1887
Die Puppe
Überblick↑
Der Gesellschaftsroman Die Puppe von Bolesław Prus zählt zu den bedeutendsten Werken der polnischen Literatur. Er erschien zunächst als Fortsetzungsroman zwischen 1887 und 1889 in der Warschauer Tageszeitung „Kurier Codzienny". Als Buch kam er 1890 in Warschau im Verlag Gebethner i Wolff heraus. Die Handlung spielt in den Jahren 1878 und 1879 in Warschau, mit Abstechern nach Paris und auf ein Landgut. Im Mittelpunkt steht die Liebe des wohlhabenden Kaufmanns Stanisław Wokulski zu der verarmten Adeligen Izabela Łęcka; um sie herum entwirft Prus ein weites Bild der Warschauer Gesellschaft. Ursprünglich sollte das Werk Drei Generationen heißen, weil es drei Generationen von Idealisten gegenüberstellt. Den endgültigen Titel gab dem Autor eine Zeitungsnotiz über einen Gerichtsprozess wegen des Diebstahls einer Kinderpuppe.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Warschau der ausgehenden 1870er Jahre hat sich Stanisław Wokulski aus einfachen Verhältnissen zu einem reichen Kaufmann emporgearbeitet. Er verliebt sich in Izabela Łęcka, die Tochter einer verarmten, aber vornehmen Adelsfamilie. Um ihrer würdig zu sein, will er sein Vermögen weiter vergrößern und sich Zutritt zur gehobenen Gesellschaft verschaffen, die in ihm nur einen Emporkömmling sieht. Rund um diese schwierige Werbung entfaltet Prus ein breites Panorama: den alten Handlungsgehilfen Ignacy Rzecki, der treu an den Idealen seiner Jugend festhält; den jungen Naturforscher Ochocki und die Welt der Wissenschaft; die verlassene junge Helena Stawska; dazu die Geschäfte, Wechsel und Spekulationen des Warschauer Handels. Der Schauplatz wechselt zwischen Warschau, Paris und einem Landgut. So verbindet der Roman eine unglückliche Liebe mit einem vielstimmigen Bild einer Gesellschaft im Umbruch.
Die Handlung im Detail↑
Der wohlhabende Warschauer Kaufmann Stanisław Wokulski verliebt sich in die verarmte Adelige Izabela Łęcka. Um ihrer würdig zu werden, will er reicher werden und zieht in den sogenannten Bulgarienkrieg. Dort übernimmt er die Versorgung der russischen Armee und macht ein Vermögen. Zurück in Warschau tritt er in finanzielle Beziehungen zu Izabelas Vater Tomasz, dessen Wechsel er unter anderem aufkauft. Um das Herz der Geliebten zu gewinnen, spendet er hohe Summen für eine Wohltätigkeitssammlung, die sie veranstaltet. Für Izabela ist diese Geste jedoch nur Ausdruck des ungesunden Ehrgeizes eines Neureichen. Wokulski will die Geliebte so oft wie möglich sehen und macht sich bei der Warschauer Aristokratie beliebt, indem er ihr günstige Darlehen gewährt. Er kauft außerdem eine Stute, die er bei Pferderennen antreten lässt.
Auf der Rennbahn trifft er den Baron Krzeszowski, der sich Izabela gegenüber ungehörig benimmt. Wokulski nimmt einen zufälligen Rempler zum Vorwand, fordert ihn zum Duell und verwundet ihn. Einige Wochen später lädt Tomasz Łęcki ihn zu einem Essen ein, bei dem geschäftliche Dinge besprochen werden sollen. Auch Izabela ist zugegen, bemüht sich, den Gast höflich zu behandeln, und schlägt ihm sogar eine gemeinsame Reise nach Paris vor. Sie spricht mit ihm über den italienischen Schauspieler Rossi, für den sie schwärmt, und beklagt dessen kühlen Empfang durch das Warschauer Publikum. Um Izabela eine Freude zu machen, bezahlt Wokulski heimlich das Theaterpublikum, das dem Italiener daraufhin Ovationen bereitet.
Zur selben Zeit ist Tomasz Łęcki gezwungen, sein Mietshaus zu verkaufen. Wokulski erwirbt es verdeckt über den vorgeschobenen Juden Szlangbaum und treibt den Preis in die Höhe. Seinen Freund und Handlungsgehilfen Ignacy Rzecki schickt er, um den neuen Besitz zu besichtigen. Rzecki lernt die Mieter kennen, unter ihnen die schöne junge Helena Stawska, die von ihrem Mann verlassen wurde. Er beschließt, Wokulski und Helena miteinander zu verkuppeln. Als Wokulski jedoch beobachtet, wie Izabela mit ihrem Vetter Starski flirtet, entschließt er sich zur Abreise nach Paris.
In Paris trifft Wokulski seinen Freund, den Russen Suzin, mit dem er Geschäfte macht. In seinem Hotelappartement empfängt er Besucher, unter ihnen einen Gelehrten, der an wissenschaftlichen Erfindungen arbeitet. Neben der zentralen Liebesgeschichte laufen weitere Handlungsstränge nebeneinander her: der alte Rzecki, der noch dem politischen Idealismus seiner Jugend nachhängt und in stillen Stunden im Laden die mechanischen Spielzeugpuppen aufzieht; der junge Ochocki mit seinen Zukunftsträumen und der Erfinder Geist; die Familie des Barons Krzeszowski; und immer wieder die Welt von Handel, Geld und Spekulation. So steht Wokulski zwischen der verklingenden Generation der romantischen Idealisten und den neuen, an die Wissenschaft glaubenden Menschen, während seine aussichtslose Leidenschaft ihn zugleich vorantreibt und zerreißt.
Stil↑
Als Gesellschaftsroman zeichnet Die Puppe ein breites, realistisches Bild der Warschauer Gesellschaft. Der Roman ist aus mehreren Handlungssträngen aufgebaut, die kunstvoll ineinandergeflochten sind: die Liebe Wokulskis, der Strang um Rzecki, die Geschichte des Barons Krzeszowski, das Schicksal Helena Stawskas, der wissenschaftliche Strang um Ochocki und Geist sowie die Welt von Finanzen und Handel. Dahinter steht ein Ordnungsprinzip aus drei Generationen: Rzecki verkörpert den älteren, romantisch-politischen Idealismus, Wokulski eine Übergangsgeneration und Ochocki den neuen, an die Wissenschaft glaubenden Idealismus. Weil der Roman Folge für Folge in der Zeitung erschien, entstand er während der Veröffentlichung; der Kritiker Aleksander Świętochowski warf Prus vor, die Einteilung in Bände und Kapitel solle diese Entstehung aus dem Stegreif verdecken. Das Wort „Puppe" (polnisch „lalka") durchzieht den Text als Leitmotiv und taucht darin neunundsechzigmal auf, dazu zahlreiche Sinnverwandte. Damit verbindet sich der Gedanke vom „Welttheater", in dem selbst Reiche und Mächtige nur Marionetten sind – ein Bild, das aufscheint, wenn Rzecki im Laden die mechanischen Puppen aufzieht. Der Titel klingt zudem an eine ältere Tradition an: Als „Puppen" bezeichnete man damals Menschen der vornehmen Welt, eine Bedeutung, die Józef Ignacy Kraszewski mit seinem Roman Lalki. Sceny przedślubne verbreitet hatte und die auch im Untertitel von Henrik Ibsens Nora anklingt.
Rezeption↑
Bereits als der Roman erschien, hielt der Kritiker Kazimierz Ehrenberg die Szene, in der Rzecki die mechanischen Puppen aufzieht, für einen Schlüssel des Werks, und er zählte auch Wokulski zu diesen „Puppen". Bis heute gilt Die Puppe als einer der bedeutendsten Romane der polnischen Literatur. Sein Weg zum Publikum war jedoch von der Zensur begleitet: Der Text wurde zweimal beschnitten, zuerst vor dem Abdruck in der Zeitung, dann bei der Buchausgabe. Die russische Zensur hielt den Druck einer Fortsetzung an, deren Kapitel heute „Erste Warnung" heißt, und griff im zweiten Band etwa zehnmal ein. Gestrichen wurden unter anderem ein Gespräch zwischen Suzin und Wokulski sowie Schilderungen von Wokulskis Aufenthalt in Sibirien und dem der Figuren Szuman und Szlangbaum, die nach ihrer Teilnahme am Januaraufstand dorthin verbannt worden waren. Erst die von Zygmunt Szweykowski besorgte Ausgabe von 1935 stellte den Text nach dem erhaltenen Manuskript ohne diese Eingriffe wieder her; sie wurde zur Grundlage vieler späterer Auflagen. Schon früh fand der Roman weite Verbreitung: 1897 erschien die erste Neuauflage, 1903 eine tschechische Übersetzung von František Vondráček mit einem Vorwort von Piotr Chmielowski, 1905 die dritte Ausgabe. Später deutete die Schriftstellerin Olga Tokarczuk den Titel als Sinnbild für Traum und Täuschung, wobei Izabela Puppe und Trugbild zugleich sei. Der Stoff wirkte auch über die Literatur hinaus: 1968 entstand eine Verfilmung unter der Regie von Wojciech Has, später eine Fernsehserie von Paweł Maślona.
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