Lied der ewigen Bedauern
Überblick↑
Das Gedicht Lied der ewigen Bedauern (chinesisch 長恨歌) stammt von dem Tang-Dichter Bai Juyi (772–846) und entstand im Jahr 806. Es ist ein langes Gedicht in klassischem Chinesisch. Erzählt wird die tragische Liebe zwischen Kaiser Xuanzong der Tang-Dynastie und seiner bevorzugten Gemahlin Yang Guifei (719–756). Aus diesem Stoff wurde einer der bekanntesten Texte der chinesischen Dichtung, der über Jahrhunderte hinweg Bühnenstücke, Bilder und Musik angeregt hat.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt des Gedichts steht ein Herrscher, der sein Herz an eine Frau verliert. Kaiser Xuanzong erhebt Yang Guifei zu seiner bevorzugten Gemahlin und wendet sich ihr mit einer Hingabe zu, die alles andere überstrahlt. Über der Liebe vernachlässigt er die Pflichten, die sein Amt ihm auferlegt.
Der erste Teil des Gedichts zeichnet dieses Übermaß am Hof mit spöttischem Unterton. Der zweite Teil erzählt die Liebesgeschichte der beiden ganz aus der Nähe und mit großer Anteilnahme. Schon der Titel deutet an, dass diese Verbindung kein leichtes Glück bleibt: Er spricht von einem Bedauern, das kein Ende findet.
Die Handlung im Detail↑
Erzählt wird die Geschichte des Tang-Kaisers Xuanzong und seiner bevorzugten Gemahlin Yang Guifei. Der Kaiser hängt mit ganzer Leidenschaft an ihr. Bai Juyi schildert im ersten Abschnitt, wie der Herrscher sich in Prunk und Genuss verliert und die Regierungsgeschäfte darüber aus dem Blick verliert. Dieser Teil ist deutlich spöttisch gehalten und richtet sich gegen die Maßlosigkeit am Hof.
Der zweite Abschnitt wechselt den Ton vollständig. Nun steht die Liebe der beiden im Vordergrund, und das Gedicht folgt ihr mit warmer Anteilnahme. Die Verbindung endet tragisch; Yang Guifei überlebt die Ereignisse nicht. Was bleibt, ist die Trauer des Kaisers, ein Schmerz, der nach dem Tod der Geliebten nicht aufhört. Genau darauf zielt der Titel: auf ein Bedauern ohne Ende.
Hinter der Liebesgeschichte steht mehr als eine höfische Anekdote. Nach der Deutung des Kommentators Zhou Tian spricht aus dem Gedicht Bai Juyis Enttäuschung über die Regierung seiner Zeit. Yang Guifei erscheint bei ihm als betörende Gestalt, der im Leben wie im Tod eine Mitschuld am Niedergang der Tang-Dynastie zugeschrieben wird.
Stil↑
Angelegt ist das Werk als langes Erzählgedicht in klassischem Chinesisch. Bai Juyi verbindet darin zwei Tonlagen, die einander eigentlich widersprechen. Der Anfang ist scharf und spöttisch und nimmt die Verschwendung des Hofes aufs Korn. Der weitere Verlauf wird zur Liebesklage und lässt den Spott hinter sich.
Aus diesem Wechsel bezieht das Gedicht seine besondere Wirkung. Politische Kritik und ein zartes Liebesgedicht stehen in ein und demselben Text nebeneinander. Dass sich beide Lesarten nicht auflösen lassen, hat die Deutungen bis heute beschäftigt.
Rezeption↑
Bereits kurz nach der Entstehung begann die Wirkung des Gedichts. Bai Juyis Freund Chen Hong schuf eine erzählerische Fassung des Stoffes unter dem Titel Chang Hen Zhuan. Von dort führt eine Linie weiter zu Bai Pus Drama Regen auf dem Paulownienbaum und zu Hong Shengs Palast des ewigen Lebens.
Auch außerhalb Chinas wirkte der Text. In der japanischen Literatur der Heian-Zeit hinterließ er deutliche Spuren, unter anderem in der Geschichte vom Prinzen Genji. Der Maler Li Yishi (1886–1942) illustrierte das Gedicht mit einer Folge von dreißig Bildern. In der Musik wurde es 1933 von Huang Zi als Kantate vertont, 1991 von Mo Fan als Orchesterlied. In den Schriften Mao Zedongs wird darauf Bezug genommen.
Bis in die Gegenwart reicht die Spur. Die Schriftstellerin Madeleine Thien zitiert auf den Schlussseiten ihres preisgekrönten Romans Do Not Say We Have Nothing aus dem Gedicht. Wang Anyis Roman von 1995 trägt denselben Titel wie das Gedicht, erzählt aber vom bewegten Leben einer Frau im Shanghai des 20. Jahrhunderts; 2005 wurde er in Hongkong verfilmt. Eine tragende Rolle spielt das Gedicht schließlich in Chen Kaiges Historienfilm Legend of the Demon Cat aus dem Jahr 2017. Dort ringt der Dichter Bai Juyi mit seinem Gedicht über Yang Guifei, während er zugleich einen Mordfall aufklärt, der mit ihrem Tod zusammenhängt.
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