Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Lisao
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Lisao
– Werkseintrag –

Lisao

· Lyrik

Ein verstoßener Höfling des alten China bricht zu einer Reise durch wirkliche und mythische Landschaften auf, spricht mit Geistern und Göttern und beharrt darauf, rein zu bleiben in einer verdorbenen Welt.

Überblick↑

Das Gedicht Lisao gehört zu den frühen Zeugnissen der chinesischen Dichtung. Es stammt aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., der Zeit der Streitenden Reiche, und wird überliefert Qu Yuan aus dem Königreich Chu zugeschrieben. Der Text bildet den Kern der Sammlung Chuci, deren übrige Stücke sich um ihn gruppieren. Mit 373 Versen und annähernd 2500 Schriftzeichen zählt es zu den längsten Gedichten des alten China. Die deutsche Übertragung des Titels lautet meist „Begegnung mit dem Kummer“.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Zu Beginn stellt sich der Dichter selbst vor. Er nennt seine Herkunft und seine Ahnen und erinnert an seinen früheren Rang als Schamane. Dann kommt er auf seine gegenwärtige Lage zu sprechen: Feinde am Hof haben ihn verleumdet, und der König, dem er diente, hat ihn verstoßen.

Von dort aus bricht der Text in eine weite Reise auf. Der Dichter durchquert die Landschaften des alten China, wirkliche wie sagenhafte, und sucht dabei die Begegnung mit Geistern und Gottheiten. Sein Reinheitsanspruch bestimmt den ganzen Weg: Er will unberührt bleiben von der Verderbnis, die den Hof durchzieht. Zugleich klagt er über den Niedergang des einst mächtigen Staates Chu. Wohin ihn die Reise am Ende führt und wofür er sich entscheidet, bleibt dem Leser vorbehalten.

Die Handlung im Detail↑

Zunächst spricht der Dichter von sich selbst, von seiner Abstammung und von der schamanischen Würde, die er einst besaß. Anders als in den namenlosen Stimmen des Shijing tritt hier ein Ich hervor, das sich als bestimmte Gestalt zu erkennen gibt. Es schildert seine Lage: Am Hof von Chu haben Gegner Ränke gegen ihn geschmiedet, sie haben ihn beim König verleumdet, und König Huai von Chu hat ihn schließlich verstoßen.

Aus dieser Zurückweisung heraus beginnt die große Fahrt. Der Dichter durchmisst leibhaftig und im Geist die Landschaften des alten China und dringt in mythische Bereiche vor. Er sucht göttliche und geistige Wesen auf, tritt mit ihnen in Verbindung oder versucht es zumindest. Dabei zieht sich seine Klage durch alle Stationen: Seine Rechtschaffenheit, seine Reinheit und seine Ehre finden in einer verdorbenen Welt keine Verwendung. Er will sich nicht beflecken lassen von der Bestechlichkeit, die am Hof herrscht, und er trauert dem Verfall des einst starken Staates Chu nach.

Am Ende fasst der Dichter den Entschluss fortzugehen und sich Peng Xian anzuschließen. Wer diese Gestalt ist, wird seit langem verschieden gedeutet. Manche halten sie für den Sonnengott. Der Han-zeitliche Kommentator Wang Yi sah in ihr einen Beamten der Shang-Dynastie, der sich der Überlieferung nach ertränkte, nachdem der König seinen klugen Rat verworfen hatte. Diese Sage könnte allerdings erst später entstanden sein, angeregt durch die Umstände von Qu Yuans eigenem Tod im Wasser. Andere Gelehrte lesen den Namen als zwei Personen, Peng und Xian. Möglich ist auch, dass ein alter Schamane gemeint war, der später für das Leben des Einsiedlers stand.

Stil↑

Kennzeichnend für das Gedicht ist die fu-Form. Als Werk der Chu-Dichtung schöpft es aus einem breiten Vorrat an Bildern, die der Kultur von Chu entstammen. Diese Kultur war eng mit einer chinesischen Form des Schamanismus verbunden, und ein großer Teil des Textes besteht aus der Geisterreise zu Gottheiten und Geistern.

Zugleich ist das Gedicht eine politische Allegorie. Die Reise durch reale und mythische Landschaften trägt die Klage des Dichters über seine Verleumdung und Verstoßung. Damit zählt der Text zu den grundlegenden Werken der umfangreichen chinesischen Überlieferung von Landschafts- und Reisedichtung.

Auch der Titel selbst ist nicht eindeutig. In der Lebensbeschreibung Qu Yuans bei Sima Qian wird li sao als gleichbedeutend mit li you erklärt, also als Fortgehen mit dem Kummer. Der Gelehrte Ban Gu deutete den Titel im 1. Jahrhundert n. Chr. ausdrücklich als Begegnung mit dem Kummer. Neuere Überlegungen nehmen an, dass Abschreiber zwei ähnliche Schriftzeichen verwechselten, sodass der heutige Name entstand; dann könnte ursprünglich „auf ein Vergehen treffen“ gemeint gewesen sein.

Rezeption↑

Über die Jahrhunderte hat sich um das Gedicht eine breite Auslegungstradition gebildet. Die Deutung als Allegorie steht dabei im Vordergrund, und das Bild des zu Unrecht verstoßenen rechtschaffenen Ministers wurde in der späteren Literaturkritik bisweilen übersteigert. Bereits in der Han-Zeit legte Wang Yi die Sammlung Chuci kommentierend aus. Die übrigen Stücke der Anthologie ordnen sich um das Gedicht, das zugleich als Lebensbeschreibung seines Verfassers gelesen wurde.

Im 19. Jahrhundert brachte Pan Zuyin (1830–90), ein Sprachgelehrter im Dienst der Qing-Dynastie, den Text neu heraus. Die Ausgabe erschien in vier Bänden mit zwei Vorreden, deren eine von Xiao Yuncong stammt.

In die westlichen Sprachen fand das Gedicht seit dem 19. Jahrhundert Eingang. Eine französische Übertragung legte der Marquis d'Hervey de Saint Denys 1870 vor. Im englischen Sprachraum folgten unter anderem E. H. Parker, James Legge und Lim Boon Keng. Prägend wurde die Fassung von David Hawkes in seiner Ausgabe der Lieder des Südens von 1959. Später nahm Stephen Owen den Text in seine Anthologie chinesischer Literatur auf. Eine italienische Übertragung erschien 1938 durch G. M. Allegra.

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