Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Hartmann von Aue
Eingang · Autoren · Hartmann von Aue
Porträt Hartmann von Aue
Hartmann von Aue
1160 – 1210
– Autorenporträt –

Hartmann von Aue

1160 – 1210 · 50 Jahre

Erzähler der staufischen Hofkultur und Begründer des deutschsprachigen Artusromans um 1200, von Gottfried von Straßburg für seine kristallklare Sprache gerühmt.

Kurzporträt

Hartmann von Aue gilt neben Wolfram von Eschenbach und Gottfried von Straßburg als der bedeutendste Epiker der mittelhochdeutschen Klassik um 1200. Er steht am Beginn des höfischen Romans deutscher Sprache. Diese Gattung wurde aus Frankreich übernommen. Überliefert sind von ihm die Versromane Erec und Iwein, die Verslegenden Gregorius oder Der gute Sünder und Der arme Heinrich, das allegorische Streitgespräch Das Klagebüchlein sowie einige Minne- und Kreuzzugslieder. Urkundlich greifbar wird Hartmann nicht. Alles, was wir über ihn wissen, stammt aus seinen Werken und aus knappen Erwähnungen anderer Dichter.


Biografie

Daten und Lebensumstände Hartmanns sind nur indirekt zu erschließen. Urkundliche Belege fehlen ganz. Geboren wurde er vermutlich um 1160. Gestorben ist er nach 1210. Gottfried von Straßburg spricht in seinem Tristan um 1210 von ihm noch als einem Lebenden. In späteren Dichterkatalogen erscheint er hingegen unter den Toten. Wikipedia nennt als Sterbezeitraum „vermutlich zwischen 1210 und 1220".

Über die Herkunft gibt der Kärntner Heinrich von dem Türlin den ältesten zuverlässigen Hinweis. In seinem Gawanroman Die Krone (frühestens um 1220) nennt er Hartmann einen Dichter „von der Swâbe lande", also aus dem mittelalterlichen Herzogtum Schwaben. Dieses reichte von den Vogesen bis zum Lechgebiet und umfasste südlich des Rheins den Thurgau und Zürichgau. Worauf sich die unbestimmte Bezeichnung „von Ouwe" bezieht, bleibt ungeklärt. Im Armen Heinrich nennt sich Hartmann selbst einen „Dienstmann", also einen Ministerialen, „ze Ouwe". Die Deutsche Biographie hält fest, dass sich kein Hochadelsgeschlecht dieses Namens sicher nachweisen lässt. Verschiedene Spuren führen unter anderem in den Zürichgau. Dort trägt die ministerialische Familie der Wespersbühler im 13. Jahrhundert dasselbe Wappen mit drei Adlerköpfen, das auch die großen Liederhandschriften von Konstanz und Zürich Hartmann zuweisen. Die NDB neigt deshalb dazu, Hartmanns Heimat im westlichen Bodenseeraum bis zum Rheinknie anzunehmen. Andere Verortungen wie das zähringische „Au" südlich von Freiburg oder Obernau bei Rottenburg haben nach Ansicht der NDB keinen sicheren Anhalt.

In seinen Werken nennt sich Hartmann einen „gelehrten Ritter". Er beherrschte das Lateinische und das Französische. Beides war für einen Hofmann seiner Heimat nicht ungewöhnlich. Einen Gönner erwähnt er an keiner Stelle. Die NDB betont, es gebe keinen Anlass, ihn ausdrücklich einen armen Ritter zu nennen.

Die Reihenfolge seiner Werke lässt sich aus inneren und äußeren Anhaltspunkten erschließen. Den Anfang macht der Erec, den auch Sprache und Vers als Frühwerk ausweisen. Die Deutsche Biographie datiert ihn auf etwa 1185. Hartmann erwähnt dort das seldschukische Sultanat Ikonium in einer Weise, die nur in den Jahren freundschaftlicher Beziehungen zwischen Kaiser Friedrich I. und dem Sultan von Ikonium möglich war, also vor 1190. Aus derselben frühen Phase stammt eine kleine Minneklage, das Büchlein, in dem Hartmann sich selbst als „jungelinc" einführt. Die Verslegende Gregorius gehört in die Jahre nach 1190. Iwein und Der arme Heinrich werden in die Zeit kurz vor und nach 1200 gesetzt. Wolfram von Eschenbach kennt den Iwein bereits, als er an seinem Parzival arbeitet. Der Arme Heinrich wirkt sprachlich zum Teil noch fortgeschrittener. Insgesamt erstreckt sich Hartmanns Schaffen laut der NDB über etwa zwanzig Jahre, von der Mitte der 1180er bis in den Anfang des 13. Jahrhunderts.

Umstritten ist, an welchem Kreuzzug Hartmann teilgenommen hat. In einem seiner Lieder verbindet er den Entschluss zum Kreuzzug mit dem Tod seines Dienstherrn. Ein nur in der Manessischen Handschrift überlieferter Abschiedsgruß nimmt Bezug auf Saladin. Dessen Tod im März 1193 stützt die Annahme, Hartmann sei am Kreuzzug von 1197/98 beteiligt gewesen. Sprache und Sinn des Textes lassen jedoch ebenso eine Lesart zu, die auf den noch lebenden Saladin und damit auf den Kreuzzug von 1189/91 verweist. Eine Entscheidung ist nicht zu treffen. Die Frage bleibt für die Zeitabfolge der Lieder unsicher.


Literarische Merkmale

Schon die Zeitgenossen rühmten an Hartmann zwei Eigenschaften: die Klarheit seiner Sprache und sein gattungsbegründendes Können. Gottfried von Straßburg lobt in seinem Tristan die „kristallînen wortelîn" Hartmanns, also seine durchsichtigen, klaren Wörter. Er gibt ihm in einem ausführlichen Literaturexkurs den ersten Rang unter den lebenden Epikern.

Hartmann nennt sich in zwei seiner Werke einen „gelehrten" Ritter, und seine Texte bestätigen das. Er kannte das Lateinische ebenso wie das Französische, das damals die Sprache der höfischen Dichtung Frankreichs war. Aus dem Französischen schöpft er die Stoffe seiner beiden Artusromane Erec und Iwein. Diese hat er nach Vorlagen Chrétiens de Troyes für das deutsche Publikum bearbeitet. Daneben pflegt er einfachere, geistlich grundierte Erzählformen: die Verslegende Gregorius oder Der gute Sünder und die novellistische Beispielerzählung Der arme Heinrich. Auch das allegorische Streitgespräch, das Klagebüchlein, und der höfische Minne- und Kreuzzugssang gehören zu seinem Werk. Die Spannweite ist groß: höfischer Roman, religiöse Legende, lehrhafte Allegorie, kurzes Lied.

Stilistisch lässt sich ein Weg erkennen. Der frühe Erec und das Büchlein stehen einander in Wortwahl und Versbau nahe. Der Gregorius zeigt Hartmann auf einer späteren Stufe, hält aber an Sprache und Versgang des Erec noch fest. Iwein und Arme Heinrich gehören schließlich zusammen. Der Arme Heinrich weist im Reim und im Wortgebrauch sogar gelegentlich über den Iwein hinaus. Insgesamt entwickelt sich Hartmanns Vers in Richtung einer immer durchsichtigeren, knapperen Sprache – jener „kristallenen Wörter", die Gottfried meinte.


Rezeption

Hartmann galt schon seinen Zeitgenossen als führender Dichter. Gottfried von Straßburg stellt ihn im Tristan um 1210 an die Spitze der lebenden Epiker. Wolfram von Eschenbach spielt in seinem Parzival mehrfach auf Erec und Iwein an, in einem eher scherzhaft-spöttischen, manchmal kritischen Ton. Heinrich von dem Türlin widmet ihm in der Krone nach 1220 eine bewegte Totenklage und rühmt ihn auch als Lyriker. In den Dichterkatalogen der folgenden Jahrzehnte wird Hartmann immer wieder als stilbildender Maßstab genannt: bei Rudolf von Ems, im Meleranz des Pleiers, in Konrads von Stoffeln Gauriel, im Jüngeren Titurel und in der Steirischen Reimchronik.

Sehr unterschiedlich ist das Schicksal seiner Werke in der handschriftlichen Überlieferung. Der Iwein gehört zu den am stärksten überlieferten Romanen seiner Zeit. Erhalten sind 15 vollständige Handschriften und 17 Fragmente vom Anfang des 13. bis ins 16. Jahrhundert, mehr als von Gottfrieds Tristan. Vom Erec dagegen sind nur eine annähernd vollständige Handschrift aus dem 16. Jahrhundert, das Ambraser Heldenbuch, und drei Fragmente bekannt. Das ist ein rätselhafter Befund, der zur tatsächlichen Wirkung des Stoffes nicht passt. Gregorius und Der arme Heinrich liegen mit sechs beziehungsweise drei vollständigen Handschriften und mehreren Fragmenten in mittlerer Dichte vor. Beide Erzählungen wurden mehrfach ins Lateinische übersetzt und anonymisiert in weit verbreitete Sammlungen aufgenommen, etwa in die europaweit gelesenen Gesta Romanorum und in die deutsche Legendensammlung Der Heiligen Leben. Die Lieder Hartmanns sind vor allem im Codex Manesse, in der Weingartner und in der Kleinen Heidelberger Liederhandschrift überliefert.

Auch in der Bildkunst hinterließ vor allem der Iwein deutliche Spuren. Die ältesten und künstlerisch anspruchsvollsten Darstellungen sind die Wandmalereien auf der Burg Rodenegg bei Brixen in Südtirol, ein elfteiliger Zyklus aus dem frühen 13. Jahrhundert. Im Hessenhof in Schmalkalden sind 23 von ursprünglich 26 Szenen erhalten. Um 1400 erscheinen Iwein, Parzival und Gawein als Trias vorbildlicher Ritter auf den Wandbildern der Burg Runkelstein. Auf dem Maltererteppich aus Freiburg um 1320/1330 bildet das Paar Iwein und Laudine eines der exemplarischen Liebespaare.

Mit dem Bruch der Reformationszeit verschwindet die höfische Erzähltradition aus dem Gedächtnis. Iwein und Erec wurden, anders als manche Stoffe geringeren Anspruchs, nicht in gedruckte Volksbücher überführt. Erst 1780 setzt mit Johann Jakob Bodmers Fabel von Laudine die neuzeitliche Hartmann-Rezeption ein. Sein Schüler Christoph Heinrich Myller veröffentlichte 1784 die erste Textausgabe des Armen Heinrich und des Iwein. 1786 folgte Karl Michaeler mit einer zweisprachigen Iwein-Ausgabe. 1789 erschien Gerhard Anton von Halems Rokoko-Bearbeitung Ritter Twein.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis

Im Lexikon

Weitere Werke

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten