1753
Mirandolina
Überblick↑
Die Komödie Mirandolina von Carlo Goldoni, im italienischen Original La locandiera (die Wirtin), spielt in drei Akten im Wirtshausmilieu von Florenz. Sie wurde 1752 in Venedig uraufgeführt und zählt zu den bekanntesten Werken Goldonis. Bis heute wird das Stück gespielt und wurde mehrfach als Oper und als Film bearbeitet. Im Mittelpunkt steht eine kluge Gastwirtin, deren Titelrolle als begehrte Aufgabe für wandlungsfähige Schauspielerinnen gilt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Florenz des 18. Jahrhunderts führt die ledige Gastwirtin Mirandolina ein Wirtshaus und wird zugleich von gleich mehreren Männern umworben. Da sind der verarmte Marchese Forlipopoli, der mit altem Adelstitel, aber leerer Kasse auftritt, und der neureiche Conte Albafiorita, der mit teuren Geschenken um sie wirbt. Auch der Kellner Fabrizio hat ein Auge auf seine Herrin geworfen.
Des dauernden Werbens überdrüssig, fühlt sich Mirandolina ausgerechnet zu einem Gast hingezogen, der von Frauen nichts wissen will: dem schroffen und nörgelnden Cavaliere Ripafratta, einem erklärten Frauenfeind. Aus einer Laune heraus setzt sie sich in den Kopf, gerade diesen unnahbaren Mann mit ihrem Charme zu bezwingen. Während sie ihr feines Spiel beginnt, ziehen zwei Schauspielerinnen im Gasthof ein, die sich als vornehme Damen ausgeben und damit für allerlei Verwicklungen sorgen.
Goldoni entfaltet daraus ein heiteres Verwirrspiel um Eitelkeit, Geld und Verstellung, in dem die Wirtin alle Fäden in der Hand hält. Wohin ihr gewagtes Spiel mit dem Frauenfeind führt, bleibt der Lektüre vorbehalten.
Die Handlung im Detail↑
Der erste Akt führt nach Florenz im Jahr 1753. Die ledige Gasthofpächterin Mirandolina wird vom verarmten Marchese Forlipopoli, vom neureichen Conte Albafiorita und vom Kellner Fabrizio umworben – wie schon von vielen Männern vor ihnen. Mirandolina ist des dauernden Werbens überdrüssig und sucht stattdessen die Nähe zum erklärten Frauenfeind Cavaliere Ripafratta. Aus einer Laune heraus beginnt sie nun, gerade diesen schroffen und nörgelnden Mann zu umgarnen. Als zwei vorausgereiste Komödiantinnen ihrer Schauspieltruppe im Gasthof ein Zimmer beziehen und von Fabrizio für edle Damen gehalten werden, geben sie sich als Baronessa Ortensia und Contessa Dejanira aus. Während Fabrizio unterwürfig vor allem auf Trinkgeld hofft, wittern der Marchese und der Conte eine gute Partie und suchen die Gesellschaft der Neuankömmlinge. Dabei sticht der Conte den Marchese aus: Er hat Mirandolina gerade Diamantschmuck geschenkt, während der Marchese ihr nur ein Tüchlein übereignet hat – gekauft vom Geld, das er sich beim Cavaliere geliehen hatte. Auch die Schauspielerinnen erhoffen sich finanzielle Vorteile und nehmen das Angebot des Conte zum gemeinsamen Speisen an. Mirandolina hat die beiden Frauen längst durchschaut, deckt die Verstellung aber nicht auf. Schließlich betreibt sie selbst ein einträgliches Spiel: Bei jedem Geschenk gibt sie scheinheilig vor, sie nehme es nur an, um ihre Gäste nicht zu verstimmen.
Im zweiten Akt wankt der Cavaliere unter Mirandolinas feinen Avancen. Ortensia und Dejanira haben sich inzwischen dem Conte gegenüber zu erkennen gegeben. Zu dritt beschließen sie, den Marchese weiter an der Nase herumzuführen. Ortensia will außerdem den Cavaliere in sich verliebt machen, nachdem sie von seiner ungewöhnlichen Eigenart und obendrein von seinem Reichtum und seiner Freigebigkeit gehört hat. Dieser Plan scheitert jedoch rasch. Als der Cavaliere vor Mirandolinas einnehmender Güte und herzerweichendem Charme fliehen und abreisen will, verhindert sie das durch eine vorgetäuschte Ohnmacht.
Im dritten Akt gesteht der Cavaliere Mirandolina, dass er sich in sie verliebt hat. Sie verhält sich nun abweisend gegen ihn, dafür betont freundlich gegenüber Fabrizio. Das Zusammentreffen des Cavaliere mit dem Conte und dem Marchese ist von den vorangegangenen Ereignissen aufgeladen: Der Conte ist wütend auf den Cavaliere, weil dieser sich nur verstellt habe, um sich heimlich an Mirandolina heranzumachen. Der Cavaliere wiederum ist wütend, weil Mirandolina ihn plötzlich meidet und der Conte ihm Liebesabsichten unterstellt. Das Verhalten des Marchese ist von Furcht vor dem Cavaliere gezügelt: Er hatte ein liegengebliebenes, vermeintlich minderwertiges, in Wahrheit aber echt goldenes Geschenk des Cavaliere an Mirandolina kurzerhand an Dejanira weiterverschenkt. Cavaliere und Conte stehen schon kurz vor einem Degengefecht, als Mirandolina und Fabrizio hinzukommen. Mirandolina demütigt den Cavaliere, indem sie provokativ beteuert, dass er sie ganz gewiss nicht liebe. Dann verkündet sie, dass sie dem Willen ihres verstorbenen Vaters folgen und Fabrizio heiraten werde. Der Cavaliere reist umgehend ab. Bei Mirandolina regt sich ein schlechtes Gewissen wegen ihres groben Spaßes. Der Conte und der Marchese fügen sich in ihr Schicksal und versprechen, sich eine neue Herberge zu suchen.
Stil↑
Getragen wird das Stück von einer leicht und luftig wirkenden Bauweise, die mehrere Kritiker als feingesponnene Handlung gelobt haben. Goldoni verbindet eine geschickt geführte Komödienhandlung mit lebendiger Dialog- und Situationskomik. Der Reiz liegt weniger in einer großen Geschichte als im genauen Beobachten von Eitelkeit, Berechnung und Verstellung: Fast jede Figur spielt eine Rolle, und die Wirtin spielt mit allen. So entsteht ein graziöses Lustspiel, dessen Witz sich aus feinsinnigen Wortspielen und gut zugeschnittenen Auftritten speist.
Die Titelrolle ist dabei das Herzstück. Sie gilt als Partitur, die erst durch die Schauspielerin zum Klingen kommt, und bietet wandlungsfähigen Darstellerinnen viel Raum für spielerische Entfaltung. Eben dieser Bau aus passgenauen, dankbaren Rollen macht das Werk zu wirkungsvollem Theater.
Rezeption↑
Schon zur Entstehungszeit galt das Stück als eine der gelungensten Arbeiten Goldonis. Goldoni selbst vermutete in seiner Autobiografie, man habe ihm und Italien vielleicht geschmeichelt, doch habe man ihn glauben gemacht, er habe nichts Natürlicheres und besser Durchgeführtes geschrieben, mit gut unterbauter und abgerundeter Handlung. Bereits die Darstellerinnen der Medebachschen Truppe am Teatro S. Angelo rissen sich um die Hauptrolle. Seither gilt sie als begehrte Paraderolle: Verkörpert wurde Mirandolina unter anderem von Eleonora Duse, Agnes Sorma, Käthe Dorsch und Maria Wimmer. Zu den bekanntesten zählte Eleonora Duse, die ihr Können in dieser Rolle 1894 auch vor der britischen Königin Victoria zeigte.
Die Urteile der Theaterkritik fielen über die Jahrzehnte sehr unterschiedlich aus. Vielfach überwog die Hochachtung vor der Hauptfigur und vor dem dauerhaften Aufführungserfolg. So hob Walter Manggold im Südkurier 1962 die langlebige Wirkung des Werkes hervor. Andere stellten den reinen Unterhaltungswert in den Vordergrund: Goldoni habe sein Publikum auf amüsante Weise unterhalten wollen, und dass dabei mehr herauskam, sei seinem komödiantischen Talent zu verdanken.
Es fehlte aber nicht an kritischen Stimmen. Der Theaterkritiker Friedrich Luft lehnte den in der Substanz etwas dünnen Spaß ab. Eine besonders harsche Besprechung in den Gladbecker Ruhr Nachrichten von 1962 nannte das Stück seicht statt leicht und albern statt heiter. Joachim Kaiser meinte, für das 20. Jahrhundert sei der einst realistische Reiz verflogen und das Stück wirke nur noch flach. Eine Auswertung mehrerer Theaterkritiken des Jahres 1957 ergab jedoch, dass einzig die Vorlage selbst – unabhängig von Regie, Bühnenbild und Darstellern – ausnahmslos positive Wertungen erhielt. Häufig wird das Werk als bestes, bekanntestes oder meistgespieltes Stück Goldonis bezeichnet, mitunter gemeinsam mit Der Diener zweier Herren genannt.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →