1862 – 1946
Gerhart Hauptmann
Kurzbiografie↑
Gerhart Hauptmann gilt als der bedeutendste deutsche Vertreter des Naturalismus. Wie kein zweiter Dramatiker prägte er das deutsche Theater um die Jahrhundertwende. 1862 in Schlesien geboren, erlangte er 1889 mit dem Skandalerfolg Vor Sonnenaufgang über Nacht Berühmtheit. Mit den Webern von 1892 festigte er seinen Weltruhm. 1912 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Im Ausland galt er lange als der Repräsentant der deutschen Literatur schlechthin. Sein Verhalten im Nationalsozialismus, dem er sich nicht entzog, hat seinem Nachruhm geschadet. Er starb 1946 in seinem Haus "Wiesenstein" im Riesengebirge, kurz bevor er aus dem inzwischen polnisch verwalteten Schlesien hätte ausgewiesen werden sollen.
Biografie↑
Gerhart Johann Robert Hauptmann wurde am 15. November 1862 als jüngstes von vier Geschwistern geboren. Beim Geburtsort gehen die Quellen auseinander. Die Deutsche Biographie nennt Bad Salzbrunn, Wikidata den heute polnischen Ort Szczawno-Zdrój, die Wikipedia spricht von Ober Salzbrunn. Gemeint ist jeweils derselbe schlesische Kurort, dessen Name sich im Lauf der Zeit gewandelt hat. Die Eltern Robert und Marie Hauptmann betrieben am Ort das Hotel "Zur Preußischen Krone". Laut der Deutschen Biographie stammte der Vater aus einer schlesischen Weberfamilie aus Warmbrunn. Dieser Hintergrund sollte später in das berühmteste Werk des Sohnes einfließen.
Ab 1868 besuchte Gerhart die Salzbrunner Dorfschule, ab April 1874 die Realschule in Breslau. Deren Eignungsprüfung hatte er nur knapp bestanden. Die Großstadt setzte ihm zu, ebenso der autoritäre Schulalltag, die Härte der Lehrer und die Bevorzugung adliger Mitschüler. Häufige Krankheiten zwangen ihn, das erste Jahr zu wiederholen. 1878 verließ er die Schule vorzeitig als Unterquartaner und ging als landwirtschaftlicher Eleve auf die Güter seines Onkels in Lohnig und Lederose. Nach anderthalb Jahren brach er auch diese Lehre ab. Er war der Arbeit körperlich nicht gewachsen und hatte sich ein Lungenleiden zugezogen, das ihn über zwanzig Jahre lang immer wieder in Lebensgefahr brachte.
Im Oktober 1880 trat Hauptmann in die Bildhauerklasse der Königlichen Kunst- und Gewerbeschule in Breslau ein, die er 1882 verließ. Bei der Hochzeit seines Bruders Georg mit Adele Thienemann lernte er deren Schwester Marie kennen und verlobte sich heimlich mit ihr. Mit ihrer finanziellen Unterstützung konnte er 1882/83 ein Studium der Philosophie und Literaturgeschichte in Jena beginnen, das er rasch abbrach. Er hörte dort unter anderem bei Ernst Haeckel und Rudolf Eucken. Eine von Marie finanzierte Mittelmeerreise führte ihn 1883 nach Rom, wo er sich als freier Bildhauer niederlassen wollte. Das Vorhaben scheiterte, eine überlebensgroße Tonplastik eines germanischen Kriegers fiel in sich zusammen. Anschließend begann er ein Zeichenstudium an der Akademie Dresden und ein Geschichtsstudium an der Universität Berlin, beides ohne Abschluss.
Am 5. Mai 1885 heiratete Hauptmann Marie Thienemann in Dresden. Das Paar zog für vier Jahre in die Villa Lassen in Erkner bei Berlin, weil das Stadtleben Hauptmanns Lunge zusetzte. Dort kamen die Söhne Ivo, Eckart und Klaus zur Welt. 1889 zog die Familie nach Charlottenburg, wo Hauptmann Anschluss an den naturalistischen Verein "Durch" fand. Diesem gehörten unter anderem Karl Bleibtreu und Wilhelm Bölsche an. Ein Aufenthalt in Zürich 1888 brachte ihn in Kontakt mit dem Psychiater Auguste Forel und dem Naturprediger Johannes Guttzeit. Beide prägten seine literarische Beschäftigung mit der menschlichen Psyche und die Figur des Loth in Vor Sonnenaufgang. Die Berliner Uraufführung dieses Stücks am 20. Oktober 1889 durch die "Freie Bühne" wurde zum Skandal und bedeutete zugleich den literarischen Durchbruch.
1891 bezog Hauptmann gemeinsam mit seinem Bruder Carl ein Haus in Schreiberhau im Riesengebirge. Hier entstand zum großen Teil Die Weber, in dem er den schlesischen Weberaufstand von 1844 verarbeitete. Die preußische Zensur verbot die Inszenierung zunächst. Erst nach gerichtlicher Auseinandersetzung wurde das Aufführungsverbot am 2. Oktober 1893 aufgehoben. Theodor Fontane begrüßte das Stück lebhaft, Kaiser Wilhelm II. kündigte daraufhin seine Loge im Deutschen Theater. Es folgten in dichter Reihe Das Friedensfest (1890), Einsame Menschen (1891), Kollege Crampton (1892) und Der Biberpelz (1893).
1893 wurde die Schauspielerin Margarete Marschalk Hauptmanns Geliebte. Die Ehe mit Marie zerbrach, sie wurde im Juli 1904 geschieden. Noch im selben Jahr heiratete Hauptmann Margarete Marschalk in Agnetendorf. Aus dieser Verbindung ging der Sohn Benvenuto hervor. 1905/06 geriet auch diese Ehe durch eine Affäre mit der sechzehnjährigen Schauspielerin Ida Orloff in eine ernste Krise. Aus dieser Liaison stammte der spätere Schriftsteller Heinrich Satter. 1912 erhielt Hauptmann den Nobelpreis für Literatur, ausdrücklich für sein "fruchtbares und vielseitiges Wirken im Bereich der dramatischen Dichtung". Den Ersten Weltkrieg bejahte er anfangs. Er unterzeichnete das Manifest der 93 und verfasste patriotische Gelegenheitsverse, die er später eigenhändig durchstrich.
Nach Kriegsende solidarisierte er sich mit der Republik. 1921 wurde ihm das Amt des Reichskanzlers angeboten, 1922 als erstem der Adlerschild des Deutschen Reiches verliehen. Im Ausland galt er als der Repräsentant der deutschen Literatur. Die Sommer verbrachte er von 1926 bis 1943 in Kloster auf Hiddensee. Nach der Machtergreifung 1933 unterzeichnete er die Loyalitätserklärung der Deutschen Akademie der Dichtung. Im Sommer 1933 beantragte er die Mitgliedschaft in der NSDAP, die örtliche Parteistellen jedoch ablehnten. Sein Verhältnis zum Regime blieb ambivalent. Er kritisierte den Antisemitismus nicht öffentlich, ließ sich 1942 zum 80. Geburtstag von nationalsozialistischen Stellen feiern und nahm 1944 die Aufnahme in die "Gottbegnadeten-Liste" hin. Den Luftangriff auf Dresden am 13. Februar 1945 erlebte er in einem Sanatorium im Stadtteil Wachwitz, wo er eine schwere Lungenentzündung auskurierte.
Das Kriegsende erlebte Hauptmann in seinem Haus "Wiesenstein" in Agnetendorf, dem heutigen Jagniątków. Ein Schutzbrief des sowjetischen Kulturoffiziers Sokolow erlaubte ihm zunächst, dort zu bleiben. Am 7. April 1946 wurde er von Sokolow unterrichtet, dass die polnische Regierung nun auf seiner Ausweisung bestehe. Zur Vertreibung kam es jedoch nicht mehr. An einer Bronchitis erkrankt, starb Hauptmann am 6. Juni 1946 in seinem Haus. Seine letzten Worte sollen gelautet haben: "Bin ich noch in meinem Haus?" Erst über einen Monat später wurde der Zinksarg in einem Sonderzug nach Deutschland überführt. Nach einer Trauerfeier in Stralsund wurde Hauptmann am 28. Juli 1946 auf dem Inselfriedhof in Kloster auf Hiddensee bestattet, vor Sonnenaufgang und 52 Tage nach seinem Tod.
Literarische Merkmale↑
Das Zentrum von Hauptmanns Schaffen bildet die Dramatik. Er selbst hat das 1905 in einer Wiener Ansprache so erklärt: In seinem Inneren hätten sich stets viele Stimmen zu Wort gemeldet, und er habe keine andere Möglichkeit gesehen, Ordnung zu schaffen, als "vielstimmige Sätze: Dramen zu schreiben". Daneben sind Lyrik, Versepik, erzählende, autobiografische und essayistische Prosa in allen Lebensphasen präsent. Die Gattungsgrenzen sind oft fließend. Einige Bühnenwerke sind Versdramen, und Stoffe wie Pippa, Wann, Merlin und Galahad bearbeitete Hauptmann abwechselnd dramatisch und erzählerisch.
Geprägt wurde sein Schreiben ab 1885 im Berliner Verein "Durch", in dem über Idealismus, Realismus und die naturalistische Bewegung gestritten wurde. Hauptmann selbst hielt dort einen Vortrag über den damals weitgehend vergessenen Georg Büchner. Auf Anraten des dänischen Kritikers Georg Brandes setzte er sich ab 1889 intensiv mit Friedrich Nietzsche auseinander. Dessen Einfluss wurde vor allem in der Versunkenen Glocke sichtbar. Der Aufenthalt in Zürich und die Begegnung mit dem Psychiater Auguste Forel schärften sein Interesse für die menschliche Psyche.
Mit Vor Sonnenaufgang (1889) sorgte Hauptmann für einen der größten Theaterskandale der deutschen Geschichte, weil Sexualität und Alkoholismus offen auf die Bühne kamen. Den Höhepunkt seiner naturalistischen Phase erreichte er mit den Webern (1891/92). Diese verfasste er zunächst im schlesischen Dialekt und gab sie dann in einer hochdeutsch angenäherten Fassung heraus. Zur Recherche reiste Hauptmann durch das Riesengebirge. Unter Otto Brahm an der "Freien Bühne", am Deutschen Theater und am Lessingtheater wurden 17 seiner Stücke uraufgeführt. Durch diese Aufführungen, so der Befund der Forschung, erlangte der Naturalismus überhaupt erst seine Breitenwirkung. Selbstironisch sagte Hauptmann später, er habe für jedes der drei großen ideologischen Lager ein Stück geschrieben: "Bei den Nazis kann ich mich auf den Florian Geyer berufen, bei den Kommunisten auf Die Weber und bei den Klerikalen aufs Hannele."
Nach dem Biberpelz wandte sich Hauptmann von der naturalistischen Darstellungsweise ab und öffnete sich mythisch-religiösen und Märchenstoffen. In diese Phase fallen Hanneles Himmelfahrt, Die versunkene Glocke und Und Pippa tanzt. Peter Sprengel unterscheidet in Hauptmanns Werk nach den Webern drei Hauptlinien: einen Bruch mit dem Naturalismus zugunsten der Neuromantik, eine Verbindung von Naturalistischem und Nicht-Naturalistischem durch Kontrast und schließlich die Fortsetzung der naturalistischen Linie, etwa in Florian Geyer, Fuhrmann Henschel und Rose Bernd. Die Versunkene Glocke war zu Lebzeiten Hauptmanns das meistgespielte Stück. In Der arme Heinrich griff er auf das mittelhochdeutsche Versepos Hartmanns von Aue zurück, in Der Bogen des Odysseus auf die griechische Mythologie. Sein großes Alterswerk, die Atriden-Tetralogie (Iphigenie in Delphi, Iphigenie in Aulis, Agamemnons Tod, Elektra), erschien 1944 nach vier Jahren Arbeit. Auch als Regisseur trat Hauptmann hervor, am Deutschen Künstlertheater Berlin, am Deutschen Theater und am Staatlichen Schauspielhaus Dresden, unter anderem mit Schillers Wilhelm Tell, Kleists Zerbrochnem Krug und eigenen Bearbeitungen Shakespeares.
Rezeption↑
Hauptmanns Frühwerk wurde gegensätzlich aufgenommen. Konservative Kreise und die Staatsführung des Kaiserreichs reagierten kühl bis ablehnend. Kaiser Wilhelm II. legte 1896 sein Veto gegen die Verleihung des Schillerpreises für Hanneles Himmelfahrt ein. In progressiven, intellektuellen Kreisen dagegen galten gerade die sozialkritischen Züge als Auszeichnung. Mit der Hinwendung zu nicht-naturalistischen Stoffen fand Hauptmann zunehmend auch Anklang beim Besitz- und Bildungsbürgertum. Das brachte ihm Kritik ein. Franz Mehring schrieb anlässlich der Aufführung von Hanneles Himmelfahrt, es tue ihm leid um Hauptmann, der unter "die Räuber der bürgerlichen Kritik" gefallen sei; man habe noch nie einen "so großen Missbrauch eines so großen Talents" mit eigenen Augen gesehen. Auch Georg Lukács nannte Hauptmann später den "repräsentativen Dichter des bürgerlichen Deutschlands", nicht als Auszeichnung, sondern als Vorwurf an seinen Wankelmut.
Im Ausland blieb Hauptmann lange Inbegriff der deutschen Literatur. Die offiziellen Ehrungen häuften sich um die Jahrhundertwende: dreimal der Grillparzer-Preis, die Ehrendoktorwürden von Oxford (1905) und Leipzig (1909), 1911 der Königlich Bayerische Maximiliansorden, 1912 der Nobelpreis für Literatur. Es folgten 1922 die Ehrenbürgerschaft Breslaus und der Adlerschild des Deutschen Reiches, 1923 der Pour le mérite, 1932 die Ehrendoktorwürde der Columbia University, die Ehrenmitgliedschaft der American Academy of Arts and Letters und der Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main. Thomas Mann spöttelte 1922 über Hauptmanns aufwendigen Lebensstil und nannte ihn den "König der Republik". Charakterzüge Hauptmanns flossen in die Figur Mynheer Peeperkorns im Zauberberg ein.
Nach 1945 verblasste Hauptmanns Ruhm rasch. Sein unkritisches Verhalten gegenüber dem NS-Regime minderte sein Ansehen zusätzlich. Zwar fanden zu seinem 100. Geburtstag 1962 in zahlreichen deutschen Städten Festveranstaltungen statt, und bis in die 1970er Jahre wurden vor allem Der Biberpelz und Die Ratten an westdeutschen Bühnen regelmäßig gespielt. Doch das Bild des "Sehers vom Wiesenstein" sprach die politische Kultur der späten 1960er und frühen 1970er Jahre kaum noch an. Die kritischere Betrachtung legte schwächere Seiten seines Werks frei, die zuvor unter "unbedenklichem lautem Lob" verborgen geblieben waren. In der DDR blieb das Ansehen lebendig. Seine Sozialkritik galt dort als Teil eines fortwirkenden bürgerlichen Humanismus.
Sichtbar geblieben ist Hauptmann im öffentlichen Raum. 1964 erhielt das Theater in Görlitz und Zittau seinen Namen, 1966 wurde in Berlin-Wilmersdorf ein Denkmal enthüllt, 1987 in Erkner ein Museum eingerichtet. Weitere Gedenkstätten bestehen auf Hiddensee, in Jagniątków, Schreiberhau und im Hohenhaus in Radebeul. 1985 wurde ein Einschlagkrater auf dem Merkur nach ihm benannt, 1998 der Asteroid (8381) Hauptmann. Zum 150. Geburtstag 2012 gab die Deutsche Post eine Sonderbriefmarke heraus.
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