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Werkseintrag · Rameaus Neffe
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Rameaus Neffe
1805
– Werkseintrag –

Rameaus Neffe

1805 · Essay

Ein zwiespältiger Schmarotzer und ein Philosoph der Aufklärung treffen sich im Pariser Café – und aus heiterem Geplänkel wird ein hintergründiges Wortgefecht über Moral, Kunst und Gesellschaft.

Überblick

Bei Rameaus Neffe handelt es sich um einen philosophischen Dialog von Denis Diderot. Der Autor arbeitete von 1761 bis 1774 an dem Text. Er starb 1784, ohne ihn veröffentlicht zu haben. Auf verschlungenen Wegen gelangte das Werk an die Öffentlichkeit. Zuerst erschien es 1805 in einer deutschen Übersetzung von Johann Wolfgang von Goethe. Diese entstand nach einem später verschwundenen Manuskript. Für die erste Veröffentlichung in Frankreich wurde 1821 sogar eine Rückübertragung von Goethes Text ins Französische angefertigt. Erst 1890 fand sich in Paris eine eigenhändige Handschrift, und zwar in einer Sammlung von Diderot-Schriften. Sie konnte im folgenden Jahr als Buch erscheinen. Das Werk gilt als ein eindringliches Gedankenspiel der Aufklärung über Moral, Kunst und Gesellschaft.

Inhalt (ohne Spoiler)

Auf einer abendlichen Promenade zum Palais Royal trifft ein Mann einen alten Bekannten. Der Mann wird im Text nur „Ich" genannt. Der Bekannte ist Jean-François Rameau, der Neffe des bekannten Komponisten Jean-Philippe Rameau. Nach kurzem Plaudern lädt das „Ich" den Bekannten in das Café de la Régence ein. Der Bekannte wird im Dialog „Er" genannt. Dort entspinnt sich ein ausgedehntes Gespräch zwischen den beiden.

Der Neffe ist ein widersprüchlicher Mensch. Das „Ich" fühlt sich von ihm zugleich angezogen und abgestoßen. Wortgewandt, charmant und ganz ohne Schamgefühl legt der Neffe seine eigene schmarotzerhafte Lebensweise offen. Zunächst ist das Geplänkel heiter und mit Scherzen und Anekdoten gewürzt. Allmählich wird daraus ein ernstes Gespräch, das zu großen Fragen der Moral, der Kunst und der Philosophie führt. Wer hier die Oberhand behält und wohin das Wortgefecht die beiden treibt, entfaltet sich im Verlauf des Dialogs.

Die Handlung im Detail

Der Schauplatz ist Paris. Der „literarische" Diderot, im Text „Ich" (französisch moi), begibt sich auf seiner abendlichen Promenade zum Palais Royal. Dort trifft er den ihm schon länger bekannten Jean-François Rameau, im Dialog „Er" (französisch lui), den Neffen des bekannten Komponisten Jean-Philippe Rameau. Nach kurzem Plaudern lädt das „Ich" ihn in das Café de la Régence ein, und es beginnt eine lange Konversation.

Von dieser Person fühlt sich das „Ich" zugleich angezogen und abgestoßen. Denn der Neffe ist ein Zyniker, der wortgewandt, gestenreich, charmant und ohne Schamgefühl seine schmarotzerhafte Existenz und seine Unmoral offenlegt. Damit enthüllt er, dass sich das einstudierte Maskenspiel der Niedertracht in der wirklichen Gesellschaft auszahlt. So treten die Widersprüche zwischen den bürgerlichen Tugenden und der tatsächlichen Gesellschaft offen zutage. Das „Ich", das zunächst aus einer Haltung moralischer Überlegenheit auftritt, wird vom Neffen immer tiefer in Widersprüche verwickelt.

Aus dem anfangs heiteren Geplänkel, gewürzt mit Scherzen und Anekdoten, wird im Verlauf ein zusehends ernstes Gespräch. Es führt schließlich zu moralischen, künstlerischen und philosophischen Grundfragen. Der Neffe kritisiert den Kulturbetrieb, zeigt sich zugleich aber von ihm abhängig. Er hält sich selbst für ein verkanntes Genie.

Damit legt Diderot die Seele eines gescheiterten Künstlers offen: überheblich und maßlos in seiner Leidenschaft, aber zugleich auf die Gunst seiner Gönner angewiesen. Dem verzweifelten Verächter der Gesellschaft steht im feinsinnigen Ich-Erzähler ein Philosoph der Aufklärung gegenüber. Der illusionslosen Weltsicht des Zynikers begegnet die aufklärerische Menschenliebe des Philosophen. In beiden Figuren lassen sich Gedanken Diderots erkennen. Der Autor wählte die Form des Dialogs, um philosophische Gedankengänge und kulturkritische Überlegungen durchzuspielen.

Stil

Als Gestaltungsform wählte Diderot den Dialog. Dieser lebt ganz aus dem Wechselgespräch zweier Stimmen: „Ich" (moi) und „Er" (lui). Diese Form erlaubt es ihm, gegensätzliche Standpunkte unmittelbar aufeinanderprallen zu lassen, ohne sie zu einer einzigen Lehrmeinung zu glätten. Beide Figuren tragen Züge ihres Verfassers. So ist der Text weniger ein Streit zwischen zwei Personen als ein Selbstgespräch der Aufklärung mit sich selbst.

Der Tonfall verändert sich im Lauf des Gesprächs. Zu Beginn herrscht ein heiteres Geplänkel, durchsetzt mit Scherzen und Anekdoten. Nach und nach gewinnt das Gespräch an Ernst und mündet in grundsätzliche Fragen. Die Sprache des Neffen ist wortgewandt, gestenreich und schamlos offen. Die des Philosophen bleibt feinsinnig und nachdenklich. Aus diesem Kontrast bezieht der Dialog seine Spannung.

Rezeption

Schon kurz nach dem Erscheinen von Goethes Übersetzung griff Georg Wilhelm Friedrich Hegel den Text in seiner Phänomenologie des Geistes auf. Er stellte ihn in den Zusammenhang von Herrschaft und Knechtschaft. Michel Foucault kommentierte Diderots Text in seinem Essay Wahnsinn und Gesellschaft. Er erkannte in der Hauptfigur eine Verbindung von Sinnlichkeit und Wahnsinn und sah das Werk als Zeugnis der dunklen Seite der Aufklärung. Friedrich Engels zählte das Werk in Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft zu den „Meisterwerken der Dialektik".

Auch Schriftsteller knüpften an den Text an. 1861 erschien in der Zeitschrift Revue européenne ein Text von Jules Janin unter dem Titel La fin d'un monde et du neveu de Rameau. Dieser parodiert Szenen und Themen der Vorlage. Thomas Bernhards Erzählung Wittgensteins Neffe spielt im Titel auf Diderots Werk an. Bei beiden steht der Protagonist im Schatten eines Onkels von epochaler Bedeutung. Ebenfalls auf den Titel bezieht sich Louis Aragons Le neveu de M. Duval von 1953. In ihrem Essay Rüpel und Rebell. Die Erfolgsgeschichte des Intellektuellen von 2018 sieht Hannelore Schlaffer in Rameaus Neffen die erste Gestalt der Figur des Intellektuellen.

Der Dialog hat auch das Theater immer wieder gereizt. In den 1960er Jahren schuf der rumänische Regisseur David Esrig eine vielbeachtete Inszenierung mit Marin Moraru und Gheorghe Dinică. 1975 inszenierte und spielte Jacques Weber den Dialog am Theater in St. Étienne, mit Jean-François Balmer als Spielpartner. 2020 brachte Didier Bezace den Text mit Pierre Arditi und Bruno Abraham-Kremer auf die Bühne. Die Premiere fand im Mai 2020 im Anthéa-Theater in Antibes statt, gefolgt von einer Tournee.

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