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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Lichtenstein
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Cover Lichtenstein
Lichtenstein
1826
– Werkseintrag –

Lichtenstein

1826 · Roman

Ein verarmter Ritter zieht in den Krieg, um die Hand seiner Geliebten zu gewinnen – und gerät zwischen die Fronten eines zerrissenen Württemberg.

Überblick

Der historische Roman Lichtenstein erschien 1826 und gehört neben den Märchen zu den größten literarischen Erfolgen Wilhelm Hauffs. Das Werk spielt im Württemberg des frühen 16. Jahrhunderts und verbindet eine Liebesgeschichte mit den Kämpfen um Herzog Ulrich von Württemberg. Gemeinsam mit Benedikte Naubert zählt Hauff zu den Begründern des historischen Romans in deutscher Sprache. Die Wirkung reichte weit über das Buch hinaus: Sie inspirierte später sogar den Bau eines eigens errichteten Schlosses auf der Schwäbischen Alb.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht der verarmte fränkische Adelige Georg von Sturmfeder. Er ist fest entschlossen, sich die Heirat mit seiner Geliebten Marie von Lichtenstein durch Tapferkeit im Kampf zu verdienen. Dafür will er an der Seite des Schwäbischen Bundes gegen Herzog Ulrich von Württemberg ziehen.

Doch schon bei der Sammlung der bündischen Truppen in Ulm gerät Georgs Plan ins Wanken. Er erfährt, dass Maries Vater wider Erwarten auf der Gegenseite steht, also für Württemberg. Damit kämpft Georg plötzlich gegen jene Partei, der die Familie seiner Geliebten anhängt. Gekränkt durch den Anführer des Bundes, gerät er bald in einen Zwiespalt zwischen seinem Wort, seiner Ehre und seiner Liebe.

Der Roman folgt Georg auf seinem Weg durch das vom Krieg erschütterte Württemberg, vorbei an Verfolgung, Verwundung und gefährlichen Begegnungen, bis hin zum Schloss Lichtenstein, wo Marie auf ihn wartet. Die Erzählung verknüpft das persönliche Schicksal des jungen Paares eng mit dem Ringen um das Land und seinen vertriebenen Herzog.

Die Handlung im Detail

Der verarmte fränkische Adelige Georg von Sturmfeder will sich durch Kampf an der Seite des Schwäbischen Bundes gegen Herzog Ulrich von Württemberg die Heirat mit Marie von Lichtenstein verdienen. Am Rande der Sammlung der bündischen Truppen in Ulm erfährt er jedoch, dass Maries Vater auf der Seite Württembergs steht. Wegen Kränkungen durch den Truchseß von Waldburg, den Anführer des Schwäbischen Bundes, verlässt Georg den Bund. Er wird kurzzeitig in Haft genommen, darf aber durch Fürsprache Frondsbergs, eines Freundes seines Vaters, aus Ulm ausreisen.

Kaum hat er Ulm verlassen, trifft er auf den Pfeifer von Hardt. Dieser bietet an, ihn nach Schloss Lichtenstein zu Marie zu führen. Bei einem Überfall wird Georg für den flüchtigen Herzog von Württemberg gehalten und schwer verwundet. Im Haus des Pfeifers pflegt ihn dessen Familie gesund. Geführt von Bärbele, der Tochter des Pfeifers, gelangt Georg schließlich nach Lichtenstein, wo Marie ihn erwartet.

Dort erfährt er, dass sich Herzog Ulrich auf dem Schloss und in der Nebelhöhle versteckt hält. Georg ist dem Herzog zuvor bereits mehrfach begegnet, ohne ihn zu erkennen. Maries Vater knüpft sein Einverständnis zur Ehe an eine Bedingung: Württemberg muss Stuttgart zurückerobern. Tatsächlich gelingt der Wiedereinzug des Herzogs, und im Stuttgarter Schloss wird die Hochzeit von Georg und Marie gefeiert.

Damit ist der Krieg jedoch nicht beendet. In der Schlacht bei Esslingen unterliegen die Württemberger dem Schwäbischen Bund. Herzog Ulrich kann mit seinem engsten Gefolge fliehen, unter ihnen Georg. In Köngen geraten sie in einen Hinterhalt. Der Herzog entkommt durch einen Sprung von der Brücke, der Pfeifer stirbt todesmutig im Kampf. Georg hat zuvor die Rüstung des Herzogs angelegt und wird an dessen Stelle verhaftet. Als das Tauschmanöver auffällt, bewahrt erneut Frondsberg ihn vor einer Strafe im Verlies. Stattdessen wird Georg milde mit Hausarrest auf Schloss Lichtenstein bestraft.

Stil

Angelegt ist das Werk als historischer Roman, der eine Liebesgeschichte mit den realen Wirren um Herzog Ulrich von Württemberg verbindet. Die Handlung spielt im frühen 16. Jahrhundert und ist eng an konkrete Schauplätze der Schwäbischen Alb gebunden – an Schloss Lichtenstein, die Nebelhöhle und die Städte des alten Württemberg. Hauff schrieb für ein breites Unterhaltungspublikum, und das prägt die Erzählweise: spannungsreiche Begegnungen, Verwechslungen, Überfälle und Fluchten treiben das Geschehen voran. Spätere Kritik sah darin freilich eher eine Liebesgeschichte im historischen Gewand, bei der der geschichtliche Hintergrund als Kulisse dient.

Rezeption

Mit großem Erfolg fand das Buch sein Publikum. Hauff schrieb bewusst für das „wachsende Unterhaltungsbedürfnis seines vorwiegend weiblichen Publikums" und für den Verkaufserfolg – und der stellte sich mit Lichtenstein auch ein. Wie sehr Hauff zum kulturellen Selbstverständnis des alten Württemberg gehörte, zeigt sich daran, dass sein Name in sprichwörtlich gewordene Merkverse der drei oder vier bedeutendsten Autoren des Landes einging.

Im Lauf der Zeit verblasste dieser Ruhm. Um 1960 galt der Roman nur noch als „Lektüre der heranwachsenden Jugend". Am Ende des 20. Jahrhunderts beruhte Hauffs literarische Bekanntheit fast ausschließlich auf seinen Märchen; in einer Darstellung der romantischen Literaturgeschichte von 1997 wurden Hauff und sein Roman nicht einmal mehr erwähnt. Auch die Einordnung als historischer Roman wurde angezweifelt – manche Stimmen sahen darin nur „eine Vorform des historischen Romans".

Der Stoff regte zugleich andere Künstler an. Ein Herr Bosshardt gestaltete ihn 1834 als Versdichtung, im selben Jahr verarbeitete Christoph Kuffner ihn in seinem Drama Guido von Ostenthal. Mindestens drei heute vergessene Opern entstanden, darunter eine von Peter Joseph von Lindpaintner, die 1846 in Stuttgart das Neue Hoftheater eröffnete.

Am sichtbarsten wirkt der Roman bis heute in Stein gebaut: Inspiriert von der Erzählung ließ Graf Wilhelm von Württemberg 1840 bis 1842 auf einem weithin sichtbaren Felsen Schloss Lichtenstein errichten, dessen Wandmalereien zum Teil Szenen aus dem Buch zeigen. Damit gehört das Schloss zu den gebauten Mittelalter-Träumen des 19. Jahrhunderts. Es sticht jedoch dadurch hervor, dass ein Roman ihm unmittelbar voranging und ihn unmittelbar inspirierte – etwas Vergleichbares gibt es sonst kaum. Das Wilhelm-Hauff-Museum in Lichtenstein-Honau widmet sich neben den Märchen besonders diesem Roman und der durch ihn angeregten Erbauung des Schlosses.

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