1871 – 1922
Marcel Proust
Kurzporträt↑
Marcel Proust (1871–1922) war ein französischer Schriftsteller und Sozialkritiker. Sein siebenbändiger Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit gilt als bedeutendstes Werk der französischen Romanliteratur des frühen 20. Jahrhunderts. Proust wurde in ein wohlhabendes Pariser Elternhaus geboren. Der Vater war Mediziner, die Mutter stammte aus einer jüdischen Bankiersfamilie. Schon früh verkehrte Proust in den Salons der Großbourgeoisie und des Adels. Deren Welt beobachtete und festhielt er in seinem Hauptwerk minutiös. Zeitlebens plagte ihn das Asthma. Ab 1909 zog er sich weitgehend zurück und arbeitete oft nachts an dem Romanzyklus. Dieser brachte ihm 1919 den Prix Goncourt ein.
Biografie↑
Marcel Proust kam am 10. Juli 1871 im noblen Pariser Stadtviertel Auteuil zur Welt, in der Rue La Fontaine 96. Es war das Haus seines Großonkels Louis Weil. In den Quellen schwankt die Ortsangabe leicht. Wikidata verzeichnet das 16. Arrondissement von Paris, in dem Auteuil liegt, während die Deutsche Biographie konkret Auteuil nennt. Beide Angaben meinen denselben Ort. Sein Vater Adrien Proust war Chefarzt des Hôtel-Dieu de Paris und stammte aus dem katholischen Illiers. Die Mutter Jeanne Weil entstammte einer jüdischen Bankiersfamilie, die aus dem Elsass nach Paris übergesiedelt war. Diese Familie war in der Porzellanindustrie zu Vermögen gekommen. Marcel wurde im August 1871 katholisch getauft. 1873 wurde sein Bruder Robert geboren. Robert wurde wie der Vater Arzt und später Prousts literarischer Nachlassverwalter.
Die Familienferien verbrachte Proust oft in Illiers bei Chartres, dem Heimatort des Vaters, oder in den Seebädern der Normandie. Illiers ging später als „Combray" in den Roman ein. Ihm zu Ehren wurde der Ort 1971 offiziell in Illiers-Combray umbenannt. Mit neun Jahren erlitt Marcel seinen ersten Asthmaanfall. Die Atemnot quälte ihn fortan bis ans Lebensende, besonders im Frühjahr während des Pollenflugs. Er neigte zu Depressionen und Hypochondrie. Die besorgte Mutter verstärkte dies durch Verhätschelung noch.
Im Oktober 1882 trat Proust ins Lycée Condorcet ein. Dort lernte er unter anderem Jacques Bizet, Daniel Halévy und Alfred Dreyfus kennen. Mit fünfzehn schloss er sich auf den Champs-Élysées einem Kreis von Barlauf-Spielern an. Zu diesem Kreis gehörte auch Marie de Benardaky, das spätere Vorbild der Gilberte Swann. Erste schriftstellerische Versuche entstanden 1887 für Schulzeitschriften. 1888 prägte ihn der Philosophielehrer Alphonse Darlu nachhaltig. Im November 1889 meldete sich Proust freiwillig für ein Jahr zum Militärdienst beim 76. Infanterieregiment in Orléans, um der vierjährigen Einziehung zuvorzukommen. Anschließend studierte er Jura, brach das Studium aber ohne Examen ab. Später machte er die Licence en lettres und besuchte Vorlesungen Henri Bergsons, mit dem er weitläufig verwandt war.
Durch Freunde gewann Proust ab den 1890er Jahren Zugang zu den Salons der Pariser Gesellschaft, zu Madame Straus, Léontine Lippmann, Madeleine Lemaire und anderen. 1893 lernte er den dandyhaften Robert de Montesquiou kennen, das spätere Vorbild für den Baron Charlus. Im selben Jahr begann der Dreyfus-Skandal, der Frankreich dreizehn Jahre lang beschäftigte und auch Prousts Familie spaltete. Mutter, Bruder und er waren Dreyfusards, der Vater tendierte zur Gegenseite. 1894 lernte Proust den jungen Komponisten Reynaldo Hahn kennen. Mit ihm verband ihn zwei Jahre eine leidenschaftliche Liebesbeziehung. Danach wandte er sich Lucien Daudet zu. Eine Freundschaft mit Hahn blieb bis zu Prousts Tod bestehen. Über Montesquiou und dessen Kreis drang Proust in die abgeschlossene Welt des Faubourg Saint-Germain vor. Er gewann Freunde wie die Brüder Bibesco, den Herzog Armand de Gramont-Guiche oder Louis d'Albuféra. Diese Figuren flossen später in seinen Roman ein.
