Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Die Erziehung der Gefühle
Eingang · Werke · Die Erziehung der Gefühle
Cover Die Erziehung der Gefühle
Die Erziehung der Gefühle
1869
– Werkseintrag –

Die Erziehung der Gefühle

1869 · Roman

Ein junger Mann zieht nach Paris, um Karriere, Liebe und Glanz zu erringen – und verliert sich im ewigen Schwanken zwischen seinen Wünschen.

Überblick

Der Roman Die Erziehung der Gefühle ist der letzte vollendete Roman des französischen Schriftstellers Gustave Flaubert und erschien 1869 unter dem Originaltitel L'Éducation sentimentale. Er gilt heute als einer der einflussreichsten Romane des 19. Jahrhunderts. Erzählt wird die Geschichte des jungen Frédéric Moreau, der seinen Provinzort verlässt, um in Paris Karriere zu machen und den eleganten Lebensstil der mondänen Großstadt zu genießen. Zwischen künstlerischen, großbürgerlichen und zwielichtigen Milieus schwankend, verliebt er sich unglücklich und scheitert an seinen eigenen Ansprüchen.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht Frédéric Moreau, ein junger Mann aus der Provinz, der nicht bodenständig leben, sondern in Paris eine hohe Stellung und ein glänzendes Leben erringen will. Auf der Rückreise von einem Verwandtenbesuch begegnet er Marie Arnoux, der Frau eines Kunsthändlers, und verliebt sich in sie. Diese Liebe wird zur Obsession, die ihn jahrelang begleitet und an allem Ernsthaften hindert.

In Paris bewegt sich Frédéric zwischen drei sehr verschiedenen Welten: der künstlerisch-journalistischen Boheme mit ihren revolutionären Ideen, den etablierten großbürgerlichen Kreisen der Bankiers und Juristen sowie der schillernden Halbwelt, in der sich beide Lager in ihrer Doppelmoral treffen. Schnell passt er sich überall an, ohne sich je festzulegen. Er verspricht Geld, knüpft Verbindungen, bricht sie wieder ab und verliert sich in wechselnden Stimmungen und Plänen.

Vor dem Hintergrund der politischen Unruhen der 1840er Jahre und der heraufziehenden Februarrevolution von 1848 versucht Frédéric, seine Liebe, seinen gesellschaftlichen Aufstieg und sein Vergnügen miteinander zu verbinden. Doch seine Unentschlossenheit und seine nie verwundene Leidenschaft für Marie Arnoux stehen ihm immer wieder im Weg.

Die Handlung im Detail

Das Werk Die Erziehung der Gefühle beginnt im Jahr 1840. Der achtzehnjährige Frédéric Moreau verlässt nach einer kurzen Reise zu einem Erbonkel in Le Havre das Gutshaus seiner Mutter in Nogent-sur-Seine, um in Paris Jura zu studieren. Seine Mutter lebt in zerrütteten Vermögensverhältnissen; ihr früh verstorbener Mann hinterließ Schulden, und sie musste Besitz verkaufen, um das Studium zu finanzieren. Sie hofft, dass ihr Sohn als Advokat oder Richter Karriere macht und durch eine reiche Heirat sowie das Erbe seines Onkels großbürgerlich leben kann.

Frédéric jedoch ist leichtlebig und träumt von einer Laufbahn als Minister oder berühmter Künstler. Er beginnt ein Romanprojekt, versucht sich an Kompositionen und nimmt Malstunden, doch all seine Vorhaben bleiben sprunghaft und enden in rascher Ermüdung. Mit revolutionär gesinnten Literaten, Malern und Journalisten bummelt er durch das Quartier Latin. Erst im zweiten Anlauf besteht er sein Examen, unterstützt von seinem armen Schulfreund Charles Deslauriers, der sein Studium als Kanzleigehilfe verdient und ebenfalls vom Aufstieg träumt. Deslauriers rät ihm, Verbindungen zu einflussreichen Leuten zu knüpfen, etwa zum Bankier und Spekulanten Dambreuse. Doch Frédéric verfolgt diesen Weg nicht.

Schon auf der Rückreise von Le Havre hat Frédéric Marie Arnoux kennengelernt, die schöne Frau des undurchsichtigen Kunsthändlers und Verlegers Jacques Arnoux. Sie besetzt fortan seine Gedanken. Um ihr nahe zu kommen, kauft er von seinem Studiengeld Bilder in Arnoux' Geschäft und gibt für Kleidung und Geschenke aus. Die Leidenschaft wird zur Obsession, die ihn Tag und Nacht verfolgt. Da Marie ihn freundlich, aber distanziert behandelt, wagt er kein Geständnis. Er leidet an einem Weltschmerz, der sich zeitweise bis an die Grenze des Erträglichen steigert. Am Ende seiner Studienzeit kehrt er nach Nogent zurück, doch auch dort findet er kein Glück. Als sein Onkel stirbt und ihn zum reichen Erben macht, träumt er sofort wieder von einem Luxusleben in Paris an Maries Seite.

1845 kehrt Frédéric finanziell gut ausgestattet zurück. Er kauft Wagen und Pferd sowie ein für Feste geeignetes Haus und geht so sorglos mit seinem Geld um, dass sein Kapital zusehends schmilzt. Im Freundeskreis hat sich vieles verändert. Arnoux musste sein Kunstgeschäft und seine Zeitschrift aufgeben und stellt nun in einer Fabrik Fayencen her; er lebt in bescheidenen Verhältnissen. Seine Frau hat an gesellschaftlichem Glanz verloren, in ihrer Rolle als Mutter und Hausfrau aber an menschlicher Ausstrahlung gewonnen. Arnoux' missglückte Spekulationen und seine Affären haben eine Ehekrise ausgelöst, und Marie wird Frédérics Vertraute.

Ihr Gegenbild ist Rose Annette Bron, genannt Rosanette, eine freizügige Halbweltdame und zugleich Geliebte mehrerer Männer, darunter Arnoux selbst. Frédéric lernt sie auf einem ausgelassenen Kostümball kennen. Zwischen diesem Milieu und zwei weiteren Kreisen bewegt er sich nun: den rechthaberisch streitenden Boheme-Freunden um Deslauriers' Bekannten Senecal und den großbürgerlich-steifen, schwer durchschaubaren Gästen im Haus des Bankiers Dambreuse, von denen er sich eine Stelle im Staatsdienst erhofft.

Als Arnoux in finanzielle Schwierigkeiten gerät, sieht Frédéric seine Chance. Er leiht ihm fünfzehntausend Franken, um Marie durch seine Hilfsbereitschaft zu beeindrucken, und erhält als Sicherheit ein Grundstück, das sich später als mit Hypotheken belastet erweist. Dieselbe Summe hatte er eigentlich Deslauriers für eine Zeitungsgründung versprochen und unbedacht auch Dambreuse für Aktienkäufe zugesagt. So gerät er in ein Geflecht aus Versprechen, die er nicht hält, verleiht Geld und ändert dann seine Pläne. Einmal lässt er sich sogar zu einer Duellforderung gegen den jungen de Cisy hinreißen.

Zur Zeit von Arnoux' Krise glaubt Frédéric, der Augenblick für sein Liebesgeständnis sei gekommen. Doch Marie weist ihn zurück, obwohl sie ihn insgeheim liebt; sie fühlt sich an ihre Familie gebunden. Enttäuscht wendet er sich der Halbwelt zu. Seine enttäuschten Freunde, die ihn um seinen Reichtum beneiden, rächen sich für sein unbeständiges Verhalten: Ein freizügiges Porträt Rosanettes wird mit Frédérics Namen als Besitzer im Schaufenster ausgestellt, und ein Zeitungsartikel verspottet ihn als hergelaufenen Einfaltspinsel aus der Provinz. Deslauriers wiederum plant, an Frédérics Stelle die Verbindungen zu Dambreuse zu nutzen und Marie mit den Hypothekenforderungen zu bedrängen.

Zugleich raten Frédérics Mutter und der reiche Nachbar Roque zu einer Verlobung mit dessen Tochter Louise, die ein Vermögen und einen reaktivierbaren Adelstitel einbrächte. Doch Frédéric zögert, weil ihm Louise zu wenig gebildet und nicht großstädtisch genug erscheint, und schiebt den erwarteten Antrag auf. Zurück in Paris gerät er trotz nüchterner Selbstanalyse wieder in den alten Kreislauf seiner Gefühle. Als er Marie zufällig wieder begegnet, gesteht er ihr seine Liebe und erlebt mit ihr in ihrem Landhaus in Auteuil eine kurze Liebesidylle. Darüber versäumt er sowohl die Werbung um Louise als auch die Teilnahme an den revolutionären Kämpfen. Seine Hoffnung erfüllt sich jedoch nicht: Als Maries Sohn Eugen schwer erkrankt und nur knapp dem Erstickungstod entgeht, deutet sie dies als göttliche Warnung vor dem Ehebruch und kommt nicht zum vereinbarten Treffen.

Die Februarrevolution von 1848 bricht aus. Frédéric beobachtet die Aufständischen in den Tuilerien, beteiligt sich an den politischen Diskussionen und schreibt einen Artikel, der ihm Anerkennung einbringt. Dambreuse schlägt ihm vor, für den Wahlkreis Nogent zu kandidieren, doch auf einer Wahlversammlung scheitert sein Versuch kläglich, und selbst seine Freunde unterstützen ihn nicht. Frédérics gesellschaftlicher Ehrgeiz verläuft sich ebenso wie seine Liebe. Am Ende bleibt er ohne nennenswertes Vermögen in kleinbürgerlichen Verhältnissen zurück. Erst mehr als zwanzig Jahre später, bei einer letzten Begegnung, gibt ihm Marie Arnoux das einst geliehene Geld zurück.

Stil

Mit feinem Blick zeichnet Flaubert ein Bild der französischen Gesellschaft der 1840er Jahre in Paris. Die Gesellschaftsszenen färbt er satirisch, während die privaten Schicksale tragisch-melancholische oder illusionär-idyllische Züge tragen. Der Roman ist über weite Strecken aus der Perspektive Frédérics erzählt, sodass der Leser dessen Schwankungen, Selbsttäuschungen und nüchterne Selbstanalysen unmittelbar miterlebt.

Besonders bezeichnend ist die distanzierte Beobachterhaltung des Erzählers. Den Kostümball etwa beschreibt Flaubert als eine unzusammenhängende Folge von Gesprächen und Bildern, in der sich mit zunehmender Dauer unter der verlaufenden Schminke traurige Gesichter zeigen. So führt er den Leerlauf gesellschaftlicher Konventionen vor, die persönliche Rivalitäten verdecken. Anders als die Helden traditioneller Entwicklungsromane reift die Hauptfigur nicht, sondern dreht sich in einem ewigen Zickzackkurs zwischen Gewissenlosigkeit und schlechtem Gewissen im Kreis.

Rezeption

Heute zählt Die Erziehung der Gefühle zu den einflussreichsten Romanen des 19. Jahrhunderts. Der Roman wurde mehrfach ins Deutsche übersetzt. Sein Stoff wurde auch für das Kino bearbeitet: 1962 verfilmte Alexandre Astruc ihn unter dem Titel Lehrjahre der Liebe.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten