1794
Lieder der Unschuld und Erfahrung
Überblick↑
Bei dem Werk Songs of Innocence and of Experience handelt es sich um eine Sammlung illustrierter Gedichte des englischen Dichters und Malers William Blake. Ursprünglich schuf Blake zwei getrennte Bände: Songs of Innocence und Songs of Experience. Erst 1794 fügte er beide Teile zu einem gemeinsamen Werk zusammen. Dieses trug den erläuternden Untertitel „die beiden gegensätzlichen Zustände der menschlichen Seele“. Von Jugend an war Blake Kupferstecher und Dichter zugleich. Zu jedem Gedicht druckte und kolorierte er von Hand eine eigene Bildtafel. Diese Verbindung von Wort und Bild gehörte von Anfang an zu seiner künstlerischen Idee. Seine Sicht auf die Kindheit als einen Zustand behüteter Unschuld – nicht als Erbsünde – wurde bald zu einem Kennzeichen der Romantik.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Zwei gegensätzliche Welten stellt das Werk einander gegenüber. Der erste Teil, die Lieder der Unschuld, zeigt eine heitere, kindlich-arglose Wahrnehmung der Welt in friedlich-ländlicher Harmonie. Lämmer, spielende Kinder und freundliche Stimmen bestimmen den Ton. Doch schon hier blitzen leise Gefahren auf. Einzelne Gedichte deuten an, dass dieser verletzliche Zustand der Welt und ihren Einrichtungen nicht gewachsen ist.
Der zweite Teil, die Lieder der Erfahrung, greift dieselben Bilder und Themen auf. Er wendet sie aber ins Dunklere und Schmerzlichere. Manche Gedichte tragen denselben Titel wie ihr Gegenstück im ersten Teil und laden so zum Vergleich ein. Wer beide Teile nebeneinander liest, erkennt, wie sich Unschuld und Erfahrung wie zwei Seiten desselben Lebens gegenüberstehen.
Die Handlung im Detail↑
Aus zwei ursprünglich selbständigen Sammlungen ist das Gesamtwerk gewachsen. Die Lieder der Unschuld waren zunächst eine vollständige Sammlung von 23 Gedichten, die erstmals 1789 gedruckt wurde. Blake fertigte dafür 31 Druckplatten an und stellte schätzungsweise siebzehn oder achtzehn Exemplare her. Dieser Teil zeigt überwiegend ein glückliches, unschuldiges Erleben in ländlicher Eintracht. An einzelnen Stellen jedoch – etwa in „The Chimney Sweeper“ (Der Schornsteinfeger) und „The Little Black Boy“ (Der kleine schwarze Junge) – treten auf feine Weise die Gefahren dieses naiven, schutzlosen Zustands hervor.
Die Lieder der Erfahrung bilden mit 26 Gedichten den zweiten Teil. Sie erschienen 1794. Erst in diesem Jahr fügte Blake beide Sammlungen zu einem Band zusammen. Auch danach stellte er weiterhin einzelne Bände jeder der beiden Gruppen her. Einige Gedichte verschob Blake zwischen den beiden Büchern hin und her; so wanderten etwa „The Little Girl Lost“ (Das verlorene kleine Mädchen) und „The Little Girl Found“ (Das wiedergefundene kleine Mädchen) zu den Liedern der Unschuld.
Den inneren Bau des Werkes bestimmt das Prinzip des Gegensatzes. Vielen Gedichten der Unschuld steht ein Gegenstück in der Erfahrung gegenüber. Dem sanften Lamm in „The Lamb“ antwortet der furchteinflößende Tiger in „The Tyger“, dessen brennendes Bild zu den bekanntesten Versen Blakes zählt. In „The Sick Rose“ (Die kranke Rose) verbindet sich Schönheit mit Verfall. So führt das Werk vor, wie dieselben Bilder – Kind, Tier, Blume – im Licht der Unschuld und im Licht der Erfahrung ganz verschieden erscheinen.
Untrennbar gehört zu jedem Gedicht seine Bildtafel. Jede Seite enthält den Gedichttext, umgeben von einer eigens gestalteten Illustration. Blake stach eine kupferne Druckplatte im Hochrelief von Hand, druckte sie ab und bemalte anschließend jede Seite mit verschiedenen Mitteln, darunter Wasserfarben. Dadurch unterschied sich jeder Druck sichtbar vom vorhergehenden. Die Bilder geben nicht einfach wieder, was im Text steht; sie verstärken und deuten die Gedichte und sind für ihr volles Verständnis wesentlich. Bei manchen Gedichten verändert die Illustration sogar den Sinn, so bei „The Blossom“ (Die Blüte) und der ersten Tafel von „The Little Girl Lost“.
Stil↑
Die Verbindung von Dichtung und Bildkunst kennzeichnet das Werk in besonderem Maße. Blake bekannte in einem Brief, das Werk sei ein Versuch gewesen, „den Maler und den Dichter“ zu vereinen. Jede Seite ist zugleich Gedicht und Kunstwerk. Der Text steht inmitten einer von Hand gestochenen und kolorierten Illustration. Weil Blake jede Bindung einzeln bemalte, ist kein Exemplar dem anderen gleich.
Sprachlich knüpft Blake an die schlichte, liedhafte Form an. Er war stark von Kinderliteratur und der Erziehung der Jugend angeregt. Seine Verse tragen oft den einfachen Ton von Kinderreimen. Diese scheinbare Einfachheit täuscht jedoch über die Tiefe der Gedanken hinweg. Der Dichter Allen Ginsberg war überzeugt, dass die Gedichte von Anfang an zum Singen gedacht waren und sich durch das Studium von Reim und Versmaß als Lieder wiedergeben ließen. Manche von Blakes Illustrationen wurden gelegentlich wegen Ungenauigkeiten oder fehlender Naturtreue kritisiert, etwa die uneinheitliche Färbung der Rose in „The Sick Rose“ oder die Gestalt des Tigers in „The Tyger“.
Rezeption↑
Zu einem Kennzeichen der Romantik wurde Blakes Sicht auf die Kindheit als einen Zustand behüteter Unschuld, der den Einrichtungen einer gefallenen Welt dennoch ausgesetzt bleibt. Besonders auffällig ist die anhaltende Beziehung zwischen dem Werk und der Musik. Gedichte aus beiden Teilen wurden von zahlreichen Komponisten vertont, darunter Ralph Vaughan Williams, Benjamin Britten und Sven-David Sandström. Der Komponist William Bolcom vollendete 1984 eine Vertonung der gesamten Sammlung. Eine Aufnahme dieses Werkes unter Leonard Slatkin gewann 2005 vier Grammy Awards.
Auch über die klassische Musik hinaus wirkt das Werk fort. Allen Ginsberg ersann und leitete 1969 ein Album mit vertonten Gedichten, das 1970 erschien. Die irische Rockgruppe U2 veröffentlichte 2014 ein Album mit dem Titel Songs of Innocence und 2017 ein weiteres mit dem Titel Songs of Experience. Der amerikanische Liedermacher Bob Dylan erwähnte die Lieder der Erfahrung in seinem Lied „I Contain Multitudes“ auf seinem Album Rough and Rowdy Ways von 2020. Mehrere Faksimile-Ausgaben haben Blakes illustrierte Fassungen einem breiteren Publikum zugänglich gemacht, so eine Folio-Ausgabe aus dem Jahr 2006.
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