Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Iwein
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Iwein
1200
– Werkseintrag –

Iwein

1200 · Versepos

Ein junger Ritter der Tafelrunde gewinnt an einem magischen Brunnen Frau und Land – und verspielt beides, als ihn der Ruhm der Turniere lockt.

Überblick↑

Der Versroman Iwein gehört zu den klassischen Artusromanen der mittelhochdeutschen Literatur. Hartmann von Aue verfasste ihn um das Jahr 1200 in Reimpaarversen. Als Vorlage diente ihm Yvain ou Le Chevalier au lion des altfranzösischen Dichters Chrétien de Troyes, den Hartmann frei ins Deutsche übertrug. Der Held Iwein ist einer der Ritter der Tafelrunde am Hof des Königs Artus. Erzählt wird sein Weg vom strahlenden Sieger zum Gescheiterten und wieder zurück.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Am Anfang steht ein glanzvolles Pfingstfest am Artushof. Dort berichtet der Ritter Kalogreant von einem seltsamen Abenteuer: Im Wald stieß er auf eine geheimnisvolle Quelle, an der ein magischer Brunnen steht. Wer Wasser über einen bestimmten Stein gießt, löst ein gewaltiges Unwetter aus und fordert damit den Hüter der Quelle zum Kampf heraus. Kalogreant unterlag und kehrte ohne Pferd und Rüstung zurück.

Diese Niederlage trifft den ganzen Hof als Schmach. Iwein, ein Verwandter Kalogreants, bricht heimlich auf, um die Schande zu rächen, noch ehe der gesamte Hof aufbrechen kann. Er reitet zur Quelle, begießt den Stein und stellt sich dem Kampf gegen den Landesherrn Askalon. So gerät er in das geheimnisvolle Brunnenreich, lernt die kluge Vertraute Lunete kennen und sieht die schöne Burgherrin Laudine.

Das Werk erzählt von da an, wie eng bei einem Ritter Ehre und Liebe, Pflicht und Versäumnis beieinanderliegen. Iwein gewinnt unverhofft Ansehen, doch der Weg, den er einschlägt, stellt ihn bald vor schwere Prüfungen. An seiner Seite tritt später ein Löwe auf, der ihm einen neuen Namen gibt – mehr sei vom weiteren Verlauf hier nicht verraten.

Die Handlung im Detail↑

Wie bei mittelalterlichen Epen üblich, beginnt Hartmann mit einem Prolog. Darin preist er König Artus als ritterliches Vorbild, dessen Name unsterblich sei, und fügt einige Aussagen über sich selbst und den Sinn der Dichtung an.

Der Roman setzt mit einem Pfingstfest am Artushof ein. Iwein hört dort die Erzählung des Ritters Kalogreant, die als eine Art Geschichte in der Geschichte gestaltet ist. Kalogreant berichtet, wie er von einer gastlichen Burg auf eine Lichtung voll wilder Tiere geriet. In deren Mitte stand ein riesiger, hässlicher und unkultivierter wilder Mann, der sich aber nicht als Unmensch, sondern als friedlicher Hirte erwies. Dieser wies ihn auf eine magische Brunnenidylle im Wald hin. Kalogreants Versuch, das Geheimnis zu ergründen, scheitert jedoch völlig: Mit dem Begießen eines Steins löst er ein gewaltiges Unwetter aus und fordert damit Askalon heraus, den Landesherrn und Hüter des Brunnens. Askalon besiegt ihn, und Kalogreant muss ohne Pferd und Rüstung heimkehren.

Für den Artushof ist diese gescheiterte Fahrt eine Herausforderung, die Schmach zu rächen. Iwein, der als Verwandter Kalogreants doppelt betroffen ist, kommt einem Zug des ganzen Hofes zuvor und reitet heimlich ins Brunnenreich. Das Abenteuer wiederholt sich, wird aber für Askalon zum tödlichen Ernst. Iwein verfolgt den tödlich verwundeten, fliehenden Askalon bis in dessen Burg. Das herabgelassene Falltor durchtrennt Iweins Pferd; er selbst bleibt unverletzt, ist aber in der Torhalle eingeschlossen.

Nur mit Hilfe von Lunete, der Vertrauten der Burgherrin Laudine, entgeht Iwein den Burgmännern. Aus Dankbarkeit für frühere Hilfe am Artushof gibt sie ihm einen Ring, der ihn unsichtbar macht. Der tote Askalon wird von seiner schönen Frau Laudine beklagt. Durch ein Fenster sieht Iwein die Herrin und entbrennt in Liebe zu ihr. Als die Wunden des Toten in Gegenwart des Totschlägers wieder zu bluten beginnen, setzt eine burleske Suche nach dem Unsichtbaren ein. Wieder löst Lunete die verfahrene Lage. Sie überzeugt Laudine, dass der Sieger über Askalon der würdige Nachfolger als Ehemann, Landesherr und Brunnenhüter sei. In einer komödiantischen Inszenierung, in der alle Beteiligten über die Absichten der anderen Bescheid wissen, kommen sich Iwein und Laudine näher. Bald wird Hochzeit gefeiert.

Nun zieht der Artushof zur Quelle, und Iwein muss seine Rolle als Brunnenhüter erstmals erproben. Das gelingt ihm gegen Keie, den missgünstigen Ritter des Artushofes. Der ganze Hof feiert die Heirat. Damit ist die Handlung zu einem vorläufigen Ende gekommen: Iwein sind neben der Ehre des Sieges unverhofft eine Ehefrau und die Herrschaft über ein Land zugefallen.

Doch sein Freund Gawein drängt ihn, hält ihm das bequeme Verweilen Erecs als warnendes Beispiel vor. Schon kurz nach der Hochzeit verlässt Iwein Laudine und zieht zu Turnieren und Abenteuern aus. Laudine lässt sich versprechen, dass er nach Jahr und Tag zurückkehrt. Der Abschied der Liebenden ist von Harmonie geprägt; in einem Gespräch zwischen dem Erzähler und Frau Minne wird gesagt, dass beide ihre Herzen getauscht haben. Iwein aber gibt sich ganz den Turnieren hin und bemerkt erst zu spät, dass er die Frist bereits um sechs Wochen überschritten hat. Lunete klagt ihn öffentlich vor der Artusrunde als Verräter an und nimmt ihm den Ring. Seine Ehre ist dahin, und Laudine bricht jede Verbindung ab.

Damit verliert Iwein seine Identität. Vom Wahnsinn ergriffen, reißt er sich die Kleider vom Leib und wird zum Wilden im Wald. Seine einzige soziale Bindung ist ein wortloser Tausch mit einem Einsiedler. Erst die Dame von Narison und ihre Begleiterin heilen ihn mit einer Wundersalbe, die von der Fee Feimorgan stammt. Iwein kommt wieder zur Besinnung; sein früheres Leben als Ritter erscheint ihm wie ein Traum, und er erkennt, dass er nicht mehr zur höfischen Gesellschaft gehört.

Im zweiten Teil befreit Iwein das Land der Dame von Narison vom Grafen Aliers, der Ansprüche darauf erhebt. Die Dame und das ganze Land wünschen ihn sich zum Herrn, doch er bricht überstürzt auf. Noch zwei weitere Male schlägt er aus Treue zu Laudine eine Heirat aus. Iwein rettet einen Löwen vor einem Drachen. Der Löwe bleibt ihm treu und gibt ihm einen neuen Namen: der Ritter mit dem Löwen.

Der Zufall führt Iwein zurück zur Quelle, wo ihn die Erinnerung an seinen Verlust ohnmächtig vom Pferd stürzen lässt. Beinahe verliert er den Verstand erneut. An der Quelle findet er Lunete, die wegen ihrer Rolle bei der Heirat und wegen Iweins Treuebruch zum Tode verurteilt ist; nur ein Gerichtskampf kann ihre Unschuld beweisen, und die Frist läuft am nächsten Tag ab. Iwein erkennt seine Schuld an und sagt ihr seine Verteidigung zu. Unmittelbar danach verpflichtet er sich aber auch seinem Gastgeber, am nächsten Morgen gegen den Riesen Harpin zu kämpfen, und gerät so in einen Terminkonflikt. Mit Hilfe des Löwen besteht er den Kampf gegen den Riesen rechtzeitig und kann auch Lunete erfolgreich verteidigen. Die Kämpfer der Anklage erleiden die Strafe, die Lunete zugedacht war: Sie werden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Laudine, die den Löwenritter nicht erkennt, erfährt, dass diesem die Gunst einer Dame entzogen worden sei, und verurteilt das – ohne zu wissen, dass sie selbst diese Dame ist.

Da die Beziehung der beiden noch ungeklärt ist, zieht Iwein weiter. Er übernimmt die Sache der jüngeren Tochter des Grafen vom Schwarzen Dorn in einem Erbstreit gegen die ältere Schwester. Auf dem Weg gelangt er zur Burg zum Schlimmen Abenteuer, wo er gegen zwei Riesen kämpft und dreihundert gefangene, in ein Arbeitshaus eingesperrte adlige Damen befreit. Dann reitet er mit seiner Begleiterin zum Artushof zum Gerichtskampf. Die ältere Schwester wird ausgerechnet von Iweins Freund Gawein vertreten. Unerkannt kämpfen die beiden gegeneinander, ohne dass einer den anderen besiegen kann. Erst nach Einbruch der Dunkelheit, als der Kampf verschoben wird, erkennen sie einander im Gespräch wieder. König Artus bringt die ältere Schwester durch eine Fangfrage dazu, sich zu verraten, und verhilft der jüngeren zu ihrem Recht. Nun gibt Iwein sich zu erkennen und wird freudig wieder in die Artusrunde aufgenommen.

Obwohl Iwein große Ehre erlangt hat, ist er überzeugt, an Liebeskummer sterben zu müssen. Erneut als Löwenritter getarnt, kehrt er zum Hof Laudines zurück. Wieder hilft ihm eine listige Intrige Lunetes: Laudine schwört, dem Löwenritter, der den Stein am Brunnen begossen hat, zu helfen, die Gunst seiner Dame zurückzugewinnen. Damit muss Laudine Iwein vergeben. Er beteuert seine Reue und verspricht, ihre Huld nie wieder zu verspielen. Beide erneuern ihre Ehe und ihre Liebe.

Stil↑

Geschrieben ist das Werk in mittelhochdeutschen Reimpaarversen, der gängigen Form des höfischen Romans um 1200. Hartmann übernimmt den Stoff von Chrétien de Troyes, gestaltet ihn aber frei in eigener Sprache. Den Anfang bildet ein Prolog, wie er für mittelalterliche Epen üblich war: Er verbindet einen Hinweis auf die Artusdichtung mit grundsätzlichen Aussagen über den Sinn des Erzählens.

Auffällig ist der kunstvolle Aufbau in zwei Handlungsteilen, in denen sich Aufstieg, Fall und Wiederaufstieg des Helden spiegeln. Eine Geschichte in der Geschichte – Kalogreants Bericht am Hof – führt in das Geschehen ein. Heitere und komödiantische Züge prägen mehrere Szenen, etwa die Suche nach dem unsichtbaren Iwein in der Burg oder die abgekarteten Auftritte, in denen alle Beteiligten mehr wissen als die Hauptfigur. Daneben treten ernste, ja unheimliche Bilder, vor allem der Wahnsinn des nackten Helden im Wald. Ein Dialog unterbricht die Handlung: So wendet sich der Erzähler an Frau Minne und deutet die innere Verfassung der Liebenden.

Rezeption↑

Eingeordnet wird der Iwein in die Reihe der klassischen höfischen Artusromane des deutschen Mittelalters. Hartmann von Aue machte mit seiner freien Bearbeitung den französischen Stoff Chrétiens de Troyes für das deutschsprachige Publikum zugänglich. Der Held Iwein gehört seither zu den bekannten Gestalten der Tafelrunde, und sein Weg durch Schuld, Wahnsinn und Bewährung verbindet ritterliches Abenteuer mit der Frage, wie sich Ehre und Liebe miteinander vereinbaren lassen.

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