1936
Vom Winde verweht
Überblick↑
Der Roman Vom Winde verweht von Margaret Mitchell erschien am 30. Juni 1936 unter dem Originaltitel Gone with the Wind. Er erzählt vom Süden der Vereinigten Staaten während des Sezessionskriegs und der anschließenden Reconstruction. Im Mittelpunkt stehen die erfundenen Figuren Scarlett O'Hara und Rhett Butler. Das Buch wurde sofort zu einem der größten Bestseller der amerikanischen Literaturgeschichte: schon im Oktober waren über eine Million Exemplare verkauft. 1937 erhielt Mitchell dafür den Pulitzer-Preis. Weltweit wurden bis heute rund 30 Millionen Exemplare abgesetzt. Die Verfilmung von 1939, produziert von David O. Selznick, wurde zum kommerziell erfolgreichsten Werk der Filmgeschichte.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Auf der Baumwollplantage Tara bei Atlanta lebt die sechzehnjährige Scarlett O'Hara mit ihren Eltern und zwei jüngeren Schwestern. Sie ist der Liebling ihres Vaters und daran gewöhnt, dass ihr jeder Wunsch erfüllt wird. Bei einem Gartenfest gesteht sie Ashley Wilkes von der Nachbarplantage Twelve Oaks ihre Liebe. Doch Ashley will seine Cousine Melanie Hamilton heiraten, die Verlobung wird noch am selben Tag bekanntgegeben. Am gleichen Nachmittag begegnet Scarlett zum ersten Mal Rhett Butler, einem Gast aus Charleston, den seine wohlhabende Familie verstoßen hat.
Kurz darauf bricht der Bürgerkrieg aus. Die Männer ziehen ins Feld, die Plantagenwelt gerät ins Wanken, und Scarlett heiratet aus Trotz. Als die Truppen der Nordstaaten Atlanta angreifen, muss sie fliehen und findet ein verwüstetes Zuhause vor. Aus dem verwöhnten Mädchen wird das Oberhaupt einer verarmten Familie, das auf dem Feld arbeitet und später mit Härte Geschäfte macht. Ihre Gefühle für Ashley aber lässt sie nicht los, und zwischen ihr und Rhett Butler entspinnt sich ein jahrelanges Ringen aus Anziehung, Stolz und Verletzung.
Die Handlung im Detail↑
Auf einem Gartenfest in Twelve Oaks gesteht die sechzehnjährige Scarlett O'Hara dem Nachbarssohn Ashley Wilkes ihre Liebe. Er weist sie zurück, weil er noch am selben Tag die Verlobung mit seiner Cousine Melanie Hamilton verkünden wird. Im Anschluss lernt Scarlett Rhett Butler kennen, einen Gast aus Charleston, der von seiner Familie verstoßen wurde.
Kurz nach Kriegsausbruch heiratet Ashley Melanie. Aus Trotz nimmt Scarlett den Antrag von Melanies Bruder Charles an. Die Männer ziehen in den Krieg, Charles stirbt im Feldlager an einer Lungenentzündung. Scarlett bringt einen Sohn zur Welt, entwickelt aber kaum mütterliche Gefühle für ihn. In der Hoffnung, Ashley wiederzusehen, zieht sie nach Atlanta zu Melanie und deren Tante "Pittypat". Auf einem Fest zugunsten der Südstaaten-Armee trifft sie Rhett Butler wieder. Während die Nordstaaten Atlanta angreifen, steht Scarlett Melanie bei der schweren Geburt von Ashleys Sohn bei. Rhett treibt für die Flucht ein Pferd und einen Fuhrwagen auf und bringt die Frauen und Kinder aus dem brennenden Atlanta. An der Stadtgrenze verlässt er sie, um sich den zurückweichenden konföderierten Truppen anzuschließen.
In Tara erfährt Scarlett, dass ihre Mutter einen Tag zuvor an Typhus gestorben ist. Der Vater ist seither verwirrt, die beiden Schwestern liegen ebenfalls krank. Yankees, konföderierte Marodeure und befreite Sklaven haben fast alle Lebensmittel fortgeschafft. Scarlett wird zum Oberhaupt der Familie, ordnet den Alltag neu und arbeitet auf dem Feld. Ashley kehrt aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Scarlett versucht erneut, ihn für sich zu gewinnen, doch er will Melanie nicht verlassen und sehnt sich nach der vergangenen Zeit.
Als die Yankees eine hohe Steuernachforderung für Tara stellen, sucht Scarlett Rhett Butler im Gefängnis von Atlanta auf und bietet sich ihm als Geliebte an. Rhett weist sie ab. Daraufhin heiratet sie Frank Kennedy, den langjährigen Verehrer ihrer Schwester Suellen, um an sein Geld zu kommen. Sie überredet Frank zum Handel mit Bauholz und übernimmt die Leitung der Sägemühle. Sie bringt Kennedys Tochter zur Welt, ohne auch für dieses Kind Zuneigung zu entwickeln. Weil sie mit Nordstaatlern Geschäfte macht und mit dem als Kriegsgewinnler geltenden Rhett Butler verkehrt, gerät sie bei den früheren Plantagenbesitzern in Verruf.
Nach einem Überfall auf Scarlett beteiligt sich Frank an einem Racheakt des neu gegründeten Ku-Klux-Klan und kommt dabei ums Leben. Rhett Butler, der Scarlett längst heimlich liebt, macht ihr kurz darauf einen Heiratsantrag, den sie annimmt. Er überhäuft sie mit Luxus und reist mit ihr, um ihre Liebe zu gewinnen. Scarlett aber hängt weiter an Ashley, der inzwischen für sie arbeitet. Ihr drittes Kind, eine Tochter, wird "Bonnie" genannt.