1895 trat Proust eine unbezahlte Praktikantenstelle als Bibliothekar an der Bibliothèque Mazarine an. Wegen des Bücherstaubs blieb er aber meist abwesend und beendete diese Anstellung nach wenigen Monaten. Es war die einzige Anstellung seines Lebens. Im selben Jahr begann er den unvollendet gebliebenen Roman Jean Santeuil. 1896 erschien sein luxuriös ausgestattetes Erstlingswerk Les plaisirs et les jours. Im Februar 1897 duellierte er sich mit dem Kritiker Jean Lorrain. Anlass war eine zweideutige Bemerkung über seine Freundschaft mit Lucien Daudet. Beide schossen weit daneben. Nach dem Tod John Ruskins 1900 widmete Proust sich dessen Werk. Er übersetzte The Bible of Amiens (erschienen 1904) sowie Sesam und Lilien (1906). Seine Mutter half ihm mit Rohübersetzungen aus dem Englischen. 1900 reiste er mit ihr nach Venedig.
Im November 1903 starb der Vater, knapp zwei Jahre später die Mutter. Nach deren Tod fiel Proust in eine tiefe Depression und verließ ein Zimmer in Versailles fünf Monate lang nicht. Von Mutter und Großvater hatte er ein Vermögen geerbt und war deshalb finanziell unabhängig. Ende 1905 ließ er sich sechs Wochen lang im Sanatorium Boulogne-Billancourt von Paul Sollier behandeln. Dort lernte er den Begriff der „unwillkürlichen Erinnerung" kennen, der zum Schlüsselkonzept seines späteren Romans wurde. Ab Dezember 1906 wohnte er am Boulevard Haussmann 102. Diese Wohnung hatte einst seinem Onkel Louis Weil gehört und zog ihn durch die Erinnerung an die Mutter an. Von 1907 bis 1914 verbrachte er die Sommer im Grand Hôtel in Cabourg, dem Vorbild für das fiktive Seebad Balbec. 1907 mietete er ein Auto mit Chauffeur. Dabei lernte er Alfred Agostinelli kennen, der ab 1912 sein Sekretär und Geliebter wurde und später als Vorbild für die Romanfigur Albertine diente.
Ab Ende 1908 begann Proust mit der Konzeption eines Essays Contre Sainte-Beuve. Dessen erzählerische Vorrede wuchs sich zum Hauptwerk aus. Im Juli 1909 zog er sich von der Welt zurück, um an À la recherche du temps perdu zu arbeiten. Am 13. November 1913 erschien Du côté de chez Swann als erster Band bei Grasset. Zuvor hatte Gallimards Lektor André Gide das Manuskript abgelehnt – ein Fehler, den Gide später bitter bereute. Proust schoss die Druckkosten zu. Im Mai 1914 verunglückte Agostinelli bei einem Flugzeugabsturz vor Antibes tödlich. Proust verfiel erneut in Depression. Im selben Jahr trat die Haushälterin Céleste Albaret in seine Dienste und wurde seine engste Vertraute. Der Erste Weltkrieg verhinderte vier Jahre lang jede Publikation und gab Proust Zeit, den Roman in epischer Breite fortzuführen. Er arbeitete mit fast manischer Wut, meist nachts im Bett.
1916 wechselte Proust von Grasset zum Verleger Gaston Gallimard. Im November 1918 erschien dort der zweite Band À l'ombre des jeunes filles en fleurs. Dafür erhielt er im Dezember 1919 den Prix Goncourt. 1919 zog er ein letztes Mal um, in die Rue de l'Amiral Hamelin 44. 1920 wurde er zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Von 1920 bis 1922 erschienen vier weitere Teilbände der Recherche. Im März 1922 begann er einen Briefwechsel mit dem deutschen Romanisten Ernst Robert Curtius, einem der ersten Fürsprecher Prousts in Deutschland. Im Mai 1921 besuchte er, obwohl krank, eine Ausstellung niederländischer Malerei im Jeu de Paume. Er wollte Vermeers Ansicht von Delft sehen, sein Lieblingsgemälde. Auf der Treppe erlitt er einen Schwächeanfall. Am 18. November 1922 starb Marcel Proust in Paris.
Literarische Merkmale↑
Prousts Schreibverfahren ist das eines Sammlers und Beobachters. Er identifizierte interessante Figuren in den von ihm besuchten Gesellschaftskreisen, wie es heißt, „mit der Besessenheit eines Naturwissenschaftlers, der seine Exemplare beobachtet, studiert, sammelt und vergleicht". Bei den Diners, die er gab, saß er auf einem etwas abgerückten Stuhl, um besser hinhören zu können. Er aß dabei nicht und befragte nach dem Essen jeden Gast einzeln. Auf Bällen oder Soiréen erschien er meist Stunden zu spät. Anschließend ließ er sich von Freunden jedes Detail des Verlaufs schildern. Walter Benjamin beobachtete dazu, dass Prousts Leben „seine Gesetze ganz und gar aus den Notwendigkeiten seines Schaffens bezogen" habe.
Aus dieser Beobachtungsarbeit destillierte Proust seine Romanfiguren, meist aus mehreren Vorbildern zusammengesetzt. Charles Swann trägt die Züge des jüdischen Gesellschaftslöwen Charles Haas. Der Baron Charlus trägt jene Robert de Montesquious, Albertine entstand nach Alfred Agostinelli. Andere Figuren wie Madame Verdurin oder der Marquis de Saint-Loup sind Mischgestalten aus mehreren realen Personen. Ergänzt wurden sie um Prominente wie Gabriel Fauré und Claude Debussy (für den Komponisten Vinteuil), Claude Monet (für den Maler Elstir), Anatole France (für den Schriftsteller Bergotte) oder Sarah Bernhardt (für die Schauspielerin La Berma). Proust verschleierte seine Quellen sorgfältig. Er fürchtete, sein gesellschaftlicher Ehrgeiz könne mit seiner dichterischen Freiheit kollidieren. Er verfremdete Namen und Schauplätze und behauptete, es gebe „acht oder zehn Schlüssel zu jeder Gestalt".
Charakteristisch für die Erzählweise sind die wiederkehrenden Figuren. Sie tauchen in Band um Band immer wieder auf, manchmal lang, manchmal nur kurz – vergleichbar einer langen Fernsehserie. So erscheinen sie dem Leser über die Strecke der sieben Bände wie gute Bekannte. Der Ich-Erzähler stammt aus einem solid-bildungsbürgerlichen Milieu. Dazu im Kontrast steht das blasiert-prätentiöse Gebaren der mondänen Pariser Zirkel, der Hochmut des alten Adels und der Geltungsdrang der Aufsteiger. Diesen Kontrast nutzt Proust als zentrales Spannungsmoment des Romans. Das Konzept der „unwillkürlichen Erinnerung" übernahm er von Paul Sollier. Gemeint ist der plötzliche Rückfall in vergangene Empfindung. Es wird zum Schlüsselmotiv seines Themas von Zeit und Erinnerung. An den Druckfahnen korrigierte, strich und ergänzte Proust unentwegt. Während des Krieges fügte er ganze Bände hinzu und teilte etwa die Albertine-Erzählung in zwei zuvor nicht geplante Bände auf (Die Gefangene und Die Entflohene).
Rezeption↑
Die Aufnahme des Werks begann mit einem Verlagsdesaster und einer späten Wendung. André Gide, damals Lektor bei Gallimard, lehnte den ersten Band ab und bereute dies später als größten Fehler seines Lebens. Beim kleinen Verleger Grasset erschien Du côté de chez Swann im November 1913. Proust schoss dem Verleger die Druckkosten zu. Grasset sorgte für eine ausführliche und positive Besprechung. Nebenher bezahlte Proust auch den Abdruck einiger positiver Hinweise auf diese Kritiken, die er selbst verfasste – eine Werbepraxis, die damals gang und gäbe war.
Der Durchbruch kam mit dem zweiten Band À l'ombre des jeunes filles en fleurs. Er erschien im November 1918 bei Gallimard und wurde im Dezember 1919 unerwartet mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, der höchsten französischen Literaturauszeichnung. Im Jahr darauf wurde Proust zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Die Aufnahme im Pariser Gesellschaftskreis war geteilt. In den höheren Zirkeln wurde nach Erscheinen des ersten Bandes breit über die Vorbilder der Figuren spekuliert. Robert de Montesquiou war zunächst empört, als er sich im exaltierten Baron Charlus wiedererkannte. Mit der Zeit gewöhnte er sich aber an seine literarische Prominenz und sagte 1920: „eigentlich sollte ich mich von nun an Montesproust nennen". Im März 1922 begann ein Briefwechsel mit Ernst Robert Curtius. Dieser deutsche Romanist wies als einer der ersten in Deutschland auf Prousts herausragende Stellung in der modernen Literatur hin.
Sein siebenbändiger Roman gilt heute als das bedeutendste Werk der französischen Romanliteratur des frühen 20. Jahrhunderts. Walter Benjamin würdigte Prousts Biographie als bedeutungsvoll. Sie zeige, „wie hier mit seltner Extravaganz und Rücksichtslosigkeit ein Leben seine Gesetze ganz und gar aus den Notwendigkeiten seines Schaffens bezogen hat". Auch in den Quellen der Deutschen Biographie taucht Proust später wiederholt als Bezugspunkt auf, etwa in den Artikeln zu Ingeborg Bachmann, Walter Benjamin oder Hermann Grab. Selbst die realen Vorbilder verdanken, mit einem Jahrhundert Abstand betrachtet, fast ausschließlich diesem Werk, dass ihre Namen noch genannt und ihre Bilder noch angesehen werden. Der Geburtsort Illiers wurde 1971 zum hundertsten Geburtstag in Illiers-Combray umbenannt. Das Haus der Familie ist heute ein Musée de France.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (2 weitere Titel)