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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Von morgens bis mitternachts
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Von morgens bis mitternachts
1916
– Werkseintrag –

Von morgens bis mitternachts

1916 · Drama

Ein grauer Bankkassierer stiehlt ein Vermögen und jagt an einem einzigen Tag durch die Großstadt, auf der verzweifelten Suche nach dem großen Glück.

Überblick

Das Bühnenstück Von morgens bis mitternachts von Georg Kaiser gehört zu den bekannten Werken des Expressionismus im deutschen Theater. Es entstand 1912, erschien 1916 im Druck und wurde am 28. April 1917 in München uraufgeführt. Im Mittelpunkt steht ein namenloser Bankkassierer, der an einem einzigen Tag aus seinem grauen Alltag ausbricht. Kaiser zeigt einen Menschen, der mit gestohlenem Geld nach Glück und Erfüllung sucht – und dabei durch die Stationen einer modernen Großstadt getrieben wird. Das Stück hat die dramatische Form des sogenannten Stationendramas.

Inhalt (ohne Spoiler)

Eine vornehme Dame betritt die Bank einer kleinen Stadt, um Geld abzuheben. Die Auszahlung wird ihr jedoch verweigert. Eine flüchtige Berührung durch die Fremde bringt den Kassierer aus dem Gleichgewicht: Er unterschlägt eine soeben eingegangene Zahlung von 60.000 Mark und sucht die Dame in ihrem Hotel auf, um mit ihr ins Ausland zu fliehen. Doch sein Plan zerbricht sofort, und der Kassierer weiß plötzlich nicht mehr, was er mit dem vielen Geld anfangen soll.

Von da an beginnt eine rastlose Wanderung. Auf einem Friedhof führt er ein seltsames Zwiegespräch, kehrt kurz nach Hause zurück und flieht dann vor der Tristheit seines Alltags in die Großstadt, wahrscheinlich Berlin. Dort stürzt er sich ins nächtliche Leben: ein tobendes Sechstagerennen im Sportpalast, ein Ballhaus, ein Versammlungsraum der Heilsarmee. Überall sucht er das große Glück, das ihm der Reichtum verheißen soll. Ob er es findet, bleibt die eigentliche Frage des Stücks.

Die Handlung im Detail

In der Bank einer kleinen Stadt verlangt eine elegante Dame Geld, doch die Auszahlung wird ihr verweigert. Als sie den Kassierer flüchtig berührt, gerät dieser aus der Fassung. Er veruntreut eine gerade eingegangene Zahlung von 60.000 Mark und sucht die Dame in ihrem Hotel auf, um mit ihr ins Ausland zu fliehen. Entsetzt lehnt sie ab. Nun steht der Kassierer mit dem Geld da und weiß nicht mehr, wohin.

Auf einem Friedhof hält er ein kurzes Zwiegespräch mit einem Skelett – ein Augenblick, in dem der Tod bereits vorausdeutet. Er kehrt nach Hause zurück, doch die Öde des Alltags bedrückt ihn so sehr, dass er in die Großstadt fährt, vermutlich Berlin. Im Sportpalast besucht er ein Sechstagerennen und setzt eine so hohe Siegprämie aus, dass die Ränge zu einem tobenden Mob werden. Erst der Auftritt des „Kaisers“ bringt die Menge zur Ruhe. Ein junges Mädchen fragt ihn, ob er nicht den „Kriegsruf“ kaufen wolle, das Blatt der Heilsarmee – er beschimpft sie.

Gelangweilt verlässt er den Sportpalast und verbringt den Abend in einem Ballhaus. Auch dort findet er keine Erfüllung. Schließlich gerät er in einen Versammlungsraum der Heilsarmee. Dort gesteht er öffentlich die Unterschlagung des Geldes und will sich durch die Beichte gleichsam reinwaschen. Doch das Mädchen, das er zuvor beschimpft hatte, hat ihn belauscht und verrät ihn an die Polizei. Als die Beamten ihn verhaften wollen, erschießt er sich.

Der Kassierer scheitert daran, dass er nirgends mehr hingehört: In seine Arbeiterklasse gibt es kein Zurück, denn er hat mit dem Diebstahl alles hinter sich gelassen; in die Oberschicht findet er ebenso wenig hinein. Sein Reichtum verschafft ihm kein Glück, weil die Wirklichkeit mit seinem Traum nicht zu vereinbaren ist. Der Suizid erscheint ihm als einziger Ausweg.

Stil

Sein Aufbau folgt der Form des Stationendramas. Das Stück ist in zwei Teile gegliedert, innerhalb derer verschiedene, in sich geschlossene Szenen aufeinanderfolgen. Diese Bilder wirken locker aneinandergereiht, manche ließen sich sogar vertauschen, etwa die Szenen im Sportpalast und im Ballhaus. Eine klassische Einleitung, die alle Vorgeschichte erklärt, fehlt. Stattdessen gewinnt der Zuschauer erst nach und nach Einblick in das Innenleben des Kassierers.

Die Nebenfiguren bleiben anonym. Sie tragen keine Namen und sind ganz auf ihre Funktion für den Fortgang und die Zuspitzung der Handlung reduziert. Ganz willkürlich ist die Reihenfolge der Bilder allerdings nicht: Der Diebstahl muss am Anfang stehen, der Selbstmord am Ende. So verbindet Kaiser die offene Bilderfolge mit einem inneren Bogen.

Bemerkenswert ist Kaisers Umgang mit den überlieferten Regeln des Dramas. Durch die zwei Schauplätze – die kleine Stadt und die Großstadt – bricht er mit der Einheit des Ortes. An der Einheit der Zeit hält er dagegen fest: Alle Ereignisse spielen sich innerhalb eines einzigen Tages ab, wie schon der Titel verrät. Die Szenen in der Bank schildern den Alltag des Kassierers und übernehmen die Rolle einer Vorgeschichte. Die Bilder in der Großstadt dagegen bilden eine Folge von Stationen, aus denen sich verständlich macht, warum der Kassierer am Ende keinen anderen Weg mehr sieht.

Rezeption

Über die Bühne hinaus hat das Werk vielfältig nachgewirkt. Schon 1920 schuf der Künstler Bernhard Kretzschmar acht Lithographien zu dem Stück, die als eigenes Mappenwerk in Dresden erschienen. Das zeigt, wie stark die bildhaften Szenen auch andere Künstler anregten.

Besonders das frühe Rundfunk- und Filmschaffen griff den Stoff auf. Bereits 1926 brachte die Berliner Funk-Stunde eine Hörspielfassung unter der Regie von Alfred Braun heraus, 1928 folgte eine weitere beim Südwestdeutschen Rundfunkdienst. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden weitere Bearbeitungen, unter anderem 1953 bei Radio Bremen und 1973 beim Rundfunk der DDR. Auch fürs Kino wurde der Stoff aufgegriffen: 1920 verfilmte Karlheinz Martin ihn als expressionistischen Stummfilm. Da er in Deutschland keinen Verleih fand, blieb nur eine einzige Kopie in Japan erhalten; der lange als verschollen geltende Film wurde erst 1962 wiederentdeckt. Bis in die jüngere Zeit hat das Stück auch Theaterschaffende beschäftigt, so in einer griechischen Inszenierung von Thomas Moschopoulos. Damit gehört Von morgens bis mitternachts zu den Werken des Expressionismus, die immer wieder neu für Bühne, Funk und Film entdeckt wurden.

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