1796
Die Nonne
Überblick↑
Der Roman Die Nonne von Denis Diderot erzählt das Schicksal einer jungen Frau, die gegen ihren Willen ins Kloster gezwungen wird. Im Original trägt das Werk den Titel La religieuse. Diderot starb 1784, doch sein Text wurde erst lange danach bekannt: 1792 erschien er in Deutschland in Friedrich Melchior Grimms „Literarischer Korrespondenz", und 1796 kam er schließlich auch in Paris heraus. Das Buch gehört zu den bekanntesten erzählenden Werken der französischen Aufklärung und stellt die Macht von Konventionen, Geld und religiösem Zwang an den Pranger.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht die junge Suzanne Simonin, die in Briefen ihre Lebensgeschichte aufschreibt. Ihre Eltern zwingen sie zu einem Leben als Ordensschwester, weil das Geld für eine standesgemäße Heirat fehlt. Suzanne ist ein uneheliches Kind und soll auf diese Weise aus dem Weg geräumt werden. Das Klosterleben aber hasst sie zutiefst, und ihre Sehnsucht nach Freiheit bleibt ungebrochen.
Anfangs findet sie Halt bei einer verständnisvollen Oberin. Doch ihre Lage verändert sich, als sie neuen Vorgesetzten ausgeliefert ist. In mehreren Klöstern erlebt sie, wie sehr ein Leben hinter Mauern von Macht, Geld und falscher Frömmigkeit bestimmt sein kann. Der Roman folgt ihrem Weg durch diese geschlossene Welt, ohne den Ausgang vorwegzunehmen.
Die Handlung im Detail↑
Diderot erzählt die Geschichte der Suzanne Simonin schnörkellos und ohne Abschweifungen. Er verzichtet auf Einschübe und hält die Abfolge der Ereignisse durchgehend ein. Suzanne berichtet selbst, in Form von Briefen, und schildert darin ihren Lebensweg.
Von ihren Eltern wird sie gegen ihren Willen in ein Kloster gegeben. Der Grund ist Geld: Für eine standesgemäße Heirat fehlen die nötigen Mittel, und überdies ist Suzanne ein uneheliches Kind des früheren Geliebten ihrer Mutter. Das Dasein als Ordensschwester ist ihr verhasst. Zunächst findet sie bei einer verständnisvollen Oberin Verständnis, doch ihre Freiheitsliebe lässt sich nicht brechen.
Die Lage verschärft sich unter einer neuen Äbtissin, die fanatisch und grausam auftritt. Suzanne wird zur Zielscheibe von Schikanen und Repressalien, sowohl durch diese Vorgesetzte als auch durch Mitschwestern. Insgesamt drei Klöster durchläuft sie. In jedem wird sie auf neue Weise mit der Macht von Konventionen und Geld, mit Scheinheiligkeit und religiösem Fanatismus konfrontiert.
Den Stoff bezog Diderot offenbar auch aus dem eigenen Leben: Seine Schwester Angélique war einem Ursulinen-Orden beigetreten und dort in jungen Jahren in geistiger Verwirrung gestorben. Möglicherweise gab dieses Ereignis den Anstoß zu dem Werk.
Stil↑
Als Briefroman gestaltet, lässt das Werk seine Heldin selbst zu Wort kommen. Suzanne Simonin erzählt ihre Geschichte in der ersten Person, was dem Bericht unmittelbare Eindringlichkeit verleiht. Diderot führt die Handlung dabei geradlinig: Er verzichtet auf Einschübe und weicht in der Abfolge der Ereignisse nicht ab, sodass die Schilderung ohne Umwege fortschreitet.
Diderot bewunderte die Werke Samuel Richardsons. In seiner Lobschrift hatte er Richardson dafür gerühmt, den Roman auf ein ernsthaftes Niveau gehoben zu haben. Manches aus Richardsons Clarissa fand seinen Weg in La religieuse. An seinem Roman Le Neveu de Rameau arbeitete Diderot in derselben Schaffenszeit.
Rezeption↑
Bekannt wurde das Buch erst nach dem Tod seines Verfassers. Diderot starb 1784, doch erst 1792 erschien der Text in Deutschland in Grimms „Literarischer Korrespondenz". Vier Jahre später, 1796, kam er auch in Paris heraus. Eine erste deutsche, anonym erschienene Übersetzung folgte 1797 in Zürich.
In seiner Wirkung gilt das Werk als Skandalroman, da es Klosterzwang und kirchliche Scheinheiligkeit scharf anprangert. Der Stoff wurde mehrfach für das Kino bearbeitet. Eine vielbeachtete Verfilmung entstand 1966 unter der Regie von Jacques Rivette, mit Anna Karina in der Rolle der Suzanne Simonin und Liselotte Pulver als ihrer letzten Oberin; der Film wurde bei den Filmfestspielen in Cannes für die Goldene Palme nominiert. Eine weitere Verfilmung von Guillaume Nicloux kam 2013 in die Kinos. Auch eine Fernsehdokumentation widmete sich der Entstehung und Wirkung des Romans.
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