1847 – 1912
Bolesław Prus
Kurzporträt↑
Bolesław Prus wurde 1847 als Aleksander Głowacki geboren. Er zählt zu den wichtigsten Vertretern der polnischen Literatur und gilt als bedeutender Repräsentant des polnischen kritischen Realismus. Mit fünfundzwanzig Jahren begann er seine journalistische Laufbahn, die vier Jahrzehnte währen sollte. Zwischen 1886 und 1895 veröffentlichte er vier große Romane. Sie spiegeln die sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit. Sein Pseudonym „Prus" geht auf sein Familienwappen zurück und bedeutet zu Deutsch so viel wie Pruzze.
Biografie↑
Geboren wurde der Schriftsteller am 20. August 1847 in Hrubieszów bei Lublin als Aleksander Głowacki. Er stammte aus einer verarmten adligen Familie. Früh verlor er seine Eltern und wuchs bei entfernten Verwandten in Puławy und Lublin auf. Als Schüler nahm er am Januaraufstand teil. Am 1. September 1863, zwölf Tage nach seinem sechzehnten Geburtstag, geriet er während schwerer Gefechte verwundet in russische Gefangenschaft. Wegen seiner Jugend wurde er wieder entlassen.
Im Jahr 1866 beendete er in Lublin das Lyzeum und schrieb sich an der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Warschau ein. Sein Studium brach er wegen finanzieller Schwierigkeiten und vor allem wegen Differenzen mit dem Lehrkörper ab. 1869 schrieb er sich am neu gegründeten Institut für Land- und Forstwirtschaft in Puławy ein, wo er einen Teil seiner Kindheit verbracht hatte. Auch dort hatte er Schwierigkeiten mit einem russischen Professor. Fortan bildete er sich selbst weiter und verdiente seinen Lebensunterhalt als Fabrikarbeiter, Hauslehrer und Fotograf.
Ab 1872 arbeitete er als Journalist. Vor allem schrieb er wöchentliche Feuilletons und Reportagen aus der Hauptstadt für die Zeitungen Niwa, Kurier Warszawski und Nowiny. Das verbesserte seine finanzielle Lage. 1874 begann er, Erzählungen zu schreiben, denen in rascher Folge wichtige Novellen folgten. Prus bekannte sich zu den Ideen der positivistischen Philosophie Auguste Comtes. Er erkannte die Bedeutung von Journalismus und Literatur für die Stärkung des Nationalbewusstseins. Unter dem Künstlernamen „Prus" begann er zu schreiben. 1882 wurde er Redakteur von Nowiny. Dort bot sich ihm die Möglichkeit, die Entwicklung seines Landes zu fördern, das in den Jahren 1772 bis 1795 seine politische Selbstständigkeit verloren hatte. Nach weniger als einem Jahr nahm er seine Arbeit beim Warschauer Kurier wieder auf.
In dieser Zeit begann er an seinen großen Romanen zu arbeiten. 1886 erschien Der Vorposten über das Leben der polnischen Bauern. Von 1887 bis 1889 erschien in Fortsetzungen Die Puppe, die Geschichte der unglücklichen Liebe zwischen einer Adligen und einem Mann, der ihretwegen seine Ideale verrät. 1890 kam der Roman als Buch heraus. Die Emanzipierten erschien 1893. 1895 folgte sein einziger historischer Roman, Der Pharao. Prus siedelt die Handlung im Alten Ägypten vor 3000 Jahren an. Dennoch setzt er sich darin mit dem Verlust der Unabhängigkeit Polens auseinander. Von 1897 bis 1899 erschien im Warschauer Kurier in Fortsetzungen die Monografie Die allgemeinen Lebensideale. Darin beschäftigt sich Prus mit der Beziehung zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft.
Sein Privatleben blieb von Schicksalsschlägen überschattet. Prus heiratete eine Cousine. Aus der Verbindung gingen keine Kinder hervor. Ein Pflegesohn nahm sich 1904 im Alter von achtzehn Jahren aus unglücklicher Liebe das Leben. Vermutlich hatte Prus noch einen Sohn, der 1906 geboren wurde. Dieser starb nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes von 1944 in einem deutschen Konzentrationslager. Die Unabhängigkeit Polens, die der Erste Weltkrieg brachte, erlebte Prus nicht mehr. Er starb am 19. Mai 1912 in seiner Warschauer Wohnung nach vierzig Jahren journalistischer und schriftstellerischer Arbeit. Die ganze Nation betrauerte ihn, der er als Soldat, Philosoph und Schriftsteller gedient hatte. Ein halbes Jahrhundert später, am 3. Dezember 1961, wurde im Małachowski-Palast in Nałęczów ein Museum zu seinen Ehren eröffnet. Dort hatte Prus von 1882 an mit seiner Familie die Sommer verbracht.
Literarische Merkmale↑
Prägend für sein Werk waren die eigenen Erfahrungen als Aufständischer und Gefangener. Prus gilt als bedeutender Vertreter des polnischen kritischen Realismus. Seine Romane greifen die sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit auf und spiegeln sie wider. Geschult an der positivistischen Philosophie Auguste Comtes, verband er literarisches Schreiben mit einem aufklärerischen Anliegen. In Literatur wie Journalismus sah er ein Mittel, das Nationalbewusstsein zu stärken. Auch wo er die Handlung in ferne Zeiten verlegte, wie im Alten Ägypten seines historischen Romans Der Pharao, verhandelte er die Lage des eigenen Landes.
Rezeption↑
Bei seinem Tod 1912 wurde Prus von der ganzen Nation betrauert, der er einen Platz in der Weltliteratur verschafft hatte. Seine Monografie Die allgemeinen Lebensideale hat bis heute Bedeutung für Philosophen und Sozialwissenschaftler. Wie sehr sein Andenken fortlebt, zeigt die Eröffnung eines ihm gewidmeten Museums im Jahr 1961 in Nałęczów, wo er viele Sommer verbracht hatte.
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