1877
Drei Geschichten
Überblick↑
Mit dem Erzählungsband Drei Erzählungen legte Gustave Flaubert sein letztes vollendetes erzählerisches Werk vor. Der Band versammelt drei eigenständige Geschichten, die ihn zusammengenommen fast dreißig Jahre beschäftigten. Die einzelnen Erzählungen erschienen im April 1877 als Fortsetzungen in zwei verschiedenen Zeitungen; vollständig kam der Band am 24. April 1877 beim Verleger Georges Charpentier heraus. Drei Jahre später starb Flaubert. Die drei Texte spielen in ganz verschiedenen Zeiten und Welten und führen zugleich wesentliche Seiten von Flauberts Kunst zusammen: das genaue Beobachten eines schlichten Lebens, die mittelalterliche Legende und das ferne Altertum.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Drei voneinander unabhängige Geschichten bilden den Band, jede in einer anderen Welt.
Die erste, Ein schlichtes Herz, erzählt vom Leben der Magd Félicité in der Normandie des 19. Jahrhunderts. Nach einer ärmlichen Kindheit tritt sie in den Dienst der jungen Witwe Madame Aubain und kümmert sich aufopferungsvoll um deren Haushalt und Kinder. Ihr ganzes Leben besteht aus stiller Arbeit und großer, einfacher Zuneigung zu den Menschen und Tieren um sie herum.
Die zweite, Die Legende von Sankt Julian dem Gastfreundlichen, greift einen mittelalterlichen Heiligenstoff auf. Julian, der Sohn eines kleinen Landherrn, ist von Geburt an ein außergewöhnliches Schicksal angekündigt. Eine leidenschaftliche Lust an der Jagd treibt ihn um, bis ihn ein unheimlicher Fluch trifft, vor dem er sein Leben lang zu fliehen versucht.
Die dritte, Herodias, führt in das Heilige Land der Antike. In der Festung Machaerus hält der Herrscher Herodes Antipas den Bußprediger Johannes gefangen, der seine Ehe öffentlich verurteilt. Bei einem großen Festmahl tanzt die junge Salome vor den Gästen.
Die Handlung im Detail↑
In Ein schlichtes Herz wächst Félicité nach dem Tod der Eltern als einfache Bauernmagd auf dem normannischen Land auf. Auf einem Ball lernt sie einen jungen Mann kennen, der ihr gefällt und sie heiraten will. Am verabredeten Tag erscheint er nicht; sie erfährt, dass er eine reiche alte Jungfer geheiratet hat, um sich von der Wehrpflicht freizukaufen. Verraten verlässt Félicité den Hof und geht nach Pont-l'Évêque, um eine Stelle als Dienstmagd zu finden. Da sie sehr genügsam ist, stellt die junge Witwe Madame Aubain sie ein, die von ihren Renten lebt und zwei Kinder hat, Paul und Virginie. Félicité versorgt den Haushalt sparsam und tüchtig und schließt die Kinder ins Herz.
Paul muss zur Ausbildung auf das Gymnasium nach Caen, Virginie beginnt unter Félicités Begleitung den Religionsunterricht. So lernt Félicité die Grundzüge des katholischen Glaubens kennen, der sie fasziniert, den sie aber auf ihre eigene Weise deutet. Auch Virginie zieht später zur Erziehung zu den Schwestern. Beider Kinder beraubt, findet Félicité Wärme bei ihrem Neffen Victor, der sie ab und zu besucht. Im Jahr 1819 heuert Victor als Seemann auf großer Fahrt an. Tief betrübt läuft Félicité allein zu Fuß nach Le Havre, um ihm Lebewohl zu sagen. Eines Tages erreicht sie die traurige Nachricht, dass Victor in Kuba am Gelbfieber gestorben ist, und sie versinkt in Trauer.
Wenig später erhält Madame Aubain schlechte Nachrichten über Virginies Gesundheit, deren schwache Konstitution unter einem Lungenleiden leidet. Eine Erholung in der Provence lehnt die Mutter ab, da das Kind sich zu bessern scheint; doch die Besserung währt nur kurz, und Virginie stirbt an einer Lungenentzündung. Félicité wacht zwei Tage und zwei Nächte bei der kleinen Toten, während die Mutter in Verzweiflung versinkt. Die Jahre vergehen im Rhythmus der Hausarbeit.
Im Jahr 1828 besucht der neue Unterpräfekt Madame Aubain, und es entsteht eine bürgerliche Freundschaft. Ein Beamter, der auf den Inseln gelebt hat, besitzt einen Papagei, der Félicité bezaubert, weil er aus Amerika stammt und sie an Victor erinnert. Bei seinem Weggang lässt er den Papagei zurück; Madame Aubain weiß nichts damit anzufangen und schenkt ihn der Magd. Félicité nennt ihn Loulou, pflegt ihn zärtlich und überträgt all ihre Liebe auf den Gefährten. Als der Papagei einmal entwischt, sucht und findet sie ihn, holt sich dabei aber eine Ohrenentzündung, die sie nahezu taub macht. Immer mehr zieht sie sich in ihre innere Welt zurück. Im Winter 1837 stirbt Loulou; auf Rat ihrer Herrin lässt Félicité ihn ausstopfen und stellt ihn in ihrer ärmlichen Kammer unter ihre Andenken. Vom Kirchenfenster mit der Taube des Heiligen Geistes ergriffen, verbindet sie den ausgestopften Vogel mit Gott und glaubt, der Vater habe sich, um sich auszudrücken, keine Taube wählen können, sondern einen der Vorfahren Loulous.
Im Jahr 1853 stirbt Madame Aubain, das Haus wird zum Verkauf angeboten. Da sich kein Käufer findet, darf Félicité bleiben; aus Angst vor einem Sinneswandel der Erben verlangt sie nichts zur Instandhaltung. Das Dach verfällt, ihre Kammer wird feucht, und sie zieht sich eine Lungenentzündung zu. Alt und krank gibt sie zum Fronleichnamsfest, nach einem letzten Abschiedskuss, den zerschlissenen Papagei dem Pfarrer, damit er auf dem Altar in der Nähe des Hauses einen Platz finde. Die Prozession zieht vorbei und hält am Ruheplatz, wo Loulou thront. Eine letzte Wolke Weihrauch erreicht die sterbende Félicité, die einen riesigen Papagei sieht, der sie in den Himmel trägt.
In Die Legende von Sankt Julian dem Gastfreundlichen ist Julian der Sohn eines kleinen Landherrn. Bei seiner Geburt erscheinen den Eltern unabhängig voneinander zwei übernatürliche Boten und kündigen an, dass der Sohn zu einem außergewöhnlichen Schicksal als Eroberer und als Heiliger bestimmt sei. Beide schweigen über die Weissagung und widmen sich ganz seiner Erziehung. Julian entdeckt eine berauschende Lust an der Jagd. Bald kann er seinen Trieb nicht mehr zügeln und richtet in den Wäldern Gemetzel an. Als er einen Hirsch, die Hirschkuh und ihr Kitz niedermetzelt, wendet sich der verwundete Hirsch ihm zu und stößt einen Fluch aus: Eines Tages werde Julian, grausames Herz, seinen Vater und seine Mutter ermorden.
Entsetzt verschanzt sich Julian tagelang. Schließlich nimmt er seine Übungen wieder auf, bis er eines Tages, im Glauben, einen Storch zu sehen, einen Wurfspeer schleudert, der in die Haube seiner gerade vorübergehenden Mutter trifft. Bestürzt, sie fast getötet zu haben, geht er auf der Stelle ins Exil mit einer Schar von Abenteurern, deren Anführer er nach und nach wird. Als Söldner dient er den Fürsten und Königen der Welt. Stets siegreich fordert er jahrelang den Tod heraus, um dem Fluch zu entkommen. Als er einen Kaiser des Abendlands erfolgreich verteidigt, bietet ihm der Herrscher zum Dank Geld, Land und Ruhm an. Julian lehnt alle Belohnungen ab; da gibt ihm der Kaiser seine Tochter zur Frau, der er nicht widerstehen kann.
Nach der Hochzeit ziehen Julian und seine Gattin in ihren neuen Palast. Doch Julian sehnt sich nach seinem früheren Leben, und keine Zerstreuung bereitet ihm Freude. Auf die besorgte Frage seiner Frau gesteht er den Fluch des Hirsches und seine Weigerung, zur Jagd oder zum Kampf zurückzukehren. Eines Abends jedoch, als Nachttiere um den Palast streifen, kann er nicht länger widerstehen und folgt mit seinem Köcher dem Ruf des dunklen Waldes; seiner Frau verspricht er die Rückkehr am Morgen. Am nächsten Tag erscheinen zwei Greise im Palast. Die Gattin nimmt sie auf, und sie geben sich als Julians Eltern zu erkennen. Beglückt bewirtet und beherbergt sie die beiden mit aller Pracht und überlässt ihnen ihr eigenes Zimmer und Bett.
Nach mehreren Tagen vergeblicher Jagd – jedes Tier entkommt ihm – kehrt Julian wütend im Dunkel des Abends zum Palast zurück und entdeckt einen Mann im Bett seiner Frau. Außer sich vor Zorn ersticht er blindlings die beiden Körper im Ehebett. Da tritt seine Frau herein, und im Licht ihrer Fackel erkennt er den Irrtum und den Mord an Vater und Mutter. Er befiehlt, nie wieder mit ihm zu sprechen, lässt die Eltern begraben und verlässt nach einigen Tagen für immer sein Haus.
Julian wird zum Bettler, irrt durch die Welt und büßt seine Schuld mit jedem Mittel, das ihm das Schicksal in den Weg legt. Alt und müde geworden, gelangt er eines Tages an einen Fluss, den seit Jahren wegen der Gefahr kein Fährmann mehr überqueren will. Er nimmt sich der Aufgabe an, setzt ein altes Boot wieder instand und richtet das Ufer her, um die Überfahrt kostenlos zu sichern. In tiefster Armut lebt er fortan wie ein Einsiedler. In einer Sturmnacht ruft eine Stimme vom anderen Ufer und verlangt die Überfahrt. Julian holt einen Aussätzigen in Lumpen, dessen Haltung gleichwohl die Majestät eines Königs hat. Trotz des tobenden Orkans setzt er ihn über, und der Mann bittet um Gastfreundschaft für die Nacht. Im Licht der Hütte zeigt sich ein ausgemergelter Leib voller nässender Geschwüre. Der Mann hat Hunger; Julian gibt ihm schwarzes Brot. Er hat Durst; Julian reicht ihm einen Krug, der sich wie durch ein Wunder mit Wein füllt. Er friert; Julian gibt ihm alles, was er besitzt, und sein Bett. Als der Aussätzige weiter über Kälte klagt und um die Wärme seines Körpers bittet, entkleidet sich Julian und wärmt ihn Brust an Brust, Atem an Atem. Da umarmt ihn der Aussätzige fester und verwandelt sich in wunderbares Licht und Weihrauch. Julian steigt mit ihm zum Himmel auf und steht dem Herrn Jesus gegenüber.
In Herodias hält Herodes Antipas in seiner Festung Machaerus am Toten Meer den Gefangenen Iaokannan – Johannes den Täufer – fest, der seine widernatürliche Verbindung mit Herodias, seiner eigenen Nichte, öffentlich verurteilt. Herodias hatte den Bruder des Herodes verlassen, dessen Frau sie war; allein vom Eigennutz getrieben, fürchtet sie, verstoßen zu werden.
Bei einem großen Festmahl führt Salome, die Tochter der Herodias, einen hinreißenden Tanz auf, der alle Gäste betört. Als Antipas sich bereit erklärt, ihr alles zu geben, was sie wünscht, verlangt Salome, von ihrer Mutter gelenkt, den Kopf des Johannes auf einer Schale. Als das abgeschlagene Haupt Antipas vorgelegt wird, rinnen ihm Tränen über die Wangen. Die Fackeln verlöschen, die Gäste gehen; allein bleibt Antipas zurück, die Hände an den Schläfen, den Blick stets auf den abgeschlagenen Kopf gerichtet, während Phanuel mit ausgebreiteten Armen Gebete murmelt. Am nächsten Tag treffen zwei Männer ein, die einst von Johannes ausgesandt worden waren. Phanuel bricht mit ihnen nach Galiläa auf und trägt das Haupt fort. Weil es sehr schwer war, trugen sie es abwechselnd.
Stil↑
Eine große Kraft der Vergegenwärtigung kennzeichnet den Band, ob es sich um das seelische Bild Félicités, um die Gewalt von Julians Taten oder um die bis zum Schwindel überladene Atmosphäre der antiken Erzählung handelt. Flauberts Schreibweise ist beherrscht und genau. Sie arbeitet mit starken Bildern, die in der phantastischen Legende kaum überraschen – Julian durchquert Gegenden, die so glühend sind, dass sich unter der Sonnenhitze die Haare von selbst entzünden wie Fackeln. Unerwarteter wirken solche Bilder in der realistischen Erzählung um Félicité, wo sich große Gräser im Wasser neigen wie die Haare von Leichen. Der Auftritt des abgeschlagenen Hauptes am Ende der antiken Erzählung ist besonders eindrücklich: Nach einer Spannung von großer Intensität steht dort ein ganz einfacher Satz – „Der Kopf trat ein."
Bemerkenswert ist die Anordnung der drei Texte. Die erste Erzählung spielt in Flauberts eigener Gegenwart, die mittlere im Mittelalter, die letzte in einem fernen Altertum. Je weiter man im Buch voranschreitet, desto weiter entfernt man sich in der Zeit. Die Namen Paul und Virginie verweisen auf den 1788 erschienenen Roman Paul und Virginie von Bernardin de Saint-Pierre. Eine Deutung sieht in den drei Erzählungen jeweils einen Bezug zu früheren Werken Flauberts: die Erzählung um Félicité zu Madame Bovary, die Julians-Legende zu Die Versuchung des heiligen Antonius und die antike Erzählung zu Salambo.
Rezeption↑
Als letztes vollendetes erzählerisches Werk Flauberts nimmt der Band einen besonderen Platz in seinem Schaffen ein. Da Flaubert fast dreißig Jahre an den Texten arbeitete und drei Jahre nach ihrem Erscheinen starb, gilt das Buch als eine Art Summe seiner Kunst. Es vereint die verschiedenen Seiten des Schriftstellers: den feinfühligen Beobachter des inneren Lebens, den Maler und Historiker ferner Welten und den Liebhaber der Fabel und des Wunderbaren. Nacheinander liefern die eigene Gegenwart, das Mittelalter und die Antike den Schauplatz.
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