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Autoreneintrag · Denis Diderot
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Porträt Denis Diderot
Denis Diderot
1713 – 1784
– Autorenporträt –

Denis Diderot

1713 – 1784 · 70 Jahre

Mitherausgeber der französischen Encyclopédie, Romancier und Aufklärer – ein universaler Kopf des 18. Jahrhunderts und Wegbereiter der Französischen Revolution.

Kurzbiografie↑

Denis Diderot war ein französischer Schriftsteller, Philosoph und Aufklärer. Als Mitherausgeber und Hauptautor der großen französischen Encyclopédie gehörte er zu den prägenden Köpfen des 18. Jahrhunderts. Er wurde 1713 in Langres geboren und starb 1784 in Paris. Sein Werk reicht von religionskritischen Essays über Romane wie Jacques le fataliste und Le Neveu de Rameau bis zu kunst- und theatertheoretischen Schriften. Voltaire bescheinigte ihm ein „pantophiles“, also allumfassendes Wissen. Seine Romane und Erzählungen erschienen meist erst nach seinem Tod. Sie verhandeln zentrale Fragen der europäischen Aufklärung, von der Selbstbestimmung des Menschen bis zur Kritik an der Religion. Er gilt zugleich als wichtiger Wegbereiter der Französischen Revolution.


Biografie↑

Denis Diderot kam am 5. Oktober 1713 in Langres zur Welt. Die Stadt zählte damals etwa 8000 Einwohner und war ein Zentrum des Jansenismus. Sein Vater Didier Diderot war wohlhabender Messerschmiedemeister, seine Mutter Angélique stammte aus einer Gerberfamilie. Schon einen Tag nach der Geburt wurde der Junge in der Pfarrkirche Saint-Pierre-Saint-Paul katholisch getauft. Von fünf jüngeren Geschwistern überlebten drei das Kindesalter. Zur Schwester Denise, von ihm zärtlich „Sœurette“ genannt, hatte er ein lebenslang enges Verhältnis. Zum jüngeren Bruder Didier-Pierre, der Geistlicher wurde, war das Verhältnis dauerhaft konfliktreich.

Ab dem zwölften Lebensjahr wurde Diderot auf den geistlichen Stand vorbereitet. 1726 erhielt er vom Bischof von Langres die Tonsur und das Recht, sich Abbé zu nennen. Er besuchte die Jesuitenschule der Stadt. 1729 brachte sein Vater ihn nach Paris, zunächst an das Lycée Louis-le-Grand, dann an das jansenistisch geprägte Collège d'Harcourt. 1732 wurde er Magister, 1735 Bakkalaureus an der Sorbonne. Das geplante Theologiestudium nahm er nicht auf.

Nach einer kurzen Zeit als Anwaltsgehilfe gab Diderot 1737 diese Stelle auf. Sein Vater stellte daraufhin die Geldzuwendungen ein. Diderot lebte vier Jahre als Bohémien in chronischer Geldnot. Er schrieb Predigten für Geistliche, arbeitete als Hauslehrer und lernte nebenbei Englisch. Zeitweise unterstützten ihn seine Mutter, ein Karmelit und der Pariser Künstler Foucou. Ab 1740 erschienen erste Artikel im Mercure de France. 1742 lernte er Jean-Jacques Rousseau kennen, mit dem er sich regelmäßig traf. Aus Übersetzungsaufträgen erwuchs bald eine eigene Arbeitsgrundlage. So übertrug er 1745 Shaftesburys Inquiry concerning Virtue ins Französische und beteiligte sich an der Übersetzung eines sechsbändigen medizinischen Lexikons.

1743 wollte Diderot die mittellose Katholikin Anne-Antoinette Champion heiraten. Sein Vater ließ ihn deshalb in einem Karmeliterkloster bei Troyes einsperren. Diderot floh, kehrte nach Paris zurück und heiratete heimlich am 6. November 1743. Drei der vier Kinder starben früh. Allein die Tochter Marie-Angélique, geboren 1753, wurde erwachsen. Neben der Ehe führte Diderot mehrere intime Beziehungen. Am bekanntesten war die zu Sophie Volland, die ihm ab 1755 eine lebenslange Seelenfreundin war und mit der er einen umfangreichen, „empfindsamen“ Briefwechsel pflegte.

1746 trat er mit den anonym erschienenen Pensées philosophiques an die Öffentlichkeit. Die Schrift wurde vom Pariser Parlement verurteilt und öffentlich verbrannt. Weitere religionskritische Werke folgten, darunter 1749 der Brief über die Blinden zum Gebrauch für die Sehenden. Am 24. Juli 1749 wurde Diderot auf königlichen Haftbefehl verhaftet und in der Festung Vincennes inhaftiert. Erst am 3. November kam er wieder frei, nachdem er sich schriftlich verpflichtet hatte, keine blasphemischen Schriften mehr zu veröffentlichen. Die Erfahrung prägte ihn tief und ließ ihn künftig vorsichtiger agieren. Vieles erschien fortan nicht zu Lebzeiten.

Seit 1747 stand die Arbeit an der Encyclopédie im Mittelpunkt. Gemeinsam mit Jean-Baptiste le Rond d'Alembert, später mit Louis de Jaucourt, leitete er das Mammutprojekt. Diderot verfasste selbst rund 6000 von insgesamt 72.000 Artikeln. Dafür erweiterte er systematisch sein Wissen und besuchte unter anderem von 1754 bis 1757 Chemievorlesungen. Daneben entstanden Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Schriften zur Bühnen- und Erkenntnistheorie, vieles davon zunächst nur in Abschriften verbreitet. Er verkehrte mit den philosophes, mit Condillac, Helvétius, d'Holbach und Turgot. Er gehörte zur „coterie holbachique“ und nahm an Salons sowie informellen Diners bei Madame de Pompadour teil.

1765 schloss Diderot die Arbeit an der Encyclopédie ab. Da er keine Tantiemen besaß, geriet er in finanzielle Bedrängnis. Zarin Katharina II. von Russland kaufte seine Bibliothek. Sie ließ ihm aber lebenslang das Nutzungsrecht und besoldete ihn als deren Bibliothekar mit 1000 Livres jährlich. 1773 reiste er an den Petersburger Hof, seine einzige längere Reise. Die Anreise führte ihn unter Vermeidung Berlins und Potsdams unter anderem über Den Haag, Leipzig, Dresden, Königsberg und Riga. Vom 15. Oktober 1773 an empfing ihn die Zarin mitunter dreimal pro Woche zu Audienzen. Er forderte die Beseitigung der Leibeigenschaft und kritisierte die autokratische Monarchie, ohne dass die Kaiserin seinen Empfehlungen folgte. Sie selbst soll ihm gegenüber gesagt haben, sie arbeite, anders als er, nicht mit Papier, sondern mit Menschen. Am 1. November 1773 wurde Diderot zum auswärtigen Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften ernannt. Im März 1774 trat er die Rückreise an und erreichte Paris erst im Oktober.

Nach der Russlandreise verschlechterte sich Diderots Gesundheit. Er litt unter Herz- und Kreislaufproblemen, geschwollenen Beinen und Kurzatmigkeit. 1782 entging er knapp einer erneuten Inhaftierung. Er hatte an der Buchhändlerzunft vorbei sechshundert Exemplare seines Essays über Seneca bezogen; ein rhetorischer Widerruf besänftigte die Ankläger. Im Februar 1784 starben in kurzem Abstand Sophie Volland und seine zehnjährige Enkelin Marie Anne. Am 19. Februar 1784 erlitt Diderot vermutlich einen Herzinfarkt. Er starb am 31. Juli 1784 beim Mittagessen. Beigesetzt wurde er in der Pariser Pfarrkirche Saint-Roch im Ossuarium unter dem Hauptaltar. Während der Französischen Revolution wurden Grab und sterbliche Überreste 1796 von dort stationierten Soldaten zerstört.


Literarische Merkmale↑

Diderots Werk ist ungewöhnlich breit gefächert. Es reicht vom enzyklopädischen Sachartikel über philosophische Essays, Romane, Erzählungen und Bühnenstücke bis zu theaterästhetischen, kunstkritischen und erkenntnistheoretischen Schriften. Zeitgenossen wie Voltaire beschrieben sein Wissen als „pantophil“, also auf nahezu alle Gebiete gerichtet. Er beschäftigte sich mit Chemie, Physik, Mathematik, vor allem aber mit Naturgeschichte, Anatomie und Medizin. Hierfür besuchte er über Jahre Fachvorlesungen.

Im Zentrum seines Denkens stand das für die Aufklärung typische Spannungsfeld zwischen Vernunft und Sensibilität. Vernunft hieß für Diderot, nach empirisch überprüfbaren Erkenntnissen zu suchen, ohne in rein mathematischer Erfassung steckenzubleiben. Daneben entwickelte er von 1754 bis 1765 die Lehre einer universellen Sensibilität. Naturwissenschaft war für ihn nicht die Frage nach dem Warum, sondern nach dem Wie. Seine philosophischen Gedanken stützen sich fast immer auf individuelle Sinneseindrücke und Wahrnehmungen und lassen sich daher dem Sensualismus zuordnen. In seinen Spätwerken zeigt sich eine undogmatisch materialistische Geisteshaltung.

Inhaltlich bewegen seine Romane und Erzählungen die großen Themen der europäischen Aufklärung: die Selbstbestimmung des Menschen, das Leib-Seele-Problem, den Gegensatz von Determinismus und Willensfreiheit und die Kritik an der Religion. Die meisten davon erschienen erst posthum. Über sein Werk hinweg ist eine Entwicklung von einer theistischen über eine deistische zu einer atheistischen Haltung erkennbar. Hinweise auf materialistische Vorstellungen finden sich allerdings schon in den frühen Pensées philosophiques von 1746.

Auf der Bühne hatte Diderot mit seinen Stücken und theatertheoretischen Schriften großen Anteil an der Entstehung eines bürgerlichen Dramas. Lessing schätzte später besonders drei Neuerungen: die Abschaffung der Ständeklausel, den Verzicht auf heldenhafte Figuren und die Verwendung prosaischer Sprache statt des Verses.


Rezeption↑

Die Wirkungsgeschichte Diderots ist eng mit seiner verwickelten Überlieferungslage verbunden. Wichtige philosophische Texte zu seinem Materialismus erschienen erst nach seinem Tod, und auch ihre Sammlung verlief schleppend. Sein erster Nachlassverwalter Jacques-André Naigeon legte 1798 gegen den Willen der Tochter eine fünfzehnbändige, unvollständige Werkausgabe vor. Er steht im Verdacht, in die Texte eingegriffen zu haben. Eine zwanzigbändige Œuvres complètes von Jules Assézat und Maurice Tourneux folgte 1875 bis 1877, blieb aber ebenfalls lückenhaft. Erst Herbert Dieckmann fand 1948 auf dem Château des Ifs den Fonds Vandeul. 1951 legte er ein Inventar vor, das den Grundstein der kritischen Ausgabe der Œuvres complètes von 1975 bildete.

In Frankreich hatte Diderot nach der Revolution lange einen schlechten Ruf. Maßgeblich beteiligt war Jean-François de La Harpe. Er verteidigte ihn zunächst postum, beurteilte ihn später aber wegen seines Atheismus und Materialismus abschätzig. Dieses verzerrte Bild ging in französische, englische und deutsche Literatur- und Philosophiegeschichten ein. Eine differenziertere Würdigung leistete erst Charles-Augustin Sainte-Beuve in seinen Portraits littéraires von 1844. Er sah in Diderot den vielleicht konsequentesten philosophischen Denker gegen das Ancien Régime und das verbindende Band zwischen Voltaire, d'Holbach, Buffon, Rousseau und den Naturwissenschaftlern, Schöngeistern und bildenden Künstlern. Zugleich übernahm er die Auffassung, Diderot sei der „deutscheste“ der französischen philosophes gewesen.

Im deutschsprachigen Raum wurde Diderots Bedeutung früher erkannt als in Frankreich. Goethe interessierte sich für das erzählerische Werk, Lessing für die Theaterproduktionen, Hegel und Marx für die philosophischen Betrachtungen, Hofmannsthal für den Briefwechsel mit Sophie Volland. Lessing übersetzte Dramen einschließlich der beigefügten theatertheoretischen Essays. Als Diderot inhaftiert war, stellte er sich öffentlich auf dessen Seite. Goethe sah in dem sechsunddreißig Jahre älteren Kollegen einen Seelenverwandten des Sturm und Drang. 1796 schrieb er an Schiller, Diderot habe ihn „recht entzückt“ und in seinen „innersten Gedanken bewegt“. 1831 lobte er ihn mit dem Satz: „Diderot ist Diderot, ein einzig Individuum; wer an ihm oder seinen Sachen mäkelt, ist ein Philister, und deren sind Legionen.“ Schiller übertrug 1785 als erster eine Episode aus Jacques le fataliste ins Deutsche.

Eine besondere Wirkung entfaltete Le Neveu de Rameau. Friedrich Maximilian Klinger fand das in Frankreich noch unveröffentlichte Manuskript in Diderots nach Petersburg verkaufter Bibliothek. Über Schiller gelangte eine Abschrift an Goethe, der den Text ins Deutsche übersetzte und 1805 in Leipzig herausgab. 1821 wurde Goethes Übersetzung kurioserweise von zwei französischen Literaten ins Französische rückübersetzt und als Original ausgegeben. Hegel griff in der Phänomenologie des Geistes (1807) ausdrücklich auf Le Neveu de Rameau zurück. Im Kapitel über den „sich entfremdenden Geist“ setzte er damit zwei Bewusstseinsformen voneinander ab.

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