auffällig ist, wie Hebbel die Handlung von ihren menschlichen Triebkräften her entwickelt: aus Stolz, Kränkung, Lüge und gebundenem Schwur. Vereinbarungen wie das wiederholte absolute Stillschweigen oder Hagens Wort vom Tod als Viertem im Bunde wirken wie Knoten, die das Unheil immer fester ziehen. Die Sprache der Figuren ist zugespitzt und schlagkräftig; einzelne Sätze – etwa Siegfrieds Spott über die einstürzenden Berge oder Kriemhilds Schmähung Brunhilds als „Kebsweib“ – tragen die dramatische Wucht ganzer Szenen.

Rezeption

Unter den zahlreichen Bearbeitungen des Nibelungenstoffes für das Theater zählt Hebbels Fassung zu den meistbeachteten. Dass er den weitläufigen, ursprünglich für zwei Abende gedachten Stoff zu einem geschlossenen dramatischen Werk formte, hat ihm im Bühnenfach besondere Aufmerksamkeit gesichert. Die Verbindung des alten Heldenstoffes mit einer Tragödie, die ganz aus menschlicher Schuld und Leidenschaft entspringt, hat das Werk über seine Entstehungszeit hinaus lebendig gehalten.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten