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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Emilia Galotti
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Emilia Galotti
1772
– Werkseintrag –

Emilia Galotti

1772 · Tragödie

Ein Fürst begehrt die Tochter aus bürgerlichem Haus – und ein Vater steht am Ende vor einer Wahl, die alles fordert.

Überblick↑

Das bürgerliche Trauerspiel Emilia Galotti von Gotthold Ephraim Lessing erschien 1772. Es gilt als eines der wichtigsten deutschsprachigen Dramen der Aufklärung. In fünf Aufzügen erzählt es vom Konflikt zwischen höfischer Willkür und bürgerlicher Tugend. Lessing griff den antiken Stoff der römischen Verginia auf, veränderte ihn aber an entscheidenden Stellen. Das Stück setzt sich bewusst von der französischen Vorbildtragödie und der Regelpoetik Johann Christoph Gottscheds ab. Brisant wurde es dadurch, dass es die willkürliche Herrschaft des Adels gegen die neue aufgeklärte Moral des Bürgertums stellt. Es konfrontiert zudem alte feudale Vorstellungen von Liebe und Ehe mit dem empfindsamen bürgerlichen Liebesverständnis.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Der Prinz Hettore Gonzaga von Guastalla hat sich in das bürgerliche Mädchen Emilia Galotti verliebt. An jenem Morgen erfährt er, dass Emilia noch am selben Tag den Grafen Appiani heiraten soll. Diese Nachricht versetzt ihn in Aufregung. Sein Kammerherr Marinelli verspricht, die Hochzeit zu verhindern, und bekommt freie Hand für seine Pläne. Der Prinz spricht die junge Frau überdies in der Kirche an. Marinelli bereitet unterdessen eine Intrige vor, die das Leben der Familie Galotti aus den Angeln heben wird.

Im Hause Galotti ahnt zunächst niemand das Ausmaß der Gefahr. Emilias Mutter Claudia hält das höfische Auftreten des Prinzen für bloße Galanterie. Vater Odoardo, ein strenger Mann von altrömischem Tugendideal, ist über das Verhalten des Hofes beunruhigt, kehrt aber auf sein Landgut zurück. Als sich Marinellis Pläne entfalten, geraten Brautpaar und Eltern in Bedrängnis. In dieses Geschehen tritt die verlassene frühere Mätresse des Prinzen, Gräfin Orsina. Sie hat ihre eigenen Beobachtungen gemacht und eröffnet Odoardo eine Wahrheit, die alles verändert. Das Stück spielt innerhalb weniger Stunden eines einzigen Tages. Schritt für Schritt führt es in eine Lage, in der jede Entscheidung furchtbare Folgen hat.

Die Handlung im Detail↑

Der erste Aufzug spielt frühmorgens im Residenzschloss. Prinz Hettore Gonzaga arbeitet Bittgesuche ab und unterschreibt eines allein wegen der Namensgleichheit der Bittstellerin mit seiner heimlich verehrten Emilia Galotti. Einen Brief seiner Mätresse Orsina legt er ungelesen beiseite. Der Hofmaler Conti bringt zwei Bilder: das vom Prinzen bestellte Porträt Orsinas und ein Duplikat eines Emilia-Porträts, das eigentlich Vater Galotti in Auftrag gegeben hatte. Der Prinz entlohnt den Maler fürstlich. Sein Kammerherr Marinelli teilt ihm mit, dass Emilia noch am selben Tag den Grafen Appiani heiraten soll, und erhält freie Hand, das zu verhindern. Der Prinz beschließt, Emilia außerdem selbst beim Gottesdienst anzusprechen. Sein Rat Rota bewahrt ihn davor, ein Todesurteil unüberlegt zu unterschreiben.

Der zweite Aufzug führt in die Stadtvilla der Galottis. Odoardo, der nur kurz aus dem Land gekommen ist, kontrolliert die Hochzeitsvorbereitungen seiner Frau Claudia und missbilligt, dass Emilia allein zur Kirche gegangen ist. Während die Familie sich rüstet, erfragt Marinellis Handlanger Angelo vom Diener Pirro, einem ehemaligen Spießgesellen, der nun bei den Galottis dient, den Weg der Hochzeitsgesellschaft zum Trauungsort. Claudia erzählt ihrem Mann vom Entzücken, mit dem der Prinz Emilia auf einem Fest bewundert hat; Odoardo ist entsetzt. Er bricht auf, um Appiani zu besuchen und dann zum Landgut, dem Ort der Trauung, zu reisen. Emilia stürzt aufgewühlt herein und berichtet, der Prinz habe sie in der Kirche angesprochen. Claudia beruhigt sie mit der Erklärung, das sei nur höfische Galanterie. Appiani erscheint, bewundert seinen künftigen Schwiegervater, Emilia zeigt ihm ihre Hochzeitskleidung. Da fordert Marinelli den Bräutigam zu einem sofortigen Dienst für den Prinzen auf. Appiani lehnt wegen der Trauung ab. Marinelli reizt ihn zu einer Beleidigung; ein Duell, das Appiani daraufhin verlangt, verweigert Marinelli und zieht sich zurück.

Der dritte Aufzug spielt nachmittags im Lustschloss Dosalo. Marinelli meldet dem Prinzen, dass sein Vorstoß bei Appiani gescheitert sei, und weiht ihn in Teile der Intrige ein. In Hörweite des Schlosses fallen Schüsse. Der Bandit Angelo berichtet vom gelungenen Überfall: Appiani ist tot, ein Bandit ebenfalls. Prinz und Kammerherr beobachten, wie Emilia auf das Schloss zueilt. Sie will zurück zum Tatort, zu Mutter und Bräutigam; Marinelli hält sie zurück. Der Prinz entschuldigt sich für sein Auftreten in der Kirche und führt die sich sträubende Emilia in einen Nebenraum. Ein Diener kündigt Claudias Ankunft an; Marinelli befiehlt, das Volk, das sie begleitet, fortzuschicken. Claudia stellt ihn zur Rede, durchschaut den Zusammenhang von Überfall, Tod des Bräutigams und Entführung und beschuldigt ihn des Meuchelmordes und der Kuppelei im Auftrag des Prinzen. Als Mutter und Tochter einander an der Stimme erkennen, eilt Claudia zu Emilia.

Der vierte Aufzug bleibt im Lustschloss. Prinz und Marinelli streiten, wer von ihnen den Erfolg der Intrige verdorben hat. Da wird Gräfin Orsina gemeldet; Marinelli verspricht, sie zu entfernen. Orsina erkennt aus seinen Andeutungen ihre Lage und besteht darauf, vom Prinzen empfangen zu werden. Dieser weist sie schroff zurück und befiehlt Marinelli zu sich. Im Gespräch mit dem Kammerherrn entlockt Orsina ihm, dass Emilia beim Prinzen ist. Da sie durch eigene Kundschafter von der Kirchenbegegnung und der Liebeserklärung des Prinzen weiß, beschuldigt sie ihn des Mordes an Appiani und droht, alles öffentlich zu machen. Als Odoardo eintrifft und zu Claudia und Emilia geführt werden will, hält Marinelli ihn hin. Orsina überzeugt den Vater von der Schuld des Prinzen am Tod Appianis und an der Entführung. Odoardo will den Prinzen töten; Orsina reicht ihm dafür einen Dolch. Claudia bestätigt Orsinas Schilderung, berichtet von Emilias Zustand, und Orsina erfüllt Odoardos Bitte, die Mutter in die Stadt zurückzubringen.

Der fünfte Aufzug treibt das Geschehen zur Entscheidung. Der Prinz erläutert Marinelli die Schwierigkeit, Emilia ihrem Vater vorzuenthalten; Marinelli verspricht eine neue Intrige. Odoardo zweifelt nun selbst an Orsinas Glaubwürdigkeit und beschließt, seine Tochter allein zu retten. Er erklärt Marinelli die Absicht, Emilia aus der Residenz zu entfernen; Marinelli deutet an, dass dem ein Hinderungsgrund entgegenstehe – Emilia solle zur Wahrung des Anscheins in das Haus eines Kanzlers Grimaldi gebracht werden. Odoardo greift wieder zum Mordplan. Der Prinz beschließt im Sinne Marinellis, die Familienmitglieder voneinander zu trennen; Odoardo bittet, vorher mit Emilia allein sprechen zu dürfen. Aus Misstrauen, sie könnte mit dem Prinzen im Einverständnis stehen, will er Dosalo verlassen, bleibt aber, als sie eintritt. Vater und Tochter erörtern, welche Möglichkeiten ihnen bleiben. Emilia fürchtet weniger den Tod als die Schwäche ihrer eigenen Sinne, der sie an einem Hof wie diesem nicht trauen könne; sie bringt den Vater dazu, sie zu töten, um ihre Tugend zu retten. Odoardo ersticht sie. Dem hinzukommenden Prinzen wirft er die Tat vor die Füße und fordert ihn auf, sein Richteramt an ihm selbst auszuüben. Der Prinz verbannt Marinelli vom Hof.

Stil↑

Lessing baut Emilia Galotti als bürgerliches Trauerspiel in fünf Aufzügen. Damit folgt er einer Form, die im 18. Jahrhundert neu war. Die Tragik geht nicht mehr von Königen und Heroen aus, sondern von einer bürgerlichen Familie. Deren Wertewelt aus Tugend, Sittlichkeit und häuslicher Bindung stößt mit der Willkür des Hofes zusammen. Das Stück verzichtet auf die strenge Regelpoetik Gottscheds und auf das französische Vorbild, dem die deutsche Tragödie bis dahin verpflichtet war.

Die Handlung ist auf wenige Stunden eines einzigen Tages zusammengezogen und schreitet in dichter Folge von Szene zu Szene voran. Die Aufzüge wechseln in straffer Abfolge zwischen Residenzschloss, Stadtvilla und Lustschloss Dosalo und drängen alles auf einen einzigen Tagesablauf zusammen. Die Sprache ist klar, knapp und gedanklich geschärft. Statt großer Affektreden trägt der schnelle, oft kurze Dialog die Spannung. Anstößige Szenen wie der Überfall auf die Hochzeitskutsche und der Mord am Bräutigam werden nicht gezeigt. Sie werden durch Botenberichte und das Hören von Schüssen in die Szene geholt: ein klassisches Mittel der Tragödie, das Lessing bewusst nutzt. Den antiken Verginia-Stoff übernimmt er nur zum Teil und „reinigt“ ihn, wie er selbst sagt, vom „Staatsinteresse“. So verlagert er die Tragödie in das private Verhältnis von Vater, Tochter und Fürst.

Rezeption↑

Das Stück wurde am 13. März 1772 im Herzoglichen Opernhaus in Braunschweig uraufgeführt, anlässlich des Geburtstages der Herzogin Philippine Charlotte und in der Inszenierung von Karl Theophil Döbbelin. Lessing selbst war bei der Uraufführung nicht anwesend und besuchte auch keine der Wiederholungen. Emilia Galotti gilt seither als eines der Schlüsselwerke der deutschen Aufklärung und als Markstein des bürgerlichen Trauerspiels. Das Stück lebt von der Spannung zwischen höfischer Willkür und bürgerlicher Moral sowie zwischen feudaler Liebesauffassung und empfindsamem Liebesideal. Das machte es für die Zeitgenossen brisant und hat es bis heute auf der Bühne gehalten. Davon zeugen prominente Inszenierungen, etwa die Theaterproduktionen Oskar Wälterlins und Kurt Hirschfelds sowie der Fernsehfilm von Ludwig Cremer aus dem Jahr 1970.

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