Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Die Errettung Fatmes
Eingang · Werke · Die Errettung Fatmes
Cover Die Errettung Fatmes
Die Errettung Fatmes
1826
– Werkseintrag –

Die Errettung Fatmes

1826 · Märchen

Ein leichtsinniger Bootsausflug, eine entführte Schwester und ein väterlicher Fluch treiben den jungen Mustafa in ein Bündnis mit dem Räuberhauptmann Orbasan – Wilhelm Hauffs orientalisches Märchen aus dem Zyklus „Die Karawane".

Überblick

Die Erzählung Die Errettung Fatmes erschien 1826 als vierte Geschichte in Wilhelm Hauffs Rahmenerzählung Die Karawane. Diese ist ihrerseits Teil des Märchen-Almanachs auf das Jahr 1826. Sie schildert den jungen Mustafa, den Sohn eines Kadis. Durch eigene Unvorsichtigkeit verliert er seine Schwester Fatme und seine heimliche Braut Zoraide an Piraten. Mit Hilfe des edlen Räubers Orbasan sucht er sie zurückzugewinnen. Zum Almanach-Zyklus gehören auch Die Geschichte von Kalif Storch, Die Geschichte von dem Gespensterschiff, Die Geschichte von der abgehauenen Hand, Die Geschichte von dem kleinen Muck und Das Märchen vom falschen Prinzen. Darin nimmt das Stück eine besondere Stellung ein: Es verknüpft die Figur Orbasans aus mehreren Geschichten zu einem durchgehenden Faden.

Inhalt (ohne Spoiler)

Eine Karawane zieht durch die Wüste und fürchtet den berüchtigten Räuberhauptmann Orbasan. Ein Fremder schließt sich an und schlägt vor, sich zur Kurzweil Geschichten zu erzählen. Der Kaufmann Lezah berichtet daraufhin von einem Abenteuer seines jüngeren Bruders Mustafa.

Mustafa ist der Sohn des Kadis von Akara. Er richtet seiner Schwester Fatme zum sechzehnten Geburtstag ein Fest aus. Auch seine heimliche Braut Zoraide lädt er ein. Deren bescheidene Herkunft verschweigt er dem strengen Vater. Eine fröhliche Bootsfahrt aufs Meer endet in der Katastrophe: Piraten greifen an. Als Hilfe vom Festland eintrifft, sind Fatme und Zoraide verschwunden. Der erzürnte Vater belegt seinen Sohn mit einem Fluch. Nur die Rückkehr der Schwester kann ihn davon befreien.

Mustafa bricht auf und gerät bald in die Hände gefährlicher Männer. Er muss auf unerwartete Verbündete vertrauen. Verkleidungen, Verwechslungen und ein listiger Plan treiben die Suche voran. Der Plan zielt darauf, in den Wohnsitz eines mächtigen Sklavenhalters einzudringen.

Die Handlung im Detail

Eine Karawane von Kaufleuten zieht durch die Wüste und fürchtet den berüchtigten Räuberhauptmann Orbasan. Ein Reiter schließt sich an, der sich als Selim Baruch, Neffe des Großwesirs von Bagdad, ausgibt; er hält durch ein geheimnisvolles Zeichen sogar eine Räuberbande vom Angriff ab. Auf seinen Vorschlag hin erzählen sich die Reisenden Geschichten. Der Kaufmann Lezah berichtet, was er von einem Abenteuer seines jüngeren Bruders Mustafa gehört hat.

Mustafa richtet zum sechzehnten Geburtstag seiner Schwester Fatme ein großes Fest aus und lädt deren Freundinnen ein, darunter heimlich seine Braut Zoraide, deren arme Herkunft er dem Vater, dem Kadi von Akara, verschwiegen hat. Am Abend führt er die Mädchen auf einer Barke aufs Meer hinaus. Dort nähert sich ein Schiff mit Bewaffneten; die Mädchen geraten in Panik und bringen das Boot zum Kentern. Als Hilfe eintrifft, fehlen Fatme und Zoraide. An ihrer Stelle findet sich ein zurückgelassener Pirat im Boot, der berichtet, beide würden bald in Balsora auf dem Sklavenmarkt verkauft. Der Vater verflucht den Sohn und nimmt den Fluch nur unter der Bedingung zurück, dass Mustafa die Schwester zurückbringt.

