Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Miss Sara Sampson
Eingang · Werke · Miss Sara Sampson
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Miss Sara Sampson
1755
– Werkseintrag –

Miss Sara Sampson

1755 · Tragödie

Lessings erstes bürgerliches Trauerspiel: In einem englischen Gasthof ringen ein flüchtiges Liebespaar, ein vergebungsbereiter Vater und eine eifersüchtige frühere Geliebte um Liebe, Reue und Vergebung.

Überblick

Mit Miss Sara Sampson schuf Gotthold Ephraim Lessing das erste bürgerliche Trauerspiel der neueren deutschen Literatur. Das Stück erschien im Jahr 1755 und wurde im selben Jahr uraufgeführt. Es gehört zur Epoche der Empfindsamkeit. Lessing stellt einfache, bürgerliche Menschen in den Mittelpunkt und macht ihr privates Gefühlsleben zum Stoff der ernsten Bühne.

Inhalt (ohne Spoiler)

In einem Gasthof in England treffen Menschen aufeinander, deren Wege sich besser nie gekreuzt hätten. Die tugendhafte junge Sara Sampson ist mit ihrem Geliebten Mellefont von zu Hause geflohen, weil ihr Vater diese Verbindung nicht billigte. Die beiden wollen nach Frankreich weiterreisen und dort heiraten. Doch während Sara auf die Hochzeit drängt, findet Mellefont immer neue Gründe, die Abreise hinauszuzögern.

Bald sind dem Paar zwei Verfolger auf der Spur. Der eine ist Saras Vater, Sir William Sampson, der gekommen ist, um seine Tochter zurückzuholen und sich mit ihr zu versöhnen. Die andere ist Marwood, eine frühere Geliebte Mellefonts, mit der ihn ein gemeinsames Kind verbindet. Marwood will den Mann zurückgewinnen – nicht aus Liebe, sondern aus verletztem Stolz.

So stehen sich Vergebung und Eifersucht, Reue und Berechnung gegenüber. Lessing entfaltet ein dichtes Spiel aus Briefen, heimlichen Begegnungen und falschen Namen, in dem lange offenbleibt, ob sich das Schicksal der Liebenden zum Guten oder zum Schlimmen wendet.

Die Handlung im Detail

Schauplatz ist ein Gasthof in England. Als erstes reist Sir William Sampson, der Vater Saras, mit seinem Diener Waitwell an. Er will seine Tochter zurückholen und sich mit ihr versöhnen, denn er hatte ihren Geliebten zuvor nicht akzeptiert. Ihn treibt die Liebe zur Tochter, aber auch die Sorge, im Alter allein zu bleiben. Sara selbst ist mit Mellefont auf der Flucht nach Frankreich, wo die beiden heiraten wollen. Während Sara zur Eile drängt, zögert Mellefont. Er verzögert die Reise mit dem Vorwand, auf das Erbe eines Vetters zu warten. Dieses Erbe steht ihm nur zu, wenn er eine Verwandte heiratet, die er hasst; weil die Abneigung gegenseitig ist, haben beide sich darauf geeinigt, das Erbe einfach zu teilen. Auch Sara leidet unter der Trennung vom Vater und bereut, dass sie ihn verlassen wollte. Unterdessen schreibt Marwood, Mellefonts frühere Geliebte, einen Brief: Sie sei in einem nahen Gasthof abgestiegen, wo Mellefont sie aufsucht.

Dem Paar sind also gleich zwei Personen auf der Spur – der empfindsame Vater und die zurückgelassene Marwood. Marwood will Mellefont zurückgewinnen, doch aus verletztem Ehrgefühl, nicht aus echter Liebe. Zuerst versucht sie es mit Vertraulichkeit, dann führt sie ihm die gemeinsame Tochter Arabella vor Augen, um sein Herz zu rühren. Es scheint zu wirken: Mellefont verlässt das Zimmer, um sich von Sara loszusagen. Doch kurz darauf kehrt er zu sich und zu seinem Entschluss zurück – er will bei Sara bleiben und die Tochter mitnehmen. Da zeigt Marwood ihr wahres Gesicht und versucht, ihn mit einem Dolch zu erstechen. Es misslingt, und sie gibt vor, ihre Tat zu bereuen. Als letzte List lässt sie sich von Mellefont die Erlaubnis geben, Saras unter falschem Namen gegenüberzutreten. Mellefont willigt ein.

Sir William, der von Marwood den Aufenthaltsort des Paares erfahren hat, bringt den ersten Wendepunkt: Er schreibt seiner Tochter einen Brief, in dem er beiden vergibt und sie zur Rückkehr auffordert. Sara zögert zunächst, liest ihn aber nach langen Gesprächen mit dem Diener Waitwell und beginnt eine Antwort. Dabei wird sie unterbrochen, denn es kommt zur ersten Begegnung mit Marwood. Sara ahnt nicht, wer ihr gegenübersteht, und hält die Fremde für eine Lady Solmes, eine Verwandte Mellefonts. Eine Zeit lang scheint eine friedliche Lösung möglich – beinahe hätte sich aus dem Stoff eine rührende Komödie entwickelt. Doch die intrigante Marwood treibt das Geschehen ins Tragische.

Im vierten Aufzug wird deutlich, dass Mellefont der Hochzeit zögerlicher gegenübersteht, als man bisher annahm. Dann beginnt der Anfang vom Ende: Marwood sucht Sara erneut auf, um sich angeblich zu verabschieden. In einem hochdramatischen Gespräch, in dem Sara ihre Auffassung von Tugend darlegt, verrät sich Marwood und muss ihre wahre Identität preisgeben. Entsetzt flieht Sara und fällt in eine kurze Ohnmacht.

Zunächst scheint sich danach alles zu beruhigen. Sara hat zwar Zweifel, als sie von Arabella erfährt, doch nachdem sie Mellefont zur Rede gestellt hat, verzeiht sie ihm und bietet sogar an, dessen Tochter wie ihr eigenes Kind großzuziehen. Doch ihr Zustand verschlechtert sich. Anfangs schiebt man die Schwäche auf die Folgen der Ohnmacht – bald aber zeigt sich, dass Marwood Sara vergiftet hat. Verzweifelt eilt Mellefont um Hilfe. Sir William, der das beobachtet, erkennt darin Mellefonts wahre Liebe. Am Sterbebett wird vergeben: Der Vater verzeiht den Liebenden, Sara verzeiht Marwood und bittet ihren Vater, sich Mellefonts und der kleinen Arabella anzunehmen. Von eigenen Schuldgefühlen geplagt, willigt der Vater ein. Angesichts dieses Edelmuts bringt es Mellefont nicht über sich, an Marwood Rache zu nehmen; doch er findet auch nicht die Kraft, sich selbst zu vergeben, und ersticht sich. Sir William erfüllt dennoch den letzten Wunsch seiner Tochter und nimmt Arabella zu sich.

Stil

Das Werk gehört zur Gattung des bürgerlichen Trauerspiels und ist in fünf Aufzüge gegliedert, die der überlieferten Form der Tragödie folgen. Im Geist der Empfindsamkeit rückt Lessing das Gefühl in den Mittelpunkt: Tugend, Reue, Vergebung und Mitleid bestimmen das Geschehen. Vieles entwickelt sich über Briefe, Beichten und lange, zugespitzte Gespräche, in denen die Figuren ihr Inneres offenlegen. Das Stück lebt von dieser Spannung zwischen aufrichtigem Gefühl und Berechnung – verkörpert in den beiden gegensätzlichen Frauengestalten Sara und Marwood.

Rezeption

Als erstes bürgerliches Trauerspiel der neueren deutschen Literatur nimmt Miss Sara Sampson einen festen Platz in der Geschichte des deutschen Theaters ein. Das Werk gehört bis heute zum festen Bestand der Literaturgeschichte und wird auf den Bühnen immer wieder neu inszeniert.

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