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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Die Präsidentin
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Cover Die Präsidentin
Die Präsidentin
1884
– Werkseintrag –

Die Präsidentin

1884 · Roman

Im engen Klatsch einer spanischen Provinzstadt gerät eine junge, lebenshungrige Frau zwischen ihren kühlen alten Ehemann, einen begehrenden Priester und einen selbstsüchtigen Verführer.

Überblick

Der Roman La Regenta, auf Deutsch Die Präsidentin, erschien 1884 und 1885 in zwei Bänden. Sein Verfasser ist der spanische Schriftsteller Leopoldo Alas, der unter dem Pseudonym Clarín bekannt wurde. Es gilt als sein bekanntestes Werk und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.

An Tiefe der seelischen Analyse übertraf der Roman alles, was die spanische Literatur bis dahin hervorgebracht hatte. Jede Figur wird in ihrem Verhalten genau ausgeleuchtet, ihre innersten Beweggründe werden begreifbar gemacht – allen voran die der Hauptfigur Ana Ozores, die man „Die Präsidentin" nennt, weil sie mit dem ehemaligen Gerichtspräsidenten Don Víctor de Quintanar verheiratet ist. Zugleich rechnet das Buch scharf mit dem scheinheiligen, verlogenen Provinzbürgertum des damaligen Spanien ab und geißelt besonders die verklemmte Haltung der Geistlichkeit gegenüber der Sexualität.

Inhalt (ohne Spoiler)

Der Schauplatz ist Vetusta, eine erfundene Stadt, in der man unschwer das nordspanische Oviedo erkennt. Hier lebt die junge, lebhafte und sinnliche Ana Ozores in einer ungleichen Ehe: Ihr Mann, der ehemalige Gerichtspräsident Don Víctor de Quintanar, ist deutlich älter, kühl und gutmütig, aber ohne Feuer. Von allen bewundert, fühlt sich Ana durch die Enge ihrer Umgebung bedrückt und in ihrer Freiheit eingeschnürt.

Angeleitet von ihrem neuen Beichtvater, dem Priester Don Fermín de Pas, flüchtet sie sich in eine schwärmerische, mystische Frömmigkeit und wird bald wie eine Heilige verehrt. Gleichzeitig umschwärmt sie Don Álvaro Mesía, ein provinzieller Frauenheld nach Art des Don Juan, den es reizt, eine der schönsten Frauen der Stadt zu erobern. Zwischen dem begehrenden Beichtvater, dem berechnenden Verführer und einer Gesellschaft, die alles beobachtet, gerät Anas Leben in gefährliche Bewegung.

Die Handlung im Detail

Die private Tragödie kündigt sich von Beginn an: eine temperamentvolle, sinnliche junge Frau, gebunden an einen ältlichen, kühlen, impotenten, aber gutmütigen und angesehenen Mann. Dazu kommt das anerzogene katholische Sündenbewusstsein. Bedrückt von der Enge ihrer Welt sucht Ana Halt bei ihrem Beichtvater Don Fermín de Pas und versinkt immer öfter in Zustände mystischer Verzückung, bis man sie fast wie eine Heilige verehrt.

Als Ana entdeckt, dass sich ihr Beichtvater ebenfalls erotisch zu ihr hingezogen fühlt, wendet sie sich entsetzt von ihm ab. Gerade dadurch fällt sie dem gewissenlosen Dandy Don Álvaro Mesía zum Opfer, den an ihr allein der Reiz der Eroberung gelockt hatte. Als das Verhältnis bekannt wird, bricht in Vetusta plötzlich scheinheilige Empörung aus. Auch der Ehemann, der zuvor zu Nachsicht bereit gewesen war, sieht sich nach dem alten Ehrenkodex zum Handeln gezwungen und fordert den Liebhaber zum Duell – in dem er wider alle Erwartung selbst stirbt.

Álvaro flieht vor jeder weiteren Verantwortung nach Madrid. Ausgerechnet Frígilis, der Jagdfreund des toten Ehemanns und dessen Sekundant im Duell, bleibt bei Ana, um sie zu schützen und ins Leben zurückzuführen. Am Ende steht ein Bild, das dem Märchen vom Froschkönig verkehrt herum nachgebildet ist: Weil ihr Beichtvater Don Fermín ihr die Beichte verweigert hat, ist Ana in Ohnmacht gefallen. Aus dieser Ohnmacht wird sie von dem Messdiener Celedonio wachgeküsst – jenem Jungen aus dem Eingangskapitel. Seinen Kuss aber empfindet sie als den schleimigen, kalten Bauch einer Kröte.

Stil

Geschrieben ist der Roman im Geist des Naturalismus, jener Strömung, die das Leben mit fast wissenschaftlicher Genauigkeit abzubilden suchte. Sein Kennzeichen ist die minutiöse seelische Analyse: Clarín beleuchtet jede Figur in ihrem Verhalten und macht ihre innersten Beweggründe nachvollziehbar. Gerade bei Ana Ozores geht dieses Verständnis weit – schon zu Beginn legt eine ausführliche Generalbeichte ihre ganze Vorgeschichte offen, so dass der Leser den späteren Fehltritt begreifen und nicht bloß verurteilen kann.

Hinter der erfundenen Stadt Vetusta ist Oviedo deutlich zu erkennen, weshalb viele Zeitgenossen den Text sogleich als Schlüsselroman lasen. Bemerkenswert ist auch der kunstvolle Schluss, der das Märchen vom Froschkönig verkehrt herum erzählt und die ganze Geschichte in ein bitteres Bild münden lässt.

Rezeption

Als bekanntestes Werk seines Verfassers fand der Roman weite Verbreitung und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. In Oviedo selbst erkannten viele Angehörige der Gesellschaft ihre Stadt und sich selbst sofort wieder und verstanden das Buch als Schlüsselroman – das trug Clarín viel Ärger ein.

Über die Zeiten hinweg wurde die Hauptfigur Ana Ozores immer wieder mit Emma Bovary aus Gustave Flauberts Madame Bovary und mit Effi Briest verglichen. Lesen lässt sich das Buch als Ehebruchs- und Verführungsroman des ausgehenden 19. Jahrhunderts, ebenso aber als einer der fortschrittlichsten Frauenromane im Spanien jener Zeit: Durch Anas genau ausgebreitete Vorgeschichte weckt der Autor ein Verständnis für den Ehebruch, das noch über das bei Flaubert hinausreicht.

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