Eines Tages dankt Ashley Scarlett für alles, was sie für ihn und Melanie getan hat, und umarmt sie. Ashleys Schwester India beobachtet die Szene, vermutet eine Affäre und verbreitet Gerüchte. Am selben Abend fällt der wütende und angetrunkene Rhett über Scarlett her, um "den unsichtbaren Dritten in seiner Ehe aus ihren Gedanken zu löschen". Die Eheleute entfremden sich immer mehr, Rhett verreist für einige Wochen mit der kleinen Tochter. Scarlett merkt, dass sie wieder schwanger ist, und freut sich zunächst, weil sie auf eine Versöhnung hofft. Rhett jedoch antwortet auf die Nachricht mit Sarkasmus. Im heftigen Streit stürzt Scarlett die Treppe hinunter und erleidet eine Fehlgeburt. Rhett ist außer sich vor Angst.
Der Versuch, die Ehe zu retten, scheitert am Tod der Tochter Bonnie, die sich beim Hürdenspringen mit ihrem Pony das Genick bricht. Rhett schließt sich tagelang mit dem Leichnam ein, erst Melanie gelingt es, ihn herauszuholen. Melanie ist trotz ärztlicher Warnung erneut schwanger geworden und stirbt an einer Fehlgeburt. Am Ende erkennt Scarlett, dass ihre Liebe zu Ashley ein Hirngespinst war und sie längst ihren Ehemann liebt. Für Rhett kommt diese Einsicht zu spät. Er verlässt sie, und Scarlett beschließt, nach Tara zurückzukehren.
Stil↑
Erzählt wird der historische Stoff durchgehend aus der Sicht der Hauptfiguren, also aus der Perspektive der besiegten weißen Südstaatler. Diese Erzählhaltung prägt das ganze Buch: Krieg, Niederlage und Reconstruction erscheinen so, wie die unterlegene Seite sie erlebt. Der Roman verbindet die große geschichtliche Erzählung mit einer Liebesgeschichte über viele Jahre hinweg. Sonja Zekri hat diese Doppelnatur auf die Formel gebracht, das Buch sei "modern in der Frauenfrage und archaisch im Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß". Mit der repressiven Idealisierung der Südstaatenfrau konnte Mitchell nichts anfangen; ihre Scarlett O'Hara ist lebenshungrig, unzerstörbar, mehrfach verheiratet und geschäftlich erfolgreich. Nach Mitchells eigener Aussage ironisiert der Roman "die übliche männliche Enttäuschung darüber, dass eine Frau über ein Gehirn verfügt".
Rezeption↑
Sofort nach dem Erscheinen 1936 wurde das Buch zum Verkaufsschlager, 1937 folgte der Pulitzer-Preis. In Deutschland gilt der Roman heute eher als Lektüre der Nachkriegszeit, doch eine deutsche Übersetzung lag schon 1937 vor. Bis zum Kriegseintritt der USA 1941 erreichte sie eine Auflage von 300.000 Exemplaren. Selbst der Völkische Beobachter lobte das Werk als "großartige und leidenschaftliche Schilderung amerikanischer Geschichte". Das hinderte die Nationalsozialisten nicht daran, das Buch 1941 mit allen anderen US-amerikanischen Druckerzeugnissen zu verbieten.
Der Film kam erst 1953 in die westdeutschen Kinos und beflügelte den Absatz der wieder aufgelegten Vorlage. Zwischen 1950 und 1960 wurden in der Bundesrepublik rund 1,2 Millionen Exemplare verkauft. Die Übersetzungsrechte waren nach 1947 vom Goverts Verlag auf Claassen übergegangen. Der Verlag erklärte den neuen Erfolg damit, dass viele Leser im Krieg verlorene Ausgaben ersetzen wollten. Hinzu komme, dass der Stoff mit dem verwüsteten Land zwar nahe an der eigenen Erfahrung liege, durch die historische Ferne aber nicht zu nahe rücke. Heinrich Böll teilte die Begeisterung des Publikums nicht. Das Buch habe "jenen unbestimmbaren flutschigen Inhalt, der sich nicht genau definieren läßt, niemals genau zu definieren sein wird".
Kritik trifft vor allem das Geschichtsbild des Romans. Alan T. Nolan wirft ihm in The Myth of the Lost Cause and Civil War History ein einseitig prosüdliches Erzählmuster vor: Sklaverei und die Rolle des Ku-Klux-Klan nach dem Sezessionskrieg würden beschönigt, die Reconstruction und die Soldaten des Nordens dagegen negativ gezeichnet. Sonja Zekri nennt das Buch rassistisch. Ausgerechnet in einer Zeit, in der der Süden die Rassentrennung gesetzlich festschrieb, habe Mitchell den Weißen alle Schuldgefühle genommen. Die Sklaverei erscheine im warmen Licht einer idealen Gemeinschaft: Mammy, Pork und die übrigen Sklaven wüssten die Fürsorge ihrer weißen Besitzer zu schätzen und fürchteten nichts so sehr wie die Yankees.
Die französische Autorin Annie Ernaux bezieht sich in ihrem Lebenswerk Die Jahre mehrfach zustimmend auf den Roman, dessen Lektüre sie immer wieder beeindruckt habe. 2020 erschien in Deutschland eine neue Übersetzung. Auf ihr beruht die 16-teilige rassismuskritische Hörspielbearbeitung Vom Wind verweht – Die Prissy Edition von Amina Eisner, inszeniert von Jörg Schlüter für den WDR.
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