1890 – 1940
Walter Hasenclever
Kurzporträt↑
Zu den frühen Wortführern des literarischen Expressionismus zählt Walter Hasenclever, geboren 1890 in Aachen. Mit dem Drama Der Sohn, 1913 geschrieben und 1914 erschienen, schuf er ein Stück, das zum Manifest der jungen Generation wurde und dem Protest gegen die Autorität der Väter radikalen Ausdruck verlieh. Aus dem kriegsbegeisterten jungen Mann wurde bald ein entschiedener Kriegsgegner; 1917 erhielt er für seine Bearbeitung des Antigone-Stoffes den Kleist-Preis. In späteren Jahren wandte er sich der leichteren Komödie zu und feierte damit große Bühnenerfolge. Als Jude von den Nationalsozialisten ausgebürgert und ins Exil getrieben, nahm er sich 1940 im südfranzösischen Internierungslager Les Milles das Leben.
Biografie↑
Am 8. Juli 1890 kam Walter Hasenclever in Aachen als erster Sohn des Mediziners und Sanitätsrats Carl Hasenclever und dessen Frau Anni, geborene Reiss, zur Welt. Die Familie wohnte in unmittelbarer Nachbarschaft der Spinnerei Startz. Der Großvater väterlicherseits war Landrat, der Großvater mütterlicherseits der Kommerzienrat und Tuchfabrikant Alfred Reiss, der aus einer jüdischen Familie in Frankfurt am Main stammte. Walter hatte zwei jüngere Geschwister, Paul und Marita. Laut der Neuen Deutschen Biographie waren seine Jugendjahre durch die tyrannische Strenge des Vaters schwer belastet.
Er besuchte das Aachener Kaiser-Wilhelm-Gymnasium, wo Karl Otten, Ludwig Strauß und Philipp Keller zu seinen Mitschülern und Freunden gehörten. Nach dem Abitur 1908 begann er ein Jurastudium in Oxford. Dort lernte er die Schauspielerin Greta Schröder kennen, mit der ihn eine langjährige Freundschaft verband. Schon nach einem Semester wechselte er nach Lausanne, nach einem weiteren nach Leipzig. Während seiner Leipziger Jahre von 1909 bis 1914 galt sein Interesse fast ausschließlich der Literatur, Philosophie und Geschichte. Bereits in England hatte er sein erstes, ganz im Banne Ibsens stehendes Stück Nirwana geschrieben, das 1909 erschien. 1910 folgte der erste Gedichtband Städte, Nächte und Menschen.
Die Leipziger Jahre wurden zum entscheidenden Erlebnis. Hasenclever kam mit Kurt Pinthus, Ernst Rowohlt, Kurt Wolff und bald auch mit Franz Werfel in enge Freundschaft. Es bildete sich ein literarischer Kreis, der zu einer wichtigen Keimzelle der expressionistischen Bewegung wurde. Mit dem Gedichtband Der Jüngling von 1913 und vor allem mit dem Drama Der Sohn gewann der neue Geist programmatischen Ausdruck. Dieses Stück, 1913 geschrieben, 1914 erschienen und am 30. September 1916 in Prag uraufgeführt, gilt als das erste expressionistische Drama, das sich mit Erfolg durchsetzte.
Bei Kriegsausbruch hatte sich Hasenclever freiwillig gemeldet, war aber bald zum entschiedenen Kriegsgegner geworden. 1915 wurde er eingezogen und kam nach Belgien und an die Ostfront. 1916/17 hielt er sich in einem Dresdner Nervensanatorium auf – die NDB spricht davon, dass er ein psychisches Leiden simulierte, während Wikipedia von tatsächlicher psychischer Belastung berichtet. In derselben Anstalt im Dresdner Villenviertel Weißer Hirsch waren zeitgleich auch Oskar Kokoschka und Iwar von Lücken. 1917 wurde er aus dem Heeresdienst entlassen. Im selben Jahr erhielt er den Kleist-Preis für seine Bearbeitung des Antigone-Stoffes von Sophokles, in der er sich deutlich gegen Krieg und Despotie wandte.
In der Flugschrift Der politische Dichter von 1919 rief er die Dichter zu politischer Aktion auf, kehrte der politischen Dichtung aber bald wieder den Rücken. Kriegsende und Revolution wirkten ernüchternd. Er wandte sich mystischen und okkultistischen Studien zu und beschäftigte sich lange mit dem schwedischen Mystiker Emanuel Swedenborg, von dessen Werk er 1925 unter dem Titel Himmel, Hölle, Geisterwelt eine gekürzte Übersetzung veröffentlichte. Zuvor war er nach Frankreich übergesiedelt. Von Oktober 1924 bis 1928 arbeitete er als Pariser Korrespondent des Berliner 8-Uhr-Abendblattes, schrieb zahlreiche Feuilletons und Essays und gewann die Freundschaft von Kurt Tucholsky und Giraudoux.
Unter dem Einfluss des französischen Theaters begann er, Komödien zu schreiben. Mit der Satire Ein besserer Herr von 1926 hatte er großen Erfolg; 1928 folgte das Lustspiel Ehen werden im Himmel geschlossen, das ihm einen Gotteslästerungsprozess eintrug, aber ebenfalls sehr erfolgreich war. Gemeinsam mit Kurt Tucholsky verfasste er die Komödie Christoph Kolumbus oder die Entdeckung Amerikas, deren Uraufführung 1932 am Leipziger Schauspielhaus wegen der darin enthaltenen politischen Spitzen zu Tumulten und einem anschließenden Aufführungsverbot führte. Insgesamt schrieb er 18 abendfüllende Stücke. Von 1929 bis 1932 wohnte er wieder in Berlin und reiste durch Europa und Nordafrika. 1930 arbeitete er als Drehbuchautor für die Filmgesellschaft Metro-Goldwyn-Mayer und erstellte die deutsche Fassung des Films Anna Christie mit Greta Garbo, der er 1931 auch ein Feuilleton widmete.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden seine Werke verboten und verbrannt. Hasenclever ging ins Exil nach Nizza, wo er 1934 Edith Schäfer kennenlernte, die seine Lebensgefährtin wurde. Im selben Jahr vollendete er sein Schauspiel Münchhausen, das die NDB als seine reifste Dichtung bezeichnet. Weitere Stationen des unruhigen Emigrantendaseins waren Jugoslawien, England, Italien und wieder Südfrankreich. Zuletzt wohnte er in Cagnes-sur-Mer, wo er den autobiografischen Roman Irrtum und Leidenschaft abschloss. Seine Komödie Konflikt in Assyrien wurde 1938 in London geschrieben und dort im März 1939 durch John Gielgud uraufgeführt.
Am 27. September 1938 gab das Reichsministerium die Ausbürgerung des „Juden Walter Hasenclever“ bekannt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er in Frankreich zweimal als „feindlicher Ausländer“ interniert, unter anderem im Fort Carré bei Antibes; dank der Fürsprache Giraudoux' kam er wieder frei. Diese Erfahrungen schilderte er in dem autobiografischen Roman Die Rechtlosen, seinem letzten Werk. Im Mai 1940 wurde er im Internierungslager Les Milles bei Aix-en-Provence inhaftiert. In der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1940 nahm er sich dort mit einer Überdosis Veronal das Leben, um nicht den heranrückenden deutschen Truppen in die Hände zu fallen. Sein Grab befindet sich auf dem Cimetière Saint-Pierre in Aix-en-Provence. Sein Nachlass liegt heute im Deutschen Literaturarchiv Marbach.
Literarische Merkmale↑
Hasenclevers frühes Schaffen steht ganz im Zeichen des Expressionismus. Sein Drama Der Sohn spiegelte persönliches Erleben wider und verlieh dem Protest gegen die Generation der Väter und deren Autorität radikalen Ausdruck. Es wurde gleichsam zum Manifest der jungen Generation und erzielte, wie die NDB festhält, stärkste Wirkungen. Sein erstes Stück Nirwana stand dagegen noch ganz im Banne Ibsens.
Sein Werk umfasst mehrere Gattungen. Neben Dramen wie Der Retter, Die Menschen oder Gobseck schrieb er Gedichtbände wie Tod und Auferstehung und Gedichte an Frauen sowie Filmtexte. In der Antigone-Tragödie und in der Flugschrift Der politische Dichter wandte er sich mit Deutlichkeit gegen Krieg und Despotie und lieferte der politischen Dichtung ihre Schlagworte.
Unter dem Einfluss des französischen Theaters vollzog er später einen deutlichen Wandel hin zur Komödie. Ein besserer Herr beschreibt die NDB als witzige, einfallsreiche und liebenswürdige Satire über einen Heiratsschwindler. Auch die Lustspiele Kulissen und Kommt ein Vogel geflogen gehören zu diesem heiteren Spätwerk. Als Pariser Korrespondent verfasste er zudem zahlreiche brillante Feuilletons und Essays über die verschiedensten Themen.
Rezeption↑
Zu einem der wichtigsten Wegbereiter des expressionistischen Dramas wurde Hasenclever durch Der Sohn. Das Stück setzte sich als erstes expressionistisches Drama mit Erfolg durch und wurde zum Manifest der jungen Generation. Der Leipziger Freundeskreis um Kurt Pinthus, Ernst Rowohlt, Kurt Wolff und Franz Werfel, dem er angehörte, gilt als eine der wichtigen Keimzellen der expressionistischen Bewegung. 1917 wurde ihm der Kleist-Preis zuerkannt.
Auch als Komödiendichter fand er großen Anklang. Ein besserer Herr gewann ungewöhnlichen Erfolg und wurde nicht nur in Berlin unzählige Male gespielt. Das Lustspiel Ehen werden im Himmel geschlossen trug ihm zwar einen Gotteslästerungsprozess ein, hatte aber ebenfalls großen Erfolg; in Wien entwickelte sich um das Stück eine Kontroverse. Sein Bild ist durch bildende Künstler überliefert: Ludwig Meidner schuf 1916 eine Federzeichnung, Oskar Kokoschka 1918 eine Lithografie und stellte ihn zudem auf dem Gemälde „Die Freunde“ dar.
Die nationalsozialistische Herrschaft löschte sein Werk in Deutschland aus: Seine Bücher wurden verboten, verbrannt und aus den Bibliotheken entfernt, er selbst 1938 ausgebürgert. Sein Andenken wird heute unter anderem durch eine Gedenktafel an der Barockfabrik in Aachen bewahrt. Sein Nachlass liegt im Deutschen Literaturarchiv Marbach; das Manuskript zu Die Menschen ist im Literaturmuseum der Moderne in Marbach in der Dauerausstellung zu sehen. 1963 gab Kurt Pinthus eine Ausgabe seiner Gedichte, Dramen und Prosa heraus.
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