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Werkseintrag · Hamburgische Dramaturgie
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Hamburgische Dramaturgie
1767
– Werkseintrag –

Hamburgische Dramaturgie

1767 · Essay

Aus seiner täglichen Arbeit als Hamburger Theaterkritiker entwickelte Lessing eine neue Idee davon, was ein Drama leisten soll: Mitgefühl statt Schrecken, Menschen statt Könige.

Überblick↑

Das Werk Hamburgische Dramaturgie ist eine Sammlung von Theaterkritiken, die Gotthold Ephraim Lessing zwischen 1767 und 1769 als Dramaturg des Hamburger Nationaltheaters verfasste. Es ist kein einheitlich durchkomponiertes Buch, sondern eine Folge von Einzelbetrachtungen, in denen Lessing aufgeführte Stücke besprach und zugleich grundsätzliche Fragen der Dramentheorie erörterte. Während die Anmerkungen zu einzelnen Aufführungen heute vor allem von historischem Interesse sind, wirken die allgemeinen Überlegungen zur Poetik bis heute nach. In ihnen entwickelte Lessing seine Auffassung von der Wirkung der Tragödie und wandte sich gegen die starren Regeln des älteren Theaters.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Den Ausgangspunkt bilden die Aufführungen am Hamburger Nationaltheater. Lessing knüpft an einzelne Stücke an, würdigt und kritisiert sie und gelangt von dort aus immer wieder zu größeren Fragen: Wie soll ein Drama gebaut sein, welche Wirkung soll es auf den Zuschauer ausüben, und welchen Wert haben die überlieferten Regeln?

Im Zentrum steht eine Auseinandersetzung mit der Dramentheorie seiner Zeit. Lessing prüft die formalen Vorschriften, an denen sich die Literaturtheoretiker bis dahin orientierten, vor allem die sogenannten Drei Einheiten von Handlung, Ort und Zeit. Er stellt die Frage, worin die eigentliche Aufgabe der Tragödie besteht, und beruft sich dabei auf den antiken Philosophen Aristoteles, dessen Lehre er allerdings neu deutet. So entsteht aus Theaterkritik allmählich eine grundsätzliche Überlegung darüber, was gutes Theater leisten soll.

Die Handlung im Detail↑

Lessing schrieb das Werk in seiner Stellung als Dramaturg des Hamburger Nationaltheaters und sah die Notwendigkeit, bei der Aufführung von Dramen neue Wege zu gehen. Die einzelnen Stücke der Sammlung gehen von aktuellen Aufführungen aus, doch ihr bleibender Gehalt liegt in den grundsätzlichen Gedanken zur Poetik.

Lessing setzt sich mit der bis dahin herrschenden Dramenauffassung auseinander. Diese richtete ihr Augenmerk vor allem auf die Einhaltung formaler Regeln, insbesondere der Drei Einheiten: der Einheit der Handlung, des Ortes und der Zeit. Solche Vorgaben waren kennzeichnend für das Barocktheater, das im Zeitalter des Absolutismus dessen strenges Ordnungssystem widerspiegelte. Für das adlige Publikum wurden Tragödien gegeben, für das „gemeine Volk“ Lustspiele. Als Abklatsch der Tragödien gab es zudem die Haupt- und Staatsaktionen, in denen neben königlichen Helden auch Figuren aus der Commedia dell'arte als lustige Personen auftraten.

Gegen diese Tradition stellt Lessing eine neue Bedingung auf: Die erste Wirkung der Tragödie auf den Zuschauer müsse das Mitleiden sein. Auch er beruft sich auf Aristoteles, wendet sich aber gegen jene Theoretiker, die neben dem Mitleid die Furcht als wesentliche Wirkung betonten. Man habe Aristoteles falsch verstanden, erklärt Lessing. Der Begriff, den die bisherigen Dramentheoretiker mit „Schrecken“ übersetzten, sei in Wahrheit als mitfühlende Angst zu deuten – als das Gefühl, dass das Geschehen auf der Bühne auch einen selbst treffen könnte. Damit sei die Furcht untrennbar mit dem Mitleid verbunden.

Aus diesen Gedanken wird der Kern dessen, was man die aufklärerische Katharsis-Lehre des Dramas nennt: Durch das Mitfühlen solle im Zuschauer eine Wandlung geschehen, die ihn tugendhafter macht. Daraus folgt für Lessing, dass die Helden der Dramen „von gleichem Schrot und Korne“ wie der Zuschauer sein sollen. Das gelte gerade auch für die Darstellung von Monarchen: „Wenn wir mit Königen Mitleiden haben, so haben wir es mit ihnen als mit Menschen, und nicht als mit Königen“ – ein für die damalige Zeit durchaus kühner Gedanke.

Aristoteles dient Lessing dabei nicht deshalb als Vorbild, weil er hohes Ansehen genießt, sondern weil sein Gedankengebäude vernünftig sei – eine Haltung, die ganz dem Geist der Aufklärung entspricht. Entscheidend sind für Lessing die Einheitlichkeit, Natürlichkeit und Wahrscheinlichkeit der Handlung. Verwickelte Episoden und romanhafte Wendungen, wie das Barocktheater sie kannte, lehnt er ab. Seine Neudeutung der aristotelischen Lehre bewirkte einen spürbaren Wandel: An die Stelle opulenter Schauspiele mit noblen Figuren und grellen Charakterrollen traten zunehmend bürgerliche Stücke, in denen sich der Zuschauer leichter wiederfinden konnte. Das bürgerliche Drama löste das barocke ab. Der zweite Band der Sammlung erschien 1769; um die Auseinandersetzung mit dem Verleger und die daraus folgenden Änderungen der zweiten Auflage rankt sich eine eigene Geschichte.

Stil↑

Eine geschlossene, systematisch aufgebaute Abhandlung wollte Lessing nicht vorlegen. Stattdessen reiht sich Kritik an Kritik: einzelne, fortlaufend gezählte „Stücke“, die jeweils an eine Aufführung anknüpfen und sich von dort zu größeren Fragen vortasten. Aus dieser losen Form gewinnt das Werk seine besondere Beweglichkeit. Lessing argumentiert, prüft Einwände, widerlegt Gegenmeinungen und führt den Leser Schritt für Schritt zu seinen Schlüssen.

Die Darstellung lebt vom Streitgespräch mit der überlieferten Lehre. Lessing zitiert, deutet und stellt richtig; er beruft sich auf Aristoteles und ringt zugleich um die richtige Auslegung. Sein Ton ist klar und prüfend, getragen vom Vertrauen in die Vernunft. Begriffe werden genau abgewogen, Behauptungen am Beispiel überprüft. So verbindet sich die Tagesarbeit des Theaterkritikers mit dem grundsätzlichen Nachdenken über die Kunst – die Einzelbesprechung wird immer wieder zum Anlass für allgemeine Einsicht.

Rezeption↑

Mit seiner Neudeutung der aristotelischen Dramentheorie löste Lessing einen merklichen Wandel in der Auffassung vom Theater aus. Sein Gedanke, dass die Bühnenfiguren dem Zuschauer ähneln und nicht über ihm stehen sollten, half dem bürgerlichen Drama zum Durchbruch und drängte das ältere, höfisch geprägte Theater zurück. Damit zählt das Werk zu den einflussreichen Schriften zur Dramentheorie im deutschsprachigen Raum und wird bis heute als Wendepunkt im Verständnis von Tragödie und Bühnenwirkung gelesen.

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