1520
Von der Freiheit eines Christenmenschen
Überblick↑
Die Denkschrift Von der Freiheit eines Christenmenschen erschien im Herbst 1520. Sie gehört zu den drei reformatorischen Hauptschriften Martin Luthers. Auf wenigen Seiten entfaltet Luther sein Verständnis vom christlichen Glauben und vom rechten Verhältnis des Menschen zu Gott. Die Schrift erschien fast gleichzeitig in einer kürzeren deutschen und einer ausführlicheren lateinischen Fassung. Die deutsche richtete sich an den Zwickauer Stadtvogt Hermann Mühlpfordt, die lateinische an Papst Leo X. Die kleine Schrift gilt als eine der wirkungsmächtigsten Veröffentlichungen der Reformationszeit. Für viele markiert sie eine geistesgeschichtliche Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Luther entwickelt in dreißig kurzen, fortlaufend nummerierten Abschnitten seinen Gedanken vom christlichen Menschen. Am Anfang steht ein scheinbarer Widerspruch: Der Christ ist zugleich freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Und ebenso ist er ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan. Aus diesem Doppelsatz wickelt Luther seine ganze Argumentation auf.
Er fragt, wodurch ein Mensch vor Gott wirklich frei und gerecht wird. Dabei prüft er die überlieferten Wege der mittelalterlichen Frömmigkeit: Beichtauflagen, gute Werke, Wallfahrten, Reliquienverehrung, Messen, Ablässe. Davon hebt er einen anderen Weg ab, den er aus der Bibel herleitet, besonders aus den Briefen des Paulus. Schritt für Schritt führt der Text den Leser tiefer in dieses neue Verständnis des Glaubens hinein.
Der lateinischen Fassung ist ein Sendbrief an Papst Leo X. vorangestellt. Darin erklärt Luther seine Haltung im Streit mit Rom. Die Schrift wirkt auf den ersten Blick wie ein erbaulicher Traktat. Tatsächlich enthält sie eine Umkehrung dessen, was bis dahin als selbstverständliche Grundlage zwischen Religion und Freiheit galt.
Die Handlung im Detail↑
Anlass der Schrift war die gegen Luther gerichtete päpstliche Bannandrohungsbulle Exsurge Domine vom 15. Juni 1520. Der frühere päpstliche Gesandte Karl von Miltitz aus Sachsen versuchte zu vermitteln und forderte Luther auf, einen Versöhnungsbrief an Papst Leo X. zu schreiben und ihm eine kleine Schrift zu widmen. So entstand die lateinische Fassung De libertate christiana. Die deutsche Fassung richtete Luther an Hermann Mühlpfordt, den Stadtvogt von Zwickau, von dem er gehört hatte und den er kennenlernen wollte. Beide Varianten erschienen 1520 in Wittenberg bei Johann Grünenberg; die lateinische ist länger und nach Sinneinheiten gegliedert, die deutsche kürzer und in dreißig Thesen geordnet. In der Forschung ist umstritten, welche Fassung zuerst entstand; nach Reinhold Rieger ist die lateinische als zweite, verbesserte Auflage der deutschen anzusehen.
Im Zentrum steht der berühmte Doppelsatz: Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan; ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan. Luther begründet dies aus zwei Seiten des Menschen, einer inneren und einer äußeren. Vor Gott, im inneren Menschen, kann den Glaubenden nichts gerecht und frei machen als allein das Wort Gottes und das Vertrauen darauf – also der Glaube. Keine äußere Übung, keine fromme Leistung, kein kirchliches Werk vermag dies zu bewirken.
Damit greift Luther den alten Begriff der „Gerechtigkeit Gottes“ an, den er, wie er es schildert, früher zutiefst gehasst hatte. Diesem Begriff lag die Vorstellung der iustitia distributiva zugrunde, der verteilenden Gerechtigkeit: jedem das Seine. Daraus war die Praxis erwachsen, der Mensch könne durch Beichtauflagen, Frömmigkeitsübungen, Reliquienverehrung, Ablasszahlungen und Messen seinen Teil zur Rechtfertigung beitragen. Luther selbst hatte bis zur Entdeckung der Gnade unter dem Bewusstsein seiner Sündhaftigkeit, dem schlechten Gewissen, dem Scheitern an den Geboten und der Angst vor Verdammnis gelitten. In der Schrift stellt er dem die Botschaft des Paulus und der Kirchenväter entgegen: Allein der Glaube macht gerecht.
In dreißig Abschnitten führt der Text den Leser stufenweise tiefer. Erst die sachliche Auseinandersetzung mit den biblischen Befunden. Dann das Erschrecken über die Höhe der göttlichen Erwartungen, an denen der Mensch scheitern muss, und die Angst vor dem jüngsten Gericht. Schließlich die Wendung: Die liebende Hand Gottes richtet den Verzagten auf, befreit ihn und befähigt ihn zum Leben. Wer so in der Gnade verankert ist, kann mit Leichtigkeit und Kraft das Gute tun – nicht, um sich Gott zu verdienen, sondern weil er bereits frei ist. Aus dieser inneren Freiheit folgt die zweite Hälfte des Doppelsatzes: Eben weil der Christ frei ist, dient er dem Nächsten aus freien Stücken. Die guten Werke sind nicht die Ursache der Gerechtigkeit, sondern ihre Frucht.
Mit dieser Argumentation kehrt Luther die bis dahin geltende Auffassung vom Verhältnis zwischen Religion und Freiheit um. Im Oktober 1520 appellierte er mit der Schrift zugleich an ein neues Konzil. Im folgenden Jahr stand er beim Reichstag zu Worms 1521 zu seinen Überzeugungen und widerrief nicht.
Die Wirkung war groß und nicht nur in Luthers Sinn. Die aufständischen Bauern bezogen den Freiheitsbegriff, den Luther rein theologisch verstanden hatte, auf ihre weltliche Lage und forderten in den Zwölf Artikeln das Ende der Leibeigenschaft. Luther distanzierte sich 1525 mit seiner Schrift Wider die mörderischen Rotten der Bauern scharf von dieser Lesart und rechtfertigte mittelbar die Gewalt der Obrigkeit gegen die Aufständischen.
Zur Überlieferung gehört ein Fund aus dem Jahr 2015: Der amerikanische Forscher James Hirstein entdeckte in der Humanistenbibliothek in Schlettstadt, im Bestand der Bibliothek des Beatus Rhenanus, ein Exemplar der Erstausgabe von 1520 mit Luthers eigenen handschriftlichen Anmerkungen und Änderungen für die zweite Auflage, die 1521 in Basel erschien.
Stil↑
Sprachlich tritt die Schrift in zwei sehr verschiedenen Gestalten auf. Die deutsche Fassung ist knapp, klar und volkstümlich. Sie gliedert sich in dreißig fortlaufend nummerierte Thesen, die jeweils mit der Wendung „Zum 1.“, „Zum 2.“ und so weiter eingeleitet werden. Diese Nummerierung ist nicht bloß äußere Ordnung, sondern Argumentationsweg. Eine These baut auf der vorangegangenen auf, der Glaube wird Stufe um Stufe vertieft. Die lateinische Fassung ist deutlich länger, gelehrter und nach Sinneinheiten gegliedert. Ihr ist ein Sendbrief an Papst Leo X. vorangestellt.
Charakteristisch ist die Bauform um Gegensätze. Der berühmte Doppelsatz von freiem Herrn und dienstbarem Knecht steht wie ein rhetorisches Tor am Anfang und bestimmt die ganze Schrift. Luther argumentiert mit zugespitzten Antithesen, knappen Sätzen und einer Sprache, die theologische Lehre und seelsorgerliche Anrede mischt. Die ständige Berufung auf die Bibel, besonders auf Paulus, gibt dem Text seinen Grundton. Daneben treten die Kirchenväter. Trotz der theologischen Dichte bleibt der Ton in der deutschen Fassung zugänglich und richtet sich erkennbar an einen breiten Leserkreis. Die Wahl des Stadtvogts Mühlpfordt als Adressat unterstreicht diesen Zug.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten Luthers gehörte die Schrift zu seinen meistgelesenen Werken und wurde rasch in mehreren Auflagen verbreitet. Bereits 1521 erschien in Basel eine vom Verfasser überarbeitete zweite Auflage. Die Forschung zählt sie heute zu den drei reformatorischen Hauptschriften und zu den bedeutendsten Publikationen der Reformationszeit. Vielen gilt sie als Markstein zwischen Mittelalter und Neuzeit, weil sie das Verhältnis von Religion und Freiheit neu bestimmt.
Die Wirkung ging früh über das theologische Feld hinaus. Im Deutschen Bauernkrieg griffen die Aufständischen den Freiheitsbegriff auf und forderten in den Zwölf Artikeln das Ende der Leibeigenschaft. Diese Lesart wies Luther 1525 mit Wider die mörderischen Rotten der Bauern scharf zurück. Damit wurde die Schrift schon zu Lebzeiten ihres Verfassers zu einem politisch umkämpften Text.
Bis in die Gegenwart wird das kleine Werk neu gelesen, kommentiert und ediert. Reinhold Rieger legte 2007 einen ausführlichen Kommentar vor, und zum Reformationsjubiläum entstanden weitere Ausgaben und Übersetzungen. Auch die Überlieferungsgeschichte beschäftigt die Forschung bis heute. Der Fund eines vom Verfasser selbst durchkorrigierten Exemplars in Schlettstadt im Jahr 2015 erlaubte einen neuen Blick auf die Entstehung der zweiten Auflage.
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