1878 – 1945
Georg Kaiser
Kurzporträt↑
Georg Kaiser gehört zu den bekanntesten deutschen Dramatikern des frühen 20. Jahrhunderts und galt in den zwanziger Jahren als „Klassiker“ des Expressionismus. Er wurde 1878 in Magdeburg geboren und schuf im Lauf seines Lebens rund 70 Dramen, von denen viele heute vergessen sind. Zwischen 1921 und 1933 war er einer der meistgespielten Bühnenautoren Deutschlands. Die Nationalsozialisten belegten ihn mit einem Publikationsverbot und verbrannten seine Bücher. Kaiser floh 1938 in die Schweiz, wo er 1945 im Exil starb.
Biografie↑
Geboren wurde Friedrich Carl Georg Kaiser am 25. November 1878 in Magdeburg als fünfter von sechs Söhnen. Sein Vater war Kaufmann, laut der Neuen Deutschen Biographie Versicherungskaufmann. Kaiser besuchte das Pädagogium des Klosters Unser Lieben Frauen und erreichte die Mittlere Reife. Eine Lehre als Buchhändler brach er ab und arbeitete danach in einem Ex- und Importgeschäft. Schon 1895 gründete er den literarischen Leseverein „Sappho“, dem er seine ersten, dem Naturalismus nahestehenden Dramen widmete.
Mit diesen frühen Versuchen war er unzufrieden. 1898 heuerte er als Kohlentrimmer auf einem Frachtschiff nach Südamerika an. Von 1898 bis 1901 arbeitete er im Büro der AEG in Buenos Aires. Dort erkrankte er an Malaria und kehrte daraufhin nach Deutschland zurück. Es folgten mehrere Monate in einer Berliner Nervenklinik, danach lebte er bei verschiedenen Verwandten.
1908 heiratete er Margarete Habenicht, eine vermögende Kaufmannstochter. Die Ehe machte ihn zunächst finanziell unabhängig, und er ließ sich in Seeheim an der Bergstraße nieder. Künstlerisch war er in dieser Zeit sehr aktiv, ohne öffentliche Anerkennung zu finden. 1912 entstand mit Von morgens bis mitternachts sein erstes gesellschaftskritisches Werk; das Stück wurde später von Karlheinz Martin inszeniert und 1920 verfilmt. Den ersten großen Erfolg errang er 1917 mit der Frankfurter Aufführung von Die Bürger von Calais. In den folgenden Jahren wurden seine Werke in ganz Deutschland gespielt.
Ab 1918 geriet Kaiser in finanzielle Schwierigkeiten. 1920 wurde er wegen Unterschlagung verhaftet, 1921 verurteilt. In dem Prozess verteidigte er sich selbst und berief sich auf die Freiheiten des Dichters. Nach einer einjährigen Gefängnisstrafe ermöglichte ihm der Gustav-Kiepenheuer-Verlag durch eine Bürgschaft ein Leben in Grünheide bei Berlin. Er pflegte Kontakte zu Ernst Toller, Kurt Weill, Lotte Lenya und Bertolt Brecht. Zwischen 1921 und 1933 war er einer der meistgespielten Dramatiker Deutschlands; seine Stücke liefen auch in New York, London und Rom.
Am 18. Februar 1933 wurde sein Stück Der Silbersee, zu dem Kurt Weill die Songs geschrieben hatte, an drei Bühnen in Erfurt, Magdeburg und Leipzig uraufgeführt. Alle drei Inszenierungen mussten nach Protesten und Boykottdrohungen abgesetzt werden. Danach wurde in Deutschland kein Stück Kaisers mehr gespielt. Obwohl er noch am 22. März 1933 eine Loyalitätserklärung der Preußischen Akademie der Künste unterzeichnet hatte, wurde er am 5. Mai 1933 ausgeschlossen. Seine Werke fielen der Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 zum Opfer. Dennoch versuchte er, in Deutschland zu bleiben, schloss sich Widerstandskreisen an und verfasste Flugblätter.
Erst kurz vor einer geplanten Gestapo-Hausdurchsuchung floh Kaiser 1938 über Amsterdam in die Schweiz. Seine Frau und seine Kinder blieben in Deutschland zurück. Ins Exil ging er gemeinsam mit Maria von Mühlfeld und der gemeinsamen Tochter Olivia. Anders als viele seiner Freunde musste er nicht in einem Emigrantenlager leben; reiche Freunde ermöglichten ihm Hotelaufenthalte an verschiedenen Orten der Schweiz. Am 2. November 1940 wurde am Zürcher Schauspielhaus sein Stück Der Soldat Tanaka uraufgeführt, das den japanischen Militarismus anprangerte. Auf Druck des japanischen Gesandten in Bern wurde das gut aufgenommene Stück abgesetzt, worüber Kaiser sehr verbittert war.