Mustafa reitet sogleich los und gerät in die Hände Orbasans. Vor diesen jedoch wird er nicht sofort geführt; ein Mann namens Hassan gibt sich als Stellvertreter aus, wird aber von Orbasan, als dieser eintrifft, wütend aus dem Zelt geworfen. Mustafa wird für den Bassa von Sulieika gehalten, den die Räuber für ein gebrochenes Abkommen erhängen wollen. Als der echte Bassa erscheint, klärt sich die Verwechslung. Orbasan zeigt sich großmütig: Er sichert Mustafa Hilfe zu und schenkt ihm einen Dolch und einen Beutel Gold.

In Balsora erfährt Mustafa, dass Fatme und Zoraide bereits verkauft sind, und zwar an einen gewissen Thiuli-Kos, einen früheren Kapudan Pascha, der vierzig Stunden entfernt auf seinem Schloss lebt. Da Mustafa dem Bassa von Sulieika ähnelt, sucht er Thiuli-Kos als dieser verkleidet auf. Dort trifft er Hassan wieder, der inzwischen von Orbasan geflohen ist; gekränkt fordert er Fatme als Braut, sonst werde er Mustafa verraten. Mustafa flieht und kehrt als angeblicher Arzt zurück. Die Sklavinnen bekommt er kaum zu sehen; sie strecken nur einen Arm durch ein Loch in der Mauer. Eine davon hält er für seine Schwester, gibt ihr einen Trank, der todesähnlichen Schlaf bewirkt, und täuscht seinen eigenen Tod vor. Im Begräbnishaus, in das die Vermeintliche im Sarg getragen wird, erkennt er seinen Irrtum: Er hat eine fremde Sklavin befreit.

Er reicht ihr das Gegenmittel, und die Frau klärt ihn auf: Thiuli-Kos hat den Frauen neue Namen gegeben, Fatme und Zoraide heißen nun Mirzah und Nurmahal. Aus Dankbarkeit verrät sie ihm einen Weg ins Schloss: Eine mannshohe Wasserleitung führt von einer Quelle zu einem großen Brunnen im Hof; dort lässt sich eindringen, allerdings braucht es mehrere Männer. Mustafa wendet sich an Orbasan, der sein Versprechen einlöst und mit zweien seiner Leute kommt. Nachdem die fremde Sklavin, ebenfalls Fatme genannt, ihnen Schloss und Verstecke genau beschrieben hat, dringen sie ein und befreien Mustafas Schwester und seine Braut. Den abtrünnigen Hassan, den Orbasan im Schloss stellt, hängt der Räuberhauptmann am Brunnen auf.

Am nächsten Tag verabschieden sich Orbasan und die fremde Sklavin, die über Balsora in ihre Heimat zurückreist. Als Mustafa mit Fatme und Zoraide zu Hause eintrifft, ist die Freude groß. Der Vater nimmt den Fluch zurück und gibt die Hochzeit mit Zoraide frei. Am Ende zeigt sich überdies, dass Selim Baruch, der Erzähler in der Rahmenhandlung, niemand anderes als Orbasan selbst ist – einer der Zuhörer von Lezahs Geschichte.

Stil

Hauff bedient sich der Form eines orientalischen Kindermärchens und stellt es in eine Rahmenerzählung. Reisende kürzen sich die Wüstenfahrt mit Geschichten ab. So steht die Errettung Fatmes als Binnenerzählung in einem größeren Zyklus. Erzählt wird aus zweiter Hand: Lezah berichtet, was er von seinem Bruder gehört hat. Das gibt der Geschichte einen leicht legendenhaften Ton.

Das Stück lebt von typischen Motiven des Märchens: Verwechslungen, Vertauschungen, Verkleidungen und doppelten Identitäten. Mustafa wird für einen Pascha gehalten. Hassan gibt sich als Stellvertreter Orbasans aus. Mustafa selbst tritt zweimal in fremder Gestalt auf, und die Namen der Entführten werden vertauscht. Mit Rücksicht auf das junge Zielpublikum blendet Hauff alles Erotische aus. Das Begehren des Helden gilt der Schwester und der Befreiung vom väterlichen Fluch, nicht der Braut als Frau.

Rezeption

Innerhalb des Almanachs Die Karawane gehört die Errettung Fatmes zu den Geschichten, in denen die Figur Orbasans zu einem verbindenden Element des Zyklus wird. Andernorts erscheint der Räuberhauptmann als unheimlicher Fremder, der Unglück bringt. Hier tritt er als tatkräftiger Helfer auf und sorgt damit für eine produktive Spannung zwischen den einzelnen Märchen. Am Ende ist er mit dem rätselhaften Erzähler Selim Baruch der Rahmenhandlung identisch. Das gibt dem Almanach eine besondere Klammer und hat Hauffs Anteil am bleibenden Erfolg seiner Märchen mitgeprägt.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten