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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Wilhelm Hauff
Wilhelm Hauff
1802 – 1827
– Autorenporträt –

Wilhelm Hauff

1802 – 1827 · 24 Jahre

Schwäbischer Erzähler der Romantik, der in nur zwei Jahren Schaffenszeit unsterbliche Märchen wie „Der kleine Muck" und „Das kalte Herz" hinterließ und mit „Lichtenstein" den historischen Roman in Deutschland begründete.

Kurzporträt

Wilhelm Hauff war ein deutscher Schriftsteller der Romantik. Trotz seines kurzen Lebens von nur fünfundzwanzig Jahren gehört er zu den meistgelesenen Erzählern des 19. Jahrhunderts. Er zählte zum Kreis der Schwäbischen Dichterschule. In nur gut zwei Jahren schuf er ein erstaunlich umfangreiches Werk: drei Romane, mehrere Novellen, Gedichte und vor allem die drei Märchenalmanache, denen er seinen Nachruhm verdankt. Geschichten wie Das kalte Herz, Die Geschichte von dem kleinen Muck, Kalif Storch oder Zwerg Nase gehören bis heute zum festen Bestand der deutschen Kinder- und Hausliteratur. Daneben begründete er mit dem Historienroman Lichtenstein maßgeblich den historischen Roman in Deutschland nach dem Vorbild Walter Scotts.


Biografie

Wilhelm Hauff wurde am 29. November 1802 in Stuttgart geboren. Er entstammte einer evangelischen Familie. Sein Bruder Hermann Hauff ist ebenfalls in der Deutschen Biographie verzeichnet. Seine Schulzeit verbrachte er in Tübingen. Im Herbst 1817 wechselte er an die Klosterschule Blaubeuren. Sie war eines der niederen theologischen Seminare des Königreichs Württemberg und gewährte eine kostenlose Ausbildung.

Von 1820 bis 1824 studierte Hauff Theologie in Tübingen. 1825 wurde er zum Doktor der Philosophie promoviert. Laut der Deutschen Biographie nahm er mit unbeschwerter Begeisterung am studentischen Leben teil. Er gehörte zu den sogenannten „Feuerreitern", einer burschenschaftlichen Verbindung. In dieser Zeit entstanden erste Gedichte: patriotische Hymnen zu den von der Studentenschaft gefeierten Waterloo-Festen, daneben Scherzverse und Satiren. Es zog ihn nicht ins Pfarramt, und er war sich seines schriftstellerischen Talents früh bewusst. Deshalb übernahm er nach dem Studium eine Hauslehrerstelle, die ihm Zeit zum Schreiben ließ.

Vom Herbst 1824 bis zum Frühjahr 1826 lebte er im Hause des Kriegsratspräsidenten von Hügel in Stuttgart. Mit dieser Familie verbrachte er den Sommer 1825 auf Schloss Guttenberg am Neckar. Dieses Schloss sollte später zum Schauplatz seiner Novelle Das Bild des Kaisers werden. Der Hofmeisterzeit folgte die übliche Bildungsreise. Sechs Wochen hielt sich Hauff in Paris auf. Dann fuhr er über Brüssel, Antwerpen und Gent nach Kassel, wo er Wilhelm Grimm besuchte. Er reiste weiter über Göttingen, Bremen und Hamburg nach Berlin. Dank seiner liebenswürdigen, geselligen Natur knüpfte er rasch Kontakte zu führenden literarischen Kreisen. Über Dresden und Leipzig kehrte er im November 1826 nach Stuttgart zurück.

Anfang 1827 übernahm Hauff die Leitung der Redaktion des im Cotta-Verlag erscheinenden „Morgenblattes". Diese feste Anstellung ermöglichte ihm nach langer Verlobungszeit die Eheschließung. Am 13. Februar 1827 heiratete er in Nördlingen seine Cousine Luise (1806–1867), Tochter des Oberamtmanns Heinrich Ludwig Hauff in Weiltingen. Aus der Ehe ging eine Tochter hervor. Doch nur neun Monate später, wenige Tage nach der Geburt des einzigen Kindes, starb der kaum Fünfundzwanzigjährige am 18. November 1827 in Stuttgart an einer Gehirngrippe – auf der Höhe seines früh errungenen Ruhms. Begraben wurde er auf dem Stuttgarter Hoppenlaufriedhof.


Literarische Merkmale

Hauff steht laut der Deutschen Biographie zwischen Romantik und Frührealismus. Er ist aber auch von literarischen Strömungen vorromantischer Zeit geprägt. Er sei „kein eigentlich originaler Geist" gewesen, schreibt Bernhard Zeller in der NDB. Leicht ließen sich die Einflüsse von E. T. A. Hoffmann und Fouqué, von Walter Scott und Jean Paul nachweisen. Dennoch lässt er sich keiner bestimmten Schule eindeutig zuordnen. Phantasie und Intellekt, früh gewonnene Routine und eine gemütvolle, lebhafte Einbildungskraft verbinden sich in seinem Werk auf eigentümliche Weise.

Schon während des Studiums erfasste ihn ein geradezu fieberhafter Drang zu schreiben. Er produzierte ohne Mühe mit fast unbegreiflicher Schnelligkeit. Seine leichte, gewandte Feder kam nicht mehr zur Ruhe, als hätte er den frühen Tod geahnt. Bis auf wenige Gedichte besteht sein Werk fast vollständig aus erzählender Prosa. Zu diesen Gedichten gehören die fast zu Volksliedern gewordenen Stücke Reiters Morgengesang und Soldatenliebe. Er besaß ein ursprüngliches Erzählertalent, einen Spürsinn für das Aktuelle und eine frappierende Gewandtheit, sich in fremde Tonlagen einzufühlen und sie nachzuahmen. Vieles steht dem Feuilleton nahe. Er war, so die NDB, „mehr Literat als Poet". Und doch erhob er sich mit einigen Dichtungen weit über die Belletristik seiner Zeit.

Am gelungensten gelingt ihm echte Dichtung dort, wo sich die realistisch gezeichnete Welt der Tatsachen mit den Geheimnissen und Wundern der Phantasie innig durchdringen. Am schönsten geschieht das in den Phantasien im Bremer Ratskeller und in einigen Märchen. Die Märchen sind kunstvoll in Rahmenerzählungen eingebettet. Sie greifen ältere Traditionen auf, vor allem solche aus vorromantischer Zeit, und formen die Vorlagen frei zu Kunstwerken eigener Prägung um.


Rezeption

In nur gut zwei Jahren erschien Hauffs gesamtes Werk: drei umfangreiche Romane, sieben größere Novellen, drei Märchenalmanache mit über einem Dutzend Märchen und Erzählungen sowie eine Vielzahl von Gedichten, Skizzen, Aufsätzen und Rezensionen. Erstes Aufsehen erregte er mit den Mitteilungen aus den Memoiren des Satans (erster Teil im Sommer 1825). Es folgte der Roman Der Mann im Mond oder der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme (1826). Hauff veröffentlichte ihn unter dem Pseudonym Clauren, dem Decknamen des damals viel gelesenen K. Heun. Das Buch führte zum berüchtigten Claurenprozess, einem literarischen Skandal. Ob Hauff Claurens Gesellschaftsromane bewusst nachahmte oder sie, wie er später in seiner Kontroverspredigt betonte, durch Übertreibung parodierte, ist laut der Deutschen Biographie bis heute nicht völlig geklärt.

Bewusster Nachahmung entsprang auch sein berühmtester Roman Lichtenstein (drei Bände, 1826). Mit ihm wollte er, wie die NDB notiert, ein deutscher Walter Scott werden. Der Roman hatte größten Erfolg und machte Hauff zu einem Begründer des historischen Romans in Deutschland. Starke Begabung verraten auch seine Erzählungen über historische und zeitgeschichtliche Stoffe, vor allem Jud Süß, Die Bettlerin vom Pont des Arts und Das Bild des Kaisers.

Am dauerhaftesten aber verbindet sich Hauffs Name mit den Märchen. Sie erschienen in drei Almanachen für die Jahre 1826, 1827 und 1828. Sie wurden in viele Sprachen übersetzt. Figuren wie Kalif Storch, Zwerg Nase, Der kleine Muck und Das kalte Herz sind so zu Märchengestalten der Weltliteratur geworden. Schon 1830 gab Gustav Schwab eine 36-bändige Werkausgabe heraus. Ihr folgten bis ins 20. Jahrhundert zahlreiche weitere Gesamtausgaben. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Hauff reicht von der Allgemeinen Deutschen Biographie (1880) über die Neue Deutsche Biographie (1969) bis zu jüngeren Monographien und Sammelbänden. Dazu zählen etwa Stefan Neuhaus' Das Spiel mit dem Leser. Wilhelm Hauff. Werk und Wirkung (2002) und der von Ernst Osterkamp, Andrea Polaschegg und Erhard Schütz herausgegebene Band Wilhelm Hauff oder Die Virtuosität der Einbildungskraft (2005).

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