1796
Jacques der Fatalist und sein Herr
Überblick↑
Das Werk Jacques der Fatalist und sein Herr ist ein Roman des französischen Autors Denis Diderot. Er entstand über viele Jahre hinweg, etwa zwischen 1765 und Diderots Todesjahr 1784. Veröffentlicht wurde er erst nach dem Tod des Autors. Der Roman erzählt von einem Diener und seinem adeligen Herrn. Die beiden reisen gemeinsam durch Frankreich und erzählen sich dabei Geschichten. Zugleich ist das Buch ein kühnes Spiel mit der Form des Romans. Immer wieder mischt sich ein Erzähler ein. Er denkt offen über die Möglichkeiten seines eigenen Erzählens nach. So verbindet das Werk vergnügliche Unterhaltung mit den großen Fragen nach Willensfreiheit und Schicksal.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt stehen zwei Reisende: der Diener Jacques und sein adeliger Herr. Der Herr trägt im ganzen Buch keinen Namen. Neun Tage lang sind die beiden gemeinsam in Frankreich unterwegs. Um sich die Zeit zu vertreiben, tauschen sie Anekdoten aus. Sie streiten auch über philosophische Fragen, vor allem über die Willensfreiheit und darüber, ob alles im Leben vorherbestimmt ist.
Jacques möchte die Geschichte seiner Liebe erzählen. Doch immer wieder kommt etwas dazwischen. Unerwartete Ereignisse unterbrechen ihn. So lernen die beiden Reisenden ständig neue Leute kennen, die ihrerseits Geschichten erzählen. Auch diese Erzählungen werden wieder durch Zufälle gestört. So schiebt sich Geschichte um Geschichte.
Dazu kommt eine zweite Ebene. Ein Erzähler wendet sich immer wieder direkt an den Leser. Er überlegt laut, wie er die Handlung lenken könnte. Er zählt verschiedene Möglichkeiten auf und zieht den Leser in ein Gespräch über das Buch und seine Figuren hinein. So entsteht ein heiteres, vielschichtiges Spiel. Man weiß dabei nie genau, wohin die Reise als Nächstes führt.
Die Handlung im Detail↑
Der Diener Jacques und sein namenloser adeliger Herr reisen neun Tage lang durch Frankreich. Zur Unterhaltung erzählen sie sich gegenseitig Anekdoten und diskutieren über philosophische Fragen, besonders über die Willensfreiheit und die Vorherbestimmung des menschlichen Lebens. Jacques beginnt immer wieder, seine eigene Liebesgeschichte zu erzählen.
Doch er kommt kaum dazu, sie zu Ende zu bringen. Ständig unterbrechen ihn unglückliche Zwischenfälle, und jeder dieser Zufälle gibt Anlass zu neuen Geschichten. Zufällige Bekanntschaften erzählen ihre eigenen Erlebnisse, und auch diese Erzählungen werden wieder durch unvorhergesehene Ereignisse gestört. So schachtelt der Roman immer neue Episoden ineinander, ohne dass die Haupterzählung geradlinig vorankommt.
Über all dem steht der Erzähler, der das Geschehen kommentiert. Er räsoniert über die Möglichkeiten, die er hätte, um die Handlung des Romans zu verändern. Er reiht Stichpunkte auf, wie er die Ereignisse in eine andere Richtung lenken könnte, und verwickelt schließlich den gedachten Leser in Diskussionen über den Roman, seine Hauptfiguren und das Erzählen selbst.
Erst gegen Ende des Romans erfährt der Leser eher beiläufig, was diese ganze Reise überhaupt ausgelöst hat: Es ging um die Bezahlung einer Amme, die ein dem Herrn untergeschobenes Kind versorgt hatte. Schließlich findet Jacques seine verlorene Liebe wieder. Doch getreu dem bisherigen Verlauf des Romans deuten sich gleich neue Verwirrungen an, sodass das Buch nicht in einem klaren, geschlossenen Ende mündet, sondern im offenen Spiel der Möglichkeiten bleibt.
Stil↑
Auffällig an diesem Roman ist vor allem die Form. Diderot erzählt nicht geradlinig. Er lässt eine Geschichte aus der anderen hervorgehen und unterbricht sie immer wieder durch neue Zwischenfälle. So entsteht ein kunstvolles Gewebe ineinander geschachtelter Erzählungen. Dieses Gewebe durchbricht die gewohnte Ordnung eines Romans bewusst.
Besonders kennzeichnend ist der Erzähler, der sich offen einmischt. Er tritt aus der Geschichte heraus, spricht den Leser direkt an und macht das Erzählen selbst zum Thema. Er denkt laut über die verschiedenen Möglichkeiten nach, wie er die Handlung weiterführen könnte. So führt er dem Leser vor, dass eine Geschichte immer auch anders verlaufen könnte. Der Dialog ist dabei das bevorzugte Mittel. Das Gespräch zwischen Diener und Herr trägt das ganze Buch und gibt ihm seinen lebendigen, beweglichen Ton.
Rezeption↑
Bis heute hat der Roman immer wieder Philosophen, Künstler und Schriftsteller zur Auseinandersetzung angeregt. Goethe las das Werk auf Schillers Empfehlung hin mit großem Vergnügen. Karl Marx legte es seinem Freund Engels ans Herz und wies ihn auf die Dialektik zwischen Herrn und Knecht hin. E. T. A. Hoffmann schätzte das Buch ebenso wie die beiden Iren James Joyce und Samuel Beckett. Hegels Bezug auf Diderot in der Phänomenologie des Geistes gilt dem anderen großen Dialog Rameaus Neffe. Diesen stellte Hegel dort in Zusammenhang mit dem Thema Herrschaft und Knechtschaft.
Auch in der neueren Literatur wirkte das Werk fort. In der DDR griff Volker Braun mit seinem Hinze-Kunze-Roman von 1985 die Konstellation von Herr und Diener auf zielloser Reise auf und versetzte sie in die DDR-Gegenwart. Der Roman war umstritten. Die Germanistin Anneliese Löffler verriss ihn als „absurd" und „anarchistisch". Der stellvertretende Kulturminister Klaus Höpcke musste sich in einem Disziplinarverfahren für die Druckerlaubnis rechtfertigen. Hans Magnus Enzensberger bearbeitete den Text zu einem Radio-Roman unter dem Titel Diderots Schatten, der 1994 erschien.
Besonders fruchtbar war Diderots Stoff für die darstellende Kunst, da er selbst den Dialog bevorzugte. Immer wieder griffen Bühnenautoren die im Roman enthaltene Geschichte um Madame de La Pommeraye auf. Carl Sternheim formte sie zu dem Stück Die Marquise von Arcis. Milan Kundera schrieb 1971 eine Theaterfassung als Hommage an Diderot. Diese erschien später unter dem Titel Jacques und sein Herr auch auf Deutsch. Mehrere Filme entstanden ebenfalls nach dieser Episode, darunter Die Damen vom Bois de Boulogne von Robert Bresson aus dem Jahr 1945. In der bildenden Kunst widmete Frank Stella dem Roman 1974 ein Bild seiner Diderot-Serie.
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