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Werkseintrag · Die Erziehung des Menschengeschlechts
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Die Erziehung des Menschengeschlechts
1780
– Werkseintrag –

Die Erziehung des Menschengeschlechts

1780 · Essay

Lessings Gedankenspiel über eine Menschheit, die wie ein heranwachsendes Kind durch die Religionen hindurch zu immer reiferer Vernunft erzogen wird.

Überblick↑

Das religionsphilosophische Hauptwerk Gotthold Ephraim Lessings erschien 1780 und trägt den Titel Die Erziehung des Menschengeschlechts. In hundert kurzen, durchnummerierten Abschnitten entwirft Lessing den Gedanken, dass sich die Menschheit als Ganzes ähnlich entwickle wie ein einzelner Mensch, der heranwächst und lernt. Gott erscheint dabei als eine Art Erzieher, die Religionen als Lehrmittel auf dem Weg zu immer reiferer Vernunft. Die Schrift gehört zu Lessings Spätwerk und steht in engem Zusammenhang mit seinem Drama Nathan der Weise, das ein Jahr zuvor herauskam und eine verwandte Frage behandelt: das Verhältnis von Glaube, Vernunft und Toleranz.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht ein einziger großer Vergleich. Was die Erziehung für den einzelnen Menschen ist, das ist nach Lessing die göttliche Offenbarung für das ganze Menschengeschlecht. So wie ein Kind nach und nach lernt und seine Vernunft entfaltet, so reift auch die Menschheit über lange Zeiträume hinweg heran.

Lessing beschreibt diesen Reifeweg in mehreren Stufen. Auf einer ersten Stufe werden die Menschen durch unmittelbare Strafen und Belohnungen gelenkt, ganz so, wie man kleine Kinder erzieht. Auf einer weiteren Stufe verlagert sich der Lohn in eine künftige Welt, und der Mensch lernt, über das unmittelbar Sichtbare hinauszudenken. Lessing ordnet diesen Stufen die großen Überlieferungen der jüdisch-christlichen Tradition zu und liest sie als Schulbücher der Menschheit, die jeweils zu ihrer Zeit angemessen waren.

Die Schrift kreist um zwei Begriffspaare: Offenbarung und Erziehung auf der einen, Vernunft und Entwicklung auf der anderen Seite. Mal scheint die Offenbarung den Vorrang zu haben, mal die Vernunft. Wie Lessing diese Spannung auflöst und wohin sein Gedankengang am Ende führt, entfaltet der Text in seinen abschließenden Abschnitten.

Die Handlung im Detail↑

Den Kern der Schrift bildet der Vergleich zwischen der Erziehung des einzelnen Menschen und der Entwicklung der gesamten Menschheit. Die göttliche Offenbarung ist für das Menschengeschlecht das, was die Erziehung für das einzelne Kind bedeutet. Diese „Erziehung“ vollzieht sich in drei Stadien.

Im ersten Stadium lenkt die Offenbarung die Menschen durch unmittelbare, sinnlich fassbare Strafen und Belohnungen; Lessing verbindet dies mit dem Alten Testament. Im zweiten Stadium wird durch die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele der Lohn und die Strafe ins Jenseits verlegt; dies ordnet er dem Neuen Testament zu. In einem dritten Stadium schließlich wird es weder Belohnung noch Strafe mehr brauchen, weil die menschliche Vernunft dann so weit gereift ist, dass die Menschen das Gute tun, einfach weil es das Gute ist. Dieses dritte Stadium nennt Lessing das „Ewige Evangelium“. Alle Völker durchlaufen diese Stufen, und an ihren jeweiligen Religionen lässt sich der erreichte Entwicklungsstand ihrer Vernunft ablesen.

Durch die ganze Schrift zieht sich ein scheinbarer Widerspruch. An manchen Stellen scheint die Offenbarung den Vorrang zu haben, an anderen die Vernunft. Lessing löst diesen Widerspruch, indem er beide als zwei Seiten einer Einheit begreift: Die Offenbarung erscheint nur als Bild für den jeweiligen Entwicklungsstand der menschlichen Vernunft, und Gott als Bild für den inneren Antrieb des Menschen, sich immer weiterzuentwickeln. Die Offenbarung wird so zum „Noch-Nicht“ der Vernunft. Die Menschheit entfaltet sich aus sich selbst heraus, indem sie ihre anfänglich mythischen Naturdeutungen Schritt für Schritt überwindet. Die Offenbarung ist für Lessing dabei nur ein geschichtliches Faktum, während die Vernunft ewig gilt. Dahinter steht seine Überzeugung von einem ständigen Fortschritt: Zwischen gegenwärtiger Unvollkommenheit und künftiger Vollkommenheit besteht eine dauernde Spannung, und die Entwicklung von Vernunft und Sittlichkeit bewegt sich vom einen zum anderen Pol.

Lessing erwähnt aber auch den Gedanken, dass der Glaube an den Fortschritt selbst ein Irrglaube sein könnte, und nennt ihn einen „Lästerungsgedanken“, den nur inständiges Beten vertreiben könne. Diese Selbstzweifel-Stelle hat eine Entsprechung in der Ringparabel des Nathan der Weise, wo der Richter erwägt, der echte Ring sei vielleicht verloren gegangen.

Ein besonderes Gewicht hat das Ende der Schrift. Dort taucht der Gedanke der Reinkarnation, der mehrfachen Wiederkehr des einzelnen Menschen auf der Erde, als wünschenswerte Denkmöglichkeit auf. Lessing fragt, warum jeder Mensch nicht mehr als einmal auf dieser Welt gewesen sein sollte, und sieht in der wiederholten Rückkehr keine düstere Last, sondern eine großartige Chance, immer neue Kenntnisse und Fähigkeiten zu erwerben. Dass man frühere Leben vergisst, deutet er als Vorteil, und dem Einwand verlorener Zeit hält er entgegen: „Ist nicht die ganze Ewigkeit mein?“ Mit dieser hoffnungsvollen Wendung schließt der Text.

Stil↑

Auffällig ist die Form: Lessing gliedert seine Gedanken in hundert kurze, knapp durchnummerierte Abschnitte. Das Werk liest sich dadurch nicht wie eine fortlaufende Abhandlung, sondern wie eine Folge von verdichteten Sätzen, die einen Gedankenschritt nach dem anderen setzen. Diese knappe, fast thesenhafte Bauweise zwingt den Leser, mitzudenken und die Verbindungen selbst herzustellen.

Lessing arbeitet mit einer Verschleierung: Er gibt vor, die Schrift stamme von einem „guten Freund“, der sich gern „allerlei Hypothesen und Systeme“ mache, „um das Vergnügen zu haben, sie wieder einzureißen“. Diese Maske gehört zu seiner Art, religiöse Fragen offen, aber vorsichtig zu verhandeln. Seine religionsphilosophischen Schriften sind durchweg als „Gegen-Schriften“ angelegt: Sie wenden sich an ein gedachtes Gegenüber, dessen Standpunkt man kennen muss, um Lessings eigene Meinung indirekt zu erschließen. Diese behutsame Redeweise entspringt nicht Berechnung, sondern der Achtung vor der Überzeugung des anderen und einem Geist der Toleranz.

Rezeption↑

Bereits vor dem vollständigen Erscheinen wirkte der Text in die Debatten seiner Zeit hinein. Die Abschnitte 1 bis 53 wurden schon 1777 im Rahmen des sogenannten Fragmentenstreits veröffentlicht, Lessings öffentlicher Auseinandersetzung mit dem Hauptpastor Johann Melchior Goeze und anderen. Innerhalb dieses Streits nimmt die Schrift eine Sonderstellung ein, weil sie einer der größten zusammenhängenden, von Lessing selbst verfassten Teile war. Die vollständige Fassung mit allen hundert Abschnitten erschien 1780, im selben Jahr wie die sogenannten Jacobi-Gespräche, in denen Lessing ungewöhnlich offen über seine eigenen religiösen Ansichten sprach.

Über die Verfasserschaft gab es später Verwirrung: Der Literaturhistoriker Wilhelm Körte nannte 1839 den jungen Albrecht Daniel Thaer als angeblichen Urheber der Schrift. Bis heute zählt das Werk zu den vielfach untersuchten Texten der Lessing-Forschung und gilt als Schlüsseltext für sein religionsphilosophisches Denken.

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