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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Vor Sonnenaufgang
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Cover Vor Sonnenaufgang
Vor Sonnenaufgang
1889
– Werkseintrag –

Vor Sonnenaufgang

1889 · Drama

Ein einziger Tag auf einem schlesischen Bauernhof, der das Theater in Aufruhr versetzte und einen jungen Dichter über Nacht berühmt machte.

Überblick

Das Drama Vor Sonnenaufgang von Gerhart Hauptmann stammt aus dem Jahr 1889. Es zählt zu den Sozial-Dramen und gilt als Schlüsselwerk des Naturalismus auf der deutschen Bühne. Mit ihm rückte eine bis dahin ungewohnte, schonungslose Darstellungsweise ins Rampenlicht: Statt erhabener Stoffe zeigte Hauptmann das Leben einfacher Leute mit all seinen Härten. Die erregte Aufnahme bei der ersten Aufführung machte den jungen Verfasser schlagartig bekannt.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht ein einziger Tag im Leben der Bauernfamilie Krause. Der gesamte Schauplatz beschränkt sich auf den Hof und das Zimmer der Krauses, sodass das Geschehen ganz auf engem Raum zusammengedrängt ist. In diese Welt tritt die Figur des Loth, ein gradliniger, gesund wirkender Mann, der die festgefügten Verhältnisse der Familie aufbricht.

Eine zentrale Rolle spielt die junge Helene Krause, die sich zu Loth hingezogen fühlt. Zwischen den beiden entspinnt sich eine Annäherung, während im Hintergrund das Schicksal der Familie und die Frage einer erblichen Belastung den Konflikt vorantreiben. Hauptmann verbindet so die persönliche Geschichte mit einer scharfen Schilderung sozialer Verhältnisse, deren Spannung sich von Akt zu Akt steigert.

Die Handlung im Detail

Über fünf Akte hinweg entfaltet sich das Geschehen an einem einzigen Tag im Haus der Bauernfamilie Krause. Der Ort bleibt durchweg derselbe – Hof und Zimmer der Krauses –, und die Handlung läuft geschlossen und ohne Nebenschauplätze ab.

Die Figur des Loth, ein aufrechter und gesund auftretender Mann, bringt Bewegung in das Leben der Familie. Im Lauf der Ereignisse fühlt sich die junge Helene Krause stark zu ihm hingezogen. Ihr offenes Bekenntnis der Liebe bildet im dritten Akt den Höhepunkt des Dramas. Doch über dem Geschehen liegt der Schatten einer erblichen Belastung, die das Familienleben vergiftet und jede Hoffnung der beiden bedroht.

Aus dieser Spannung zwischen aufkeimender Zuneigung und dem Druck der Verhältnisse führt kein glücklicher Weg heraus. Das Stück endet mit einem Suizid, der als Katastrophe das Drama beschließt. Der Aufbau folgt damit genau dem klassischen Muster: Steigerung bis zum Höhepunkt in der Mitte, dann der unaufhaltsame Fall zum tragischen Schluss.

Stil

Auffällig ist die Spannung zwischen einer streng klassischen Form und einem ganz und gar unklassischen Stoff. Der Aufbau orientiert sich am klassischen Vorbild: Das Drama besteht aus fünf Akten und hält die drei Einheiten von Ort, Zeit und Handlung ein. Alles spielt an einem Tag, an einem einzigen Schauplatz, in geschlossener Handlung. Auch der tektonische, sorgfältig gefügte Bau bleibt gewahrt – mit dem Liebesbekenntnis Helenes als Höhepunkt im dritten Akt und dem Suizid als Katastrophe am Ende.

Zugleich bricht Hauptmann mit einer alten Regel: Keine der Figuren ist adlig, die sogenannte Ständeklausel wird also aufgehoben. Damit rücken einfache Menschen ins Zentrum eines ernsten Dramas, was lange den hohen Ständen vorbehalten war. Bestimmend ist die naturalistische Darstellungsweise, die das Leben ungeschönt und drastisch auf die Bühne bringt – ein Stilmittel, das beim ersten Publikum für heftige Erregung sorgte.

Rezeption

Schon bei der ersten Aufführung kam es zum Eklat. Die ungewohnte naturalistische Darstellung spaltete das Theaterpublikum, das sich im Saal heftige Wortgefechte lieferte. Ein im Parterre sitzender Arzt warf aus Protest sogar seine Geburtszange auf die Bühne. Durch diesen Skandal wurde Gerhart Hauptmann mit einem Schlag bekannt.

Unter Schriftstellerkollegen fand das Stück begeisterte Fürsprecher. Arno Holz schrieb Hauptmann – auch im Namen von Johannes Schlaf –, sie hielten es „für das beste Drama, das jemals in deutscher Sprache geschrieben worden ist. Tolstoi mit eingerechnet!" Schlaf hob die Figur des Loth als „in jeder Beziehung ganzen Menschen" hervor. Karl Henckell urteilte, hier sei die „existierende Menschheit von der Höhe bis in die grauenvollste Tiefe wahr dargestellt". Karl Bleibtreu nannte das Werk 1889 „das erste wirkliche ‚soziale Drama' unserer Tage", und Wilhelm Bölsche sah in der Stimme Loths den Dichter selbst sprechen.

Besonderes Gewicht hatte das Lob Theodor Fontanes, der in Loth einen „anständigen Kerl" sah und in einer berühmt gewordenen Besprechung die „Composition", die „Consequenz in Durchführung des Gedankens" und die „Klarheit" pries. Hauptmann erschien ihm als „die Erfüllung Ibsens", als „völlig entphraster Ibsen". Nicht alle Stimmen waren freundlich: Conrad Alberti verriss das Stück als „Fricassée von Unsinn, Kinderei und Verrücktheit" und warf dem Verfasser vor, das Theater „zur Mistgrube" gemacht zu haben.

Auch über die Grenzen hinaus fand das Drama Beachtung. Henrik Ibsen, dessen Werk Hauptmann mit Begeisterung aufgenommen hatte, lobte es im Februar 1891 als „tapfer und mutig". Maxim Gorki nannte es im November 1901 das beste aller Hauptmannschen Dramen; er stellte sich ganz hinter Loth und hielt Mitleid mit der Helene Krause für unangebracht.

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