Seine letzten Jahre verbrachte Kaiser mit einer mythologischen Trilogie von Versdramen: Zweimal Amphitryon, Pygmalion und Bellerophon. Seit November 1944 hielt er sich auf dem Monte Verità in Ascona auf. Dort starb er am 4. Juni 1945 an einer Embolie. Am selben Tag schloss sein Freund und Bevollmächtigter Julius Marx in Zürich einen Vertrag mit dem Artemis Verlag, der Kaiser finanziell hätte absichern sollen. Beigesetzt wurde er auf dem Friedhof von Morcote bei Lugano.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Kaisers Dramen ist eine knappe, abstrakte Sprache. Gegen die weitausholende Ausdrucksweise des Naturalismus und Impressionismus setzte er kurze Sätze, die zuweilen nur noch aus einer Reihung von Substantiven bestehen. Handlung und Zeit sind stark verdichtet: In Die Bürger von Calais etwa presst er das Geschehen auf wenige Stunden zusammen und arbeitet mit dialektischen Dialogen und der bloßen Aneinanderreihung von Szenen. „Formung von Drama stellt den unerhörten Vorgang von Ballung und Energie dar“, formulierte er selbst 1922.
Seine Figuren entwarf Kaiser oft nicht als runde Charaktere, sondern als Symbole. Sie erscheinen als Typen, etwa die „Lederköpfe“ oder die Gelb- und Blaufiguren, und machen so die Isolation des einzelnen Menschen sichtbar. Immer wieder konstruierte er Situationen, in denen ein Mensch sich aus gesellschaftlichen Zwängen zu befreien versucht. Diebold nannte ihn deshalb 1924 einen „Denkspieler“. Der Kassierer in Von morgens bis mitternachts ist ein Beispiel für einen solchen von vornherein scheiternden Ausbruch aus der sozialen Umklammerung.
Wiederkehrend ist der Kunstgriff des Doppelgängers, mit dem Kaiser die Zwiespältigkeit seiner Helden offenlegte, etwa in Kolportage und Zweimal Amphitryon. In Stücken wie Zweimal Amphitryon und Pygmalion trieb er die Selbstfindung des Einzelnen bis in geradezu schizoide Situationen. Nach eigenem Bekunden ging es ihm dabei um ein Grundgefühl von Gerechtigkeit: „Meine szenischen Werke haben stets denselben Ausgangspunkt: Das Bedürfnis, diejenigen zu verteidigen, die im Schatten leben“, schrieb er 1926. In seiner Sozialkritik, so die Neue Deutsche Biographie, bleibe die Sehnsucht nach dem „neuen Menschen“ freilich häufig stecken, etwa in Die Koralle, Gas I und Gas II. Insgesamt schuf Kaiser eine bewusst vom „mathematischen Kalkül“ beherrschte Dramatik, in der nichts die Aufmerksamkeit von der Idee ablenken sollte.
Rezeption↑
Zeit seines Schaffens war Kaiser ein außerordentlich erfolgreicher Bühnenautor. In den zwanziger Jahren hatte er die höchste Uraufführungsziffer unter den deutschen Dramatikern und galt als der „Klassiker“ des Expressionismus. Zwischen 1921 und 1933 war er einer der meistgespielten Dramatiker Deutschlands, seine Stücke liefen auch im Ausland. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten endete diese Wirkung abrupt: Publikationsverbot, Ausschluss aus der Preußischen Akademie der Künste und die Bücherverbrennung von 1933 verdrängten ihn von den deutschen Bühnen.
Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten Kaisers Stücke eine kurze Wiederbelebung. Seine expressionistischen Forderungen nach der Erneuerung des Menschen, nach sozialer Gerechtigkeit und die Ablehnung von Gewalt und Krieg fanden nun stärkere Resonanz, etwa in Die Lederköpfe, Der Soldat Tanaka und Das Floß der Medusa. Danach geriet ein großer Teil seiner rund 70 Dramen in Vergessenheit; heute wird er nur noch selten gespielt.
Als besonders nachhaltig gilt Die Bürger von Calais, das nach Einschätzung der Neuen Deutschen Biographie „geradezu klassisch abstrakt“ gebaut ist. 2022 kam es infolge der Rohstoffengpässe nach dem russischen Überfall auf die Ukraine zu einer Wiederaufführung von Kaisers Gas-Trilogie am Staatsschauspiel Dresden und am Theater Magdeburg.
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