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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Die Ratten
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Die Ratten
1911
– Werkseintrag –

Die Ratten

1911 · Komödie

In einem heruntergekommenen Berliner Mietshaus kauft eine kinderlose Putzfrau einem verzweifelten Dienstmädchen das Neugeborene ab – und gerät in ein immer dichteres Netz aus Lüge, während ein Stockwerk höher ein eitler Theaterdirektor seinen Schülern den hohen Ton Schillers predigt.

Überblick

Die Berliner Tragikomödie Die Ratten von Gerhart Hauptmann wurde am 13. Januar 1911 im Lessingtheater in Berlin uraufgeführt. Das fünfaktige Drama spielt in einer ehemaligen Kaserne nahe dem Alexanderplatz. Diese war um 1880 von rund sechzig Familien bewohnt und hieß im Volksmund „Wanzenburg". Das Stück gehört zu Hauptmanns späten Werken aus der Epoche des Naturalismus. Der Literaturhistoriker Hans Mayer nannte es den vielleicht „wichtigsten Beitrag Gerhart Hauptmanns zum modernen Welttheater". Er sah darin eine Großstadtdichtung eigener Art, die das Berliner Mietshaus in die Nähe der expressionistischen Großstadtdichtung rücke.

Inhalt (ohne Spoiler)

Schauplatz ist ein Berliner Mietshaus am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Es ist heruntergekommen und voller Ratten und Ungeziefer. Hier lebt die Putzfrau Henriette John. Sie hat vor Jahren ihren wenige Tage alten Sohn verloren und wünscht sich seither nichts sehnlicher als ein zweites Kind. Das Dienstmädchen Pauline Piperkarcka erwartet in höchster Not ein uneheliches Kind. Darin sieht Frau John eine Möglichkeit, sich diesen Wunsch zu erfüllen. Aus der Abmachung der beiden Frauen entwickelt sich ein gefährliches Geflecht aus Heimlichkeiten, das immer weitere Kreise zieht.

Parallel dazu spielt im selben Haus eine zweite, satirisch zugespitzte Handlung. Der Theaterdirektor Hassenreuter hat auf dem Dachboden seinen Theaterfundus untergebracht und probt dort mit jungen Schauspielschülern. Während er das hohe Pathos Schillers predigt, gerät sein Schüler Erich Spitta in offenen Widerspruch zum Lehrer. Spitta ist der Geliebte seiner Tochter Walburga. Hauptmann verschränkt die Welt der kleinen Leute mit der Welt der Theaterprobe und führt beide auf engem Raum gegeneinander.

Die Handlung im Detail

Henriette John, Putzfrau in einer ehemaligen Berliner Kaserne, hat vor Jahren ihren erst acht Tage alten Sohn Adelbert verloren. Das Kind, in ärmliche und unhygienische Verhältnisse geboren, war an Brechdurchfall erkrankt und gestorben. Drei Jahre danach erwartet das polnische Dienstmädchen Pauline Piperkarcka ein uneheliches Kind und will sich aus Verzweiflung das Leben nehmen. Frau John hält sie davon ab und kauft ihr das Baby für einhundertdreiundzwanzig Mark ab, ihre gesamten Ersparnisse. Vor der Nachbarschaft und vor ihrem auswärts als Maurerpolier arbeitenden Mann gibt sie das Kind als ihr eigenes aus.

Pauline aber bereut den Handel bald. Sie fürchtet, die Behörden könnten den Schwindel aufdecken, und meldet das Kind auf dem Standesamt an, wobei sie Frau John nur als Pflegemutter angibt. Frau John, mit dieser Wendung konfrontiert, sieht den Verlust „ihres" Kindes auf sich zukommen und greift zu einer Verzweiflungstat: Sie versucht, Pauline ein anderes Kind unterzuschieben, den todgeweihten Säugling der Morphinistin Knobbe. Ihr roher Bruder Bruno soll Pauline einschüchtern und zum Schweigen bringen. Als das Mädchen sich gegen ihn zur Wehr setzt, erschlägt Bruno sie.

Frau John verstrickt sich immer tiefer in Lügen. Schließlich muss sie ihrem Mann die Wahrheit gestehen. Dieser fühlt sich in seiner Ehre tief gekränkt und will sie auf der Stelle verlassen, obwohl er selbst sich immer ein zweites Kind gewünscht hatte und Frau John gerade ihn nicht enttäuschen wollte. Als die Polizei erscheint, um das Kind ins Waisenhaus zu bringen, erkennt Frau John, dass alles verloren ist, und wirft sich vor einen Pferdebahnwagen. Die Stimmen ringsum fassen das Ende nüchtern zusammen: „Erst jetzt hat das Kind seine Mutter verloren", sagt Spitta; eine „von aller Welt verlassenen Waise" sei es geworden, sagt Frau Direktor Hassenreuter; der Hausmeister Quaquaro meint im Berliner Dialekt, auch dieses Kind werde zugrunde gehen wie so viele andere im selben Milieu.

Parallel dazu entfaltet sich im Dachgeschoss desselben Hauses eine satirisch zugespitzte zweite Handlung. Der selbstherrliche und scheinheilige Theaterdirektor Hassenreuter hat dort seinen Theaterfundus untergebracht, mitten in einem von Ratten und Ungeziefer heimgesuchten Speicher. Er empfängt seine Schauspielschüler, predigt ihnen das Pathos und die hohe Moral des Schillerschen Idealismus, nutzt die abgelegene Örtlichkeit zugleich aber auch für ein Verhältnis mit seiner Elevin Alice. Erich Spitta, Geliebter von Hassenreuters Tochter Walburga, ist ein schüchterner ehemaliger Theologiestudent. Er hat die Fakultät gewechselt, weil ihn der hohle Predigerton störte, und im Theater mehr Natürlichkeit und Menschlichkeit gesucht. Nun stößt ihn der „sonore Bombast" der deutschen Klassik ebenso ab. Im dritten Akt kommt es zum Streitgespräch zwischen Schüler und Lehrer: Spitta widerspricht offen, plädiert für ein neues, naturalistisches Drama und für Wahrheit auf der Bühne, während die grotesken Proben zu Schillers Die Braut von Messina auf dem Mietshausspeicher die klassizistische Theatervorstellung vollends ins Lächerliche ziehen.

Stil

Hauptmann verschränkt zwei Welten in ein und demselben Berliner Mietshaus. Unten spielt die proletarische Muttertragödie um Frau John, oben die bürgerlich-satirische Komödie um den Theaterdirektor und seine Schüler. Der eine Strang läuft tragisch zu, der andere ist komödiantisch zugespitzt. Gemeinsam ergeben sie ein vielschichtiges Zeitbild des wilhelminischen Berlin. Die existenziellen Ängste des Kleinbürgertums und der kleinen Leute stellt Hauptmann den ästhetisch verklärten Ansprüchen der Bourgeoisie gegenüber. Beide durchleuchtet er sozialkritisch.

Sprachlich folgt das Stück der naturalistischen Linie. Die Figuren sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Der Berliner Dialekt der Hausbewohner steht gegen den geschraubten Bildungston Hassenreuters. Im Streitgespräch des dritten Aktes zwischen dem jungen Spitta und seinem Lehrer wird die theoretische Position des Stücks selbst zum Bühnenvorgang: ein Plädoyer für den Realismus des neuen naturalistischen Dramas gegen den Pathos der Klassik. Die grotesken Schiller-Proben auf dem rattenverseuchten Speicher führen die alte klassizistische Theatervorstellung optisch ad absurdum.

Rezeption

Die Uraufführung am 13. Januar 1911 im Berliner Lessingtheater stellte das Stück mitten in die Theaterdebatten der Zeit. Hans Mayer hat Die Ratten später als möglicherweise wichtigsten Beitrag Hauptmanns zum modernen Welttheater bezeichnet. Er beschrieb das Werk als Großstadtdichtung eigener Art, die das Geschehen im Berliner Mietshaus deutlich in die Nähe der expressionistischen Großstadtdichtung rücke. Damit gilt das späte naturalistische Drama zugleich als ein Vorbote der Moderne. Das Stück blieb auf der Bühne präsent. Theaterproduktionen unter der Regie von Ernst Ginsberg, Leopold Lindtberg und Leonard Steckel haben es nach 1945 immer wieder aufgegriffen. Verfilmungen folgten früh: 1921 verfilmte Hanns Kobe den Stoff. Später entstand 1969 ein Fernsehfilm unter der Regie von Peter Beauvais.